Mediziner im Glass-Haus

1. September 2014
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Medizinische Hard- und Software sind ein lukrativer Markt, der auch Google nicht verborgen geblieben ist. Der Konzern arbeitet an mehreren Produkten, wie einer Datenbrille für Chirurgen und einer Linse, die den Blutzuckerspiegel bestimmt.

Schöne neue Welt: Mehrere Jahre hat Google an der Datenbrille Google Glass gearbeitet. Sie besteht unter anderem aus einem Zentralprozessor mit Arbeitsspeicher, einer nach vorne gerichteten Digitalkamera, einem Mikrofon sowie einem Knochenleitungs-Lautsprecher. Schnittstellen und Sensoren kommen hinzu. In das Sichtfeld lassen sich Daten aus dem Web einblenden. Bedient wird Google Glass primär durch Kopfbewegungen und durch Worte. Interessierte können den Miniaturcomputer über das Web bestellen. Ärzte loten jetzt die Stärken und Schwächen des neuen Tools für medizinische Anwendungen aus.

Google Glass auf Herz und Nieren geprüft

Bereits Ende 2013 gab es eine Premiere: Niederländische Kollegen setzten bei einem abdominalchirurgischen Eingriff Google Glasses ein. Sie übertrugen das Geschehen live zum Kongress „Games for Health Europe“ und zu YouTube – ein Plus für die Lehre. Doch elektronische Datenbrillen leisten weitaus mehr. Jetzt hat Oliver J. Muensterer vom New York Medical College Erfahrungsberichte aus der pädiatrischen Chirurgie veröffentlicht. Zusammen mit Kollegen erprobte Muensterer die Brille als „Explorer-Version“ vier Wochen lang. Das Team dokumentierte Eingriffe, führte Telefonate oder Videokonferenzen, legte Abrechnungsziffern fest oder recherchierte im Web – ohne das sterile OP-Gebiet zu verlassen.

Mit dem Tragekomfort waren alle Tester zufrieden. Sie kritisierten allerdings, dass die Batterie kaum zwölf Stunden durchhielt. Begann ein OP-Tag um sieben Uhr, machte Google Glass bereits am Nachmittag schlapp. Bei voller Leistung – dazu gehören unter anderem Videofunktionen – war schon nach 30 bis 40 Minuten Schicht im Schacht. Bei der Tonqualität gab es ebenfalls noch Luft nach oben. Doch damit nicht genug: Streamte das Team Eingriffe, brach der Datenfluss zeitweilig ab. Während Entwickler diverse, zumeist technische Kinderkrankheiten sicher in den Griff bekommen, bleibt der Datenschutz eine Achillesferse: Alle Daten landen zwischenzeitlich auf Google-Servern. Was dort mit den Informationen geschieht, ist unklar – nicht jede Videokonferenz soll schließlich der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Chirurgen testen erweiterte Realität

Ein weiterer Anlauf: Chirurgen der University of Alabama in Birmingham, USA, haben mit Funktionen der erweiterten Realität (augmented reality) gearbeitet. Zum Einsatz kam die Plattform VIPAAR (Virtual Interactive Presence in Augmented Reality) in Kombination mit einem Computer und einer Videobrille. Während Brent Ponce am UAB Highlands Hospital in Birmingham Totalendoprothesen (TEP) einsetzte, gab sein Kollege Phani K. Dantuluri aus Atlanta virtuelle Ratschläge. Beide Chirurgen konnten den Fall in Echtzeit diskutieren – schließlich sah Dantuluri den Eingriff und sogar die Position von Instrumenten aus Ponces Blickwinkel. Ärzte am UAB sprechen von der Chance, jungen Chirurgen bei komplizierten Eingriffen erfahrene Mentoren an die Seite zu stellen ohne dass diese vor Ort sein müssen.

Das geht ins Auge: Intelligente Kontaktlinsen

Google hat neben Datenbrillen weitere medizinische Tools in der Entwicklungs-Pipeline. Zusammen mit der Novartis-Tochter Alcon sollen SmartLens-Technologien weiter entwickelt werden. Dank miniaturisierter Elektronik ließe sich einerseits die Altersweitsichtigkeit korrigieren. Patienten mit Presbyopie benötigen technische Unterstützung, weil ihre natürliche Fokussierung nicht mehr vollständig funktioniert. Doch damit geben sich die Forscher nicht zufrieden.

Neue Kontaktlinsen bestimmen die Glukosewerte in der Tränenflüssigkeit und senden entsprechende Daten drahtlos an Smartphones. Ein Vorteil: Die intelligente Linse erfasst Messwerte im Sekundentakt und warnt Patienten via App lange vor einer kritischen Stoffwechsellage bei Diabetes mellitus. Lutz Heinemann von der DDG-Arbeitsgemeinschaft „Diabetes und Technologie“ begrüßte entsprechende Planungen. Er machte klar, dass seine Arbeitsgemeinschaft bereit sei, Google zu unterstützen. Im besten Falle ließe sich die Compliance deutlich verbessern – viele Patienten empfinden Blutentnahmen aus der Fingerbeere als äußerst unangenehm und halten sich nicht an ärztliche Empfehlungen. Bis zur Marktfähigkeit müssen Entwickler jedoch noch einige Klippen umschiffen. Beispielsweise sind die Glukosewerte in der Tränenflüssigkeit 50 Mal niedriger als im Blut. Änderungen haben eine Zeitverzögerung von sieben Minuten.

Grenzenlose Echtzeitdokumentation von Erkrankungen

Andere Technologien von Google sind schon längst in der Praxis angekommen, Stichwort Software. Beispielsweise lässt sich Google Maps auch als medizinisches Frühwarnsystem für Ärzte und Patienten einsetzen. Baxter hat auf dieser Basis eine Karte aller FSME-Risikogebiete veröffentlicht. Forscher der Weltgesundheitsorganisation WHO nutzen das Tool, um die Ebola-Ausbrüche seit 1976 zu dokumentieren. Karten dieser Art haben einen großen Vorteil: Alle Schreibberechtigten, beispielsweise Ärzte vor Ort, können Erkrankungsfälle vor Ort in Echtzeit eintragen, und das ohne administrativen Aufwand. Solange es sich um anonymisierte Fallmeldungen handelt, ist die Datensammlung unproblematisch. Bei patientenbezogenen Informationen müssen sich Verantwortliche jedoch fragen, wie genau es Google mit dem Datenschutz nimmt.

44 Wertungen (4.52 ø)

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8 Kommentare:

Arzt
Arzt

Ich könnte mir vorstellen, dass man das für die Weltraumfahrt nutzen könnte.
Der Chirurg sitzt unten am Sofa mit so ner Cyber-Brille
und sagt dem zitternden Astronauten, wie der seinem Kollegen den Blinddarm rauspuhlen muss.
Also für den Fall, dass der akut ist,
und wieder mal eine Rakete ausgefallen ist den Kranken rechtzeitig runter zu holen.

#8 |
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Gast
Gast

@Silke Schuster, ne, wir wollen nicht,
aber wer fragt uns denn?
Vielleicht werden wir mit einer Drohne erschossen, wenn wir nicht mitmachen.

#7 |
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Gast
Gast

Dr. Thomas Lorenzen was soll bitte “lensrettend” sein mit einer “Datenbrille”?

#6 |
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Hier ergibt sich wieder einmal der klassische Konflikt zwischen den segensreichen Möglichkeiten der modernen Technik und den negativen Möglichkeiten der Datensammelei. Bei jeder Laborsoftware würde sich ja auch die Möglichkeit des Fernwartungszugriffes segensreich anbieten, aber Zugriff aus Ländern außerhalb der deutschen Datenschutzregularien? Noch nicht einmal europäische Datenschutzstandards? Bei so einer amerikanischen Datensammelkrake wie Google? Hier interessiert mich die konkrete Stellungnahme des Münsteraner Datenschutzbeauftragten des Klinikums zu dieser Studie interessiert und wie die deutschen Datenschutzbestimmungen eingehalten werden konnten. An meiner vorherigen Arbeitsstelle an einer ostdeutschen Uniklinik wurde einer amerikanischen Gerätefirma die Installation einer Datensammelgerätes zur Fernwartung bei Thrombozytapheresegeräten verweigert, trotz des Vorteile der besseren Wartung und frühzeitigeren und genaueren Diagnose von Geräteabweichungen. Möchten und werden wir andererseits auf die evtl. lebensrettenden Segnungen der modernen Technik wegen der Gefahr des datentechnisch gläsernen Menschen verzichten?

#5 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

….wenn jemand mit Leib und Seele Arzt und Therapeut ist,
wird er zunächst die Krankheitsdaten seines Patienten vor google schützen.
Das steht an erster Stelle!
Auch heute werden Menschen schon mit ihrem Privatleben erpresst.
Hinzu kommt, dass da irgendwo da im Hinterkopf die nicht ausrottbare Illusion steht,
der “Roboter” sei der bessere Chirurg.
Das ist falsch.

#4 |
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Medizinjournalist

….wenn jemand mit Leib und Seele Arzt und Therapeut ist, wird er für sich entscheiden ob dieses Tool wie und wann für ihn und seinen Patienten/Kunden nützlich ist. Dann wird er, wenn die Technik ihm bei seiner Arbeit nützlich sein kann, diese technische Möglichkeit gerne, auch zum Vorteil des Kunden anwenden. Wenn ich meine Arbeit “nur als Job zum Geldverdienen” mache und nicht mit Leib und Seele dahinterstehe kann diese Art auch der Überwachung mich eventuell zur Haftung heranziehen.

Alle technischen Entwicklungen haben Vorteile, als auch Nachteile. Siehe zum B. die Entdeckung des Pulvers. Wir können hilfreich Felsen beim Straßenbau sprengen, wir können allerdings Lebewesen damit töten. Betrachten wir in der Therapie die Radionik. Wir können mit dieser therapeutisch als auch manipulativ auf das Bewusstsein einwirkenen.

Nur durch die Schulmedizin habe ich z. B. einen schweren Unfall überlebt. Jahre danach habe ich mich selbstverantwortlich von der “schulmedizinisch lebenslang notwendigen” Medikamentation gelöst und konnte mich damit wieder gut zur Verwunderung meiner Ärzte auf den Weg bringen.
Überlassen wir doch die Verantwortung und den Umgang damit den individuellen Gegebenheiten.
Alles hat seinen Sinn, auch der Unsinn…..wir erkennen meist hinterher, dass auch dieser seinen Sinn hatte ;-)

#3 |
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Dr. med. Matthias Solga
Dr. med. Matthias Solga

Naja, noch ist das nicht wirklich was Neues. So eine tragbare Kamera, und ein Telefon: das geht weitaus professioneller und zuverlässiger anders, und vor Allem mit anständiger Auflösung. SO wie hier beschrieben wollen wir das nicht, das ist Quatsch. Der Mentor muß, braucht der Eleve den wirklich, dabei sein, um sofort einzugreifen.

Interessant würde es, aber offenbar ist man da weit, weit entfernt, wenn z.B. ich nicht aufschauen müßte, um das parallele Ultraschall- oder Röntgendurchleuchtungsgerät im Blickfeld zu haben bei der OP, oder wenn -s. z.B. US-MRT-Fusion- mein OP-Feld, das ich gerade sehe, und sei es endoskopisch, mit den Bildern der Schnittbilddiagnostik überlagert würde. DAS wäre eine Hilfe, das wäre eine Revolution z.B. für die transurethrale Resektion der Prostata. Bisher schneide ich letztlich blind, ich weiß nicht, wann bin ich an der Kapsel. Mit den überlagerten Bildern des transrektalen Ultraschall wärs doch was, gell?

So langsam, wie die sog. Robotertechnologie sich weiterentwickelt, seit Einführung des mutig “Roboter” genannten Manipulators hat sich da ja nicht wirklich was getan, werd ich das jedenfalls nicht mehr erleben, daß Datenbrillen mir am Tisch was bringen.

Vielleicht sollte man Operateure mal fragen, statt denen nur was auf die Nase zu setzen…

#2 |
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Ärztin

Wollen wir das ?

#1 |
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