AU: Der kranke Wisch

02.10.2018

Die Erkältungszeit steht vor der Tür. Bald muss ich also wieder unzählige Leute untersuchen, die keinen Arzt brauchen. Der Grund: Die AU, die man in Deutschland ab Tag 3 braucht. Das raubt mir Zeit für Patienten, die wirklich meine Hilfe brauchen. Wie wäre es mit der Abschaffung?

Bald beginnt wieder die Erkältungszeit und damit die große Zeit der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen. Vor allem montagmorgens platzen Parkplatz und Wartezimmer aus allen Nähten. Über das Wochenende haben die Patienten versucht, sich auszukurieren und sind dankenswerterweise hier auf dem Land dafür nicht zum Notdienst gegangen. Montags stellen sie dann aber fest, dass arbeiten doch nicht geht. Grob gesehen kann man diese Patienten in zwei Kategorien einteilen:


Die AUs fressen zu viel Zeit

Es möchte ja keiner als Drückeberger dastehen, deswegen kommen die meisten schon am ersten Arbeitstag, vorgeschrieben ist die AU spätestens ab dem dritten Krankheitstag (Stichwort „Präsentismus“). Da aber laut Gesetz auch für die Bescheinigung eine ärztliche Untersuchung notwendig ist, muss ich diese Patienten alle selbst untersuchen, damit ich das Formular ausstellen kann (Nachzulesen unter §4 Absatz 1 der Arbeitsunfähigkeitsrichtlinie).

Mein Problem damit: Gerade in einer heftigen Erkältungssaison fehlt mir so die Zeit für die Patienten, die mich wirklich brauchen, weil ich „Papierkram“ machen muss. Auch die Diskussionen über die Dauer der AU sind Zeitfresser: Viele wollen eine Krankschreibung für „höchstens drei Tage“, aber auch bei der Verlängerung wird wieder eine erneute ärztliche Untersuchung fällig. Deswegen muss ich gestehen, dass ich auf die vermutete Erkrankungsdauer lieber einen Tag draufschlage. So muss ich Patienten, bei denen schon beim ersten Besuch klar ist, dass eine Untersuchung nicht notwendig ist, zumindest nicht zweimal untersuchen.

Und was ist nun mit den Drückebergern?

So langsam trägt unsere Aufklärungsarbeit wenigstens bei unseren Patienten Früchte und sie wissen, dass man normal versichert ist, auch wenn man vor dem offiziellen Ende der AU arbeiten geht.

Und für diejenigen, die jetzt sagen: „Aber was ist denn mit den Faulpelzen?“

Zunächst sei erwähnt, dass die hier auf dem Land wirklich selten sind. Abgesehen davon findet man bei vielen akuten Infekten, wie z.B. bei Magen-Darm-Infekten, meistens in der körperlichen Untersuchung keine wirklich spezifischen Auffälligkeiten, außer ggf. einer gesteigerten Peristaltik. In diesen Fällen schreibe ich die AU auch primär aufgrund der Anamnese. Das ist definitiv auch kein wirklich sicheres oder besonders objektives System, sondern beruht auf den Angaben des Patienten und meinem Vertrauen in den Patienten und in unsere Arzt-Patienten-Beziehung.

Ein Infekt braucht seine Zeit

Ein psychologischer Grund, weshalb ich manchmal die AU ab Tag 3 schwierig finde: Gerade jüngere Patienten haben das Gefühl, dass es nach drei Tagen wieder deutlich besser bzw. eigentlich „gut“ sein muss und drängen dann auf irgendwelche Therapien, weil sie doch „schon 3 Tage“ krank seien.

Wenn ich dann auf das „Infozept“ verweise, auf dem steht, dass ein normaler grippaler Infekt 9–14 Tage dauert und der dazugehörige Husten bis zu drei Wochen, dann sind manche erstmal irritiert. Und dabei weiß selbst der Volksmund „Kommt drei Tage, bleibt drei Tage, geht drei Tage“.

Bleibt zu hoffen, dass auch diese Erkenntnis über die Dauer von Erkältungen sich
(wieder) verbreitet.

AU als Forschungsgegenstand

Mit dem Problem der AUs hat sich auch schon die Forschung beschäftigt. 2015 wurde in mehreren Zeitungen über eine Magdeburger Forschungsgruppe berichtet, die deutsche Krankschreibungen und Arztkontakte mit Norwegen verglichen hat und aufgrund der erhobenen Daten und der guten Erfahrungen aus Norwegen Pilotprojekte anregte, bei denen sich Mitarbeiter bis zu eine Woche selbst krankmelden durften.

Die Zeitung Die Welt berichtete: In Norwegen sind die Regeln lockerer. So ist es grundsätzlich erlaubt, sich für bis zu drei Tage am Stück ohne ärztliche Bescheinigung selbst krankzumelden. In einem Großteil der norwegischen Unternehmen ist die eigenständige Krankmeldung sogar bei Ausfällen von bis zu acht Tagen am Stück und höchstens 24 Tagen im Jahr zulässig. Und das Besondere: In Norwegen ist die Zahl der Fehltage seit Jahren rückläufig.

Leider habe ich nie von einem solchen Pilotprojekt gehört, dabei fände ich das eine super Idee – gerade hier auf dem Land, wo wir sowieso oft zu wenig Ärzte für zuviele Patienten sind.

Daher mein großer Wunsch an die Politik: Bitte den General-Drückeberger-Verdacht gegen die Arbeitnehmer bzw. Patienten mal soweit beiseite schieben, dass solche Pilotprojekte mit einer Woche „Eigenkrankmeldung“ (gern auch mit der Einschränkung bis max. 24 Tage im Jahr) möglich werden. Dann könnte man aufgrund dieser Daten entscheiden, ob ein solches Modell nicht deutschlandweit sinnvoll wäre. Damit wir Ärzte wieder Zeit für die Patienten haben, die uns brauchen und nicht andauernd im „Papierstau“ hängen!
 

Bildquelle: Lars Plougmann, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 05.10.2018.

114 Wertungen (4.76 ø)
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Aussage AU ab 3 Tag ist falsch. Scheint sich als hartnäckiges Gerücht zu halten und wird oft in größeren Firmen als Kulanzmodell verwendet, um den bürokratischen Aufwand zu minimieren. In diesen Firmen werden aber auch Zeiterfassungsmodelle durchgeführt und "faule" Eier aussortiert bzw. zu einem Leistungsgespräch gebeten. Ach ja Norwegen als Beispiel anzuspringen, ist aus dem Kontext "Sozialstaat Norwegen" gerissen. dort funktioniert es auch besser aus dem Homeoffice zu arbeiten, Kinderbetreuung für alle etc.
#15 vor 5 Tagen von Sven Larisch (Selbstst. Apotheker)
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Zu "verantwortungsvoller Arbeitnehmer"- bitte es geht nicht um Verantwortung. meine Mitarbeiter sind toll, aber wenn sie zu krank zum Arbeiten sind, möchte ich auch eine AU und sie verstehen das, da ich Ihnen erklärt habe , das ich dann Geld von der Krankenkasse bekomme. Den Ausfall der Stunden und die Erkrankung des jeweiligen Mitarbeiters kann das nicht wett machen.
#14 vor 5 Tagen von Sven Larisch (Selbstst. Apotheker)
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Wir Pflegekräfte müssen ab dem 1. Tag eine AU vorlegen. Vielleicht damit wir nicht bei jedem kleinen Zipperlein zum Dr rennen. Die einen kommen krank zur Arbeit, damit Kollegen nicht noch mehr arbeiten müssen oder jemand einspringen muss. Die anderen bleiben dann gleich länger krank
#13 vor 6 Tagen (editiert) von Bettina Weigel (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Tja...wie war das nochmal? Vertrauen ist gut - Kontrolle ist besser! Wladimir Iljitsch Uljanov (Lenin) Wenn mich übrigens jemand in meinem Freundeskreis nach dem Beruf fragt, dann soge ich immer: Sendbote der Mafia. Offiziell heisst das: gepr. Pharmareferent.
#12 vor 8 Tagen von Werner Wöhrle (Mitarbeiter Industrie)
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NORWEGEN - Krankmeldung: Als Arbeitnehmer haben Sie das Recht, sich selbst krank zu melden („egenmelding“), ohne eine Krankschreibung von einem Arzt vorzulegen. Grundsätzlich kann man sich für bis zu drei aufeinander folgende Kalendertage krank melden. Danach müssen Sie eine Krankschreibung von einem Arzt vorlegen. Sie können sich bis zu viermal innerhalb von zwölf Monaten selbst krank melden. Um sich selbst krank melden zu können, müssen Sie mindestens zwei Monate bei einem Arbeitgeber gearbeitet haben.
#11 vor 8 Tagen von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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- Krankschreibung: Sind Sie länger als die drei Kalendertage, für die Sie sich selbst krank melden können, krank, müssen Sie wegen der Krankschreibung ("sykmelding") einen Arzt konsultieren. Wenn der Arzt der Meinung ist, dass eine Krankschreibung notwendig ist, nimmt er diese für den von ihm für angemessen gehaltenen Zeitraum vor.  Der Arzt soll auch einschätzen, ob Sie eine vollständige Krankschreibung brauchen (100 %) oder ob Sie etwas arbeiten können und eine abgestufte Krankschreibung ausreicht. Zum Beispiel können Sie zu 50 % krank geschrieben sein und Ihre übliche Arbeit 50 % der Zeit ausführen. Ihr Arbeitgeber soll Ihre Arbeit, wenn nötig, anpassen und Sie während der Krankschreibung betreuen. Dafür käme eventuell eine sogenannte „aktive Krankschreibung“ („aktiv sykmelding“) oder eine andere Maßnahme von NAV infrage. http://www.nyinorge.no/de/Ny-i-Norge-velg-sprak/Neu-in-Norwegen/Gesundheit/Krankheit/
#10 vor 8 Tagen von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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SCHWEIZ Arbeitsunfähigkeit infolge Krankheit / Schwangerschaft – Rechte und Pflichten Was kommt für Angestellte zur Anwendung? Meldung an den Arbeitgebenden Wenn Sie krank sind oder infolge Schwangerschaft nicht arbeiten können, informieren Sie Ihren Arbeitgebenden. Meistens müssen Sie erst ab dem dritten Arbeitstag ein Arztzeugnis vorlegen, manchmal ab dem ersten Tag (je nach Bestimmung Ihres Arbeitsvertrags). Wenn Sie teilweise arbeitsunfähig sind, muss das Arztzeugnis Auskunft darüber geben, wie viele Stunden Sie arbeiten dürfen.Werden Sie während Ihren Ferien krank, so müssen Sie Ihren Arbeitgebenden informieren. Für die Tage, an denen Sie krank waren und dies mit einem Arztzeugnis belegen können, müssen Sie keine Ferientage beziehen.
#9 vor 8 Tagen von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Lohnfortzahlung bei Krankheit Die Arbeitgebenden sind verpflichtet, ihren Mitarbeitenden bei Krankheit für eine gewisse Zeit den Lohn zu 100 % weiter zu bezahlen. Die Mindestdauer ist gemäss Obligationenrecht OR drei Wochen im ersten Dienstjahr, nachher ist der Lohn für eine angemessene längere Zeit zu entrichten, je nach der Dauer des Arbeitsverhältnisses und den besonderen Umständen. Gemäss Gerichtspraxis richtet man sich nach der Berner-, Basler- und Zürcher-Skala. Andere Abmachungen sind möglich, sie müssen aber für die Arbeitnehmenden mindestens gleichwertig und schriftlich (im Arbeitsvertrag z.B.) oder im Normalarbeitsvertrag / Gesamtarbeitsvertrag festgelegt werden. https://www.ch.ch/de/arbeitsunfahigkeit-infolge-krankheit-schwangerschaft-rechte/
#8 vor 8 Tagen von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Beitrag 5 : Nur dass der vergrippte oder Magen- Darmpatient dann noch über öffentliche Verkehrsmittel und Wartezimmer seine Viren verteilt - obwohl er lieber verantwortungsbewusst im Bett geblieben wäre. Ich weiß übrigens gar nicht, wie sie das alle machen - mir geht es meistens zu schlecht , um aufzustehen und zum Arzt zu gehen. Der Vorschlag von "Neulich in der Hausarztpraxis" ist intelligent, spart Kosten und Zeit, wird von einem Grundvertrauen in den Bürger getragen - und hat daher hierzulande keine Chance.
#7 vor 9 Tagen von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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Gast
Am Kommentar von DrXFeelgood kann man sehen, wie krank unser System ist.
#6 vor 9 Tagen von Gast (Nichtmedizinische Berufe)
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DrXFeelgood
Betriebswirtschaftlich bei momentantem Abrechnungsmodus ganz nebenbei völliger Wahnsinn die AU bei Banalerkrankungen abschaffen zu wollen: Zeitaufwand wenn es hochkommt im einstelligen Minutenbereich bei voller Abrechenbarkeit der Quartalspauschale. Für Schulatteste gilt übrigens das Gleiche.
#5 vor 9 Tagen von DrXFeelgood (Arzt)
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Gast
Als verantwortungsvoller Arbeitnehmer sage ich, die AU kann weg. Der AG kann ja, wenn er ernsthaft zweifelt eine AU verlangen.
#4 vor 9 Tagen von Gast (Nichtmedizinische Berufe)
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Lieber Kollege, Ihre Information bzgl. der AU ist falsch! Nach drei Tagen - also wenn der Arbeitnehmer länger als drei Tage krank ist, muss am darauffolgenden Tag die AU vorliegen. Das gilt übrigens auch für den Samstag. Im übrigen gebe ich Ihnen Recht, auf dem Land bleiben die Leute sicherlich lieber im Bett als in irgendeine weit entlegene Notfallpraxis zu gehen. Stadtnah ist das ganz anders - da rennen sie gerne und oft auch wegen Banalitäten am Wochenende in die Notfallpraxis. Und wenn wir diese Patienten mit Infekten und sonstigen Kleinigkeiten zeitnah versorgen, entlasten wir auch diese Notfallpraxen. Was unbedingt aufhören muss: DIE SCHULEN müssen aufhören, uns die Schüler wegen eines Attestes aufzusuchen, weil sie irgendeine "Klausur" in der 9. oder 10. Klasse nicht mitschreiben können. Das nimmt inzwischen wirklich überhand, und das ist auch nicht unsere Aufgabe. Es gibt Schulen, die sogar das ärztliche Attest nach 3 Tagen per Schulordnung verlangen.
#3 vor 10 Tagen von Dr. med. Angelica Wegener (Ärztin)
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Wenn Sie eine gute Arzthelferin haben, der Patient hat kein COPD oder Pneumonie in der Vergangenheit hatte nicht unbedingt zum Arzt rein will, kann die Helferin kurz ein Pulsoxy an den Finger halten und die AU von 3 Tagen verantworten. Sie bräuchten nur zu unterschreiben
#2 vor 10 Tagen von Klaus-Michael Bartels (Arzt)
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Ich bin seit langem der Ansicht, dass Arbeitnehmer in einer vertrauensvoll geführten Firma nicht "krankfeiern". Aus diesem Grunde fällt es mir auch schwer, zu verstehen, warum die Krankenkassen bei kleinen Firmen für die teilweise Erstattung der während der Fehlzeiten anfallenden Lohnkosten AUs ab dem ersten Tag verlangen. Dies treibt nur die Kosten in die Höhe und ist auch für die Patienten eigentlich unzumutbar.
#1 vor 10 Tagen von Dr. Claus Bachmann (Weitere medizinische Berufe)
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