Eine schmerzhafte Erfahrung

02.10.2018

Als der LKW von rechts kam, saß die Patientin auf dem Beifahrersitz. Nicht angeschnallt. 45 Minuten Reanimation am Straßenrand. Sie kommt in unseren Schockraum, hat einen Kreislauf, einen Puls. Wir überprüfen ihre Pupillen, dann überlassen wir der jüngsten Kollegin das Feld.

Die Patientin kommt intubiert, beatmet, mit einer Tonne Supra und Arterenol on board in unseren Schockraum.

Oberarzt Super und ich werfen einen Blick unter ihre geschlossenen Augenlider. Dann tauschen wir einen Blick und überlassen der jüngsten Assistentin das Feld. Frau Frischling steht schon in den Startlöchern. 

Sie macht es klasse. A,B,C,D,E. FAST, Thoraxdrainage rechts, Röntgen Thorax, noch eine Drainage links, das Becken wird stabilisiert, die offene Unterschenkelfraktur grob reponiert.

Sie schwitzt, wiederholt, nickt, wiederholt. 

Die Traumaspirale zeigt das Ausmaß des Schreckens. Die Subarachnoidalblutung, das Hirnödem, die Einklemmung im Hirnstamm, die Fraktur der Halswirbelkörper, die Rippenserienfrakturen beidseits, die Beckenfraktur. Zusätzlich die Unterschenkelfraktur und die Oberarmfraktur. Erstaunlicherweise hat der Bauch nichts abbekommen. 

Wir stabilisieren, telefonieren mit den Neurochirurgen, die Verlegung überlebt die Patientin nicht. 

Kollegin Frischling fragt Oberarzt Super im Anschluss, ob er wusste, dass sie sterben wird. 

„Ihre Pupillen waren weit entrundet, keine Lichtreaktion, kein Kornealreflex. Sie haben Ihren Job gut gemacht.“

 

Bildquelle: Director84, wikimedia

Artikel letztmalig aktualisiert am 02.10.2018.

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Natürlich ist das nicht 1:1 von einem realen Fall berichtet. Die Autorin hat einen Sachverhalt medial aufgearbeitet und in dieser Form dargestellt. Ob da einer oder mehrere reale Fälle dahinterstehen und was genau da im Detail gewesen ist, ist nicht entscheidend. Die Autorin wollte einen bestimmten Aspekt der Notfallmedizin zur Diskussion stellen und hat diese Form der Darstellung dafür gewählt. So funktioniert das beim Journalismus. Der DocCheck Newsletter ist ein journalistisches Online-Medium - das sollte man nicht vergessen, wenn man hier mitliest.
#13 am 10.10.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  2
Leider hat diese reißerisch gemachte Geschichte einige wesentliche Ungenauigkeiten, die mich am Wahrheitsgehalt stark zweifeln lassen.. 1.) Patientin kommt intubiert und beatmet: wer kann da den Kornealreflex beurteilen? 2.) Patientin hat "eine Tonne Supra": wer kann da zuverlässig von der Pupillenweite und -form auf intrakranielle Verletzungen schließen? ..vermutlich nur Oberarzt "Super", der Schockraummanagement offensichtlich nur aus dem Fernsehen kennt.
#12 am 09.10.2018 von Dr. med. Thomas Schachtner (Arzt)
  8
Solcher Art Diskussionen sollten schon unter Einschluß der Öffentlichkeit erfolgen, weil das jeden von uns betreffen kann und weil nur durch Offenheit und Transparenz Vertrauen entstehen kann. Derart elementare, emotional tief berührende Grundsatzdebatten erfordern allerdings strikte Anonymität, was in diesem Fall beachtet wurde.
#11 am 04.10.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  0
Ich kann die Empörung einiger Kommentatoren nicht verstehen. Zweifellos ist die Prognose anhand klinischer Kriterien schlecht. Jedoch gibt es keine sicheren Todeszeichen, die Hirntoddiagnostik erfordert adäquate Wartezeit. Daher frage ich mich; wäre die Geschichte, wenn Altassistentin und OA tätig geworden wären arg anders verlaufen? Wer bin ich im Namen der Patientin von einer Maximaltherapie abzusehen, ohne Hintergründe zu kennen? Es wurde leitliniengerechte Versorgung einer unbekannten Patientin durch die Assistenzärztin unter Aufsicht geleistet. Alles formal korrekt soweit ich beurteilen kann. Makaber ausgedrückt, finde ich es gut wenn unerfahrene Kollegen eine schwierige Ausbildungsstation wie den Schockraum an Patienten mit infauster Prognose einüben können. Der nächste Patient mit besseren Chancen wird es sicher danken. Man kann darüber streiten ob eine Diskussion öffentlich sein muss, oder ob dieser Ausbildungsabschnitt im Vertrauen zwischen Ausbilder und Assistent bleibt.
#10 am 03.10.2018 von Florian Burkhart (Student der Humanmedizin)
  1
Die Darstellung ist distanziert und das ist okay. Notfallmanagement ist sehr schwierig und sehr schwierig zu lernen. Die Frage, wie man junge Mediziner ausbildet, ist nicht eindeutig zu beantworten. In diesem Fall haben die Vorgesetzten abgewägt. Offenbar haben sie der jungen Kollegin zugetraut, die gesamte Prozedur eigenständig durchzuführen. Mit dieser Einschätzung lagen sie richtig. Wäre die Patientin zu retten gewesen, hätte die Prozedur Erfolg gehabt. Die vorab Prognose der Vorgesetzten war infaust, trotzdem war es richtig, die gesamte Prozedur durchzuführen, um ganz sicher zu gehen und um den rechtlichen Anforderungen gerecht zu werden. Im Ergebnis ist die Patientin tadellos versorgt worden und die junge Kollegin hat eine wichtige Lernerfahrung im doppelten Sinne gemacht. Ich hätte es nicht anders gemacht, obwohl sicherlich auch bei mir ein flaues Gefühl entstanden wäre. Damit umzugehen zu lernen, ist eine der schwierigsten Aufgaben für angehende Notfallmediziner.
#9 am 03.10.2018 (editiert) von Annika Diederichs (Tierärztin)
  1
Mich stört an dieser "frivolen" Schilderung vor allem die fehlende Empathie,die auch einem Sterbenden noch entgegengebracht werden sollte.Wir alle haben sicher in den Präparierkursen mit einer gewissen "Ehrfurcht" seziert und bei einem noch Lebenden erwartet man von einem Arzt ein gewisses Maß an Ethos,sonst ist der "behandelnde" Kollege nur ein "Mediziner" aber kein Arzt.Ich habe am letzten Bundesliga-Spieltag meinen dienstleistenden Kollegen erlebt als er bei einem Fan mit Herzstillstand erfolgreich reanimiert hat und er dann erfuhr,dass der Fan auf dem Weg in die Klinik verstarb.Mit "Tränen in den Augen" hat er sicher nicht seine Bemühungen bedauert. Man sehe mir nach,dass ich nun aus Altersgründen seit ca.10 Jahren nicht mehr ärztlich tätig bin,dafür aber einen anderen Blickwinkel habe und einer anderen Ärzte-Generation angehörte.Ich will keine Moralinsäure verspritzen,sondern nur daran erinnern,dass unser Beruf auch eine besondere "Berufung" beinhaltet.
#8 am 03.10.2018 von Dr. Hans-Jürgen Seifert (Arzt)
  16
Gast
Auch wenn ich den Schreibstil nicht ganz geschmacksicher finde, trotzdem danke für den Einblick. Hier hat ein Oberarzt entschieden, dass eine junge Assistentin an einem Patienten mit infauster Prognose üben darf. Leider kann man diese Dinge nur am Patienten lernen. Ich hätte es aber kollegial gefunden, der jungen Kollegin den Pupillenbefund zu Beginn mitzuteilen, statt heimliche Blicke zu wechseln. Sie hätte sich bestimmt dieselbe Mühe gegeben, aber vielleicht unter weniger Druck gestanden...
#7 am 03.10.2018 von Gast (Ärztin)
  16
Das Seltsame ist nicht die sicherlich tolle Arbeit, sondern dass der Oberarzt und die Erzählerin die eindeutig sterbende Frau der nichtsahnenden jungen Assistenzärztin zu Trainingszwecken zur Verfügung gestellt haben, obwohl sie es wussten. Und seltsam, das auch noch zu erzählen. Btw: sollte das anonyme Schreiben nicht abgeschafft werden?
#6 am 03.10.2018 von Sylvia Robinson (Ärztin)
  31
Gast
Warum ist das eine seltsame Schilderung? Die Verletzungen der Patientin waren einfach zu schwer und unmöglich zu überleben. Jede Ärztin/jeder Arzt wird immer wieder mit Fällen konfrontiert, wo die Grenzen des (sinnvoll) Machbaren erreicht sind - der Tod gehört zum Leben. In diesen Situationen professionelle Distanz zu wahren, ist wichtig um den Beruf ausüben zu können. Die geschilderte Situation ist in meiner Wahrnehmung auch nicht desillusionierend, sondern motivierend: Die junge Assistenzärztin hat einen tollen Job gemacht, souverän das Schockraumprotokoll abgearbeitet und wird dem nächsten Patienten mit weniger schweren Verletzungen so das Leben retten können.
#5 am 03.10.2018 (editiert) von Gast
  8
Desillusionierend...stimmt nachdenklich.
#4 am 03.10.2018 von Dr. Stephan Kohlmann (Chemiker)
  9
gar nicht gut kommt das bei mir an:sind die namen oberarzt super und frau frischling vogelfrei erfunden doch nur? witzig zu werden bei todesnahbringenden unfällen ist gar nicht witzig.in so einer konstellation heiße ich hier nichts gut.wie ein oberaffiges theater.und so eine bezeichnung reicht wohl gar nicht.
#3 am 03.10.2018 von Thomas Günther (Nichtmedizinische Berufe)
  44
Das ist wirklich eine seltsame Schilderung. Was soll das?!
#2 am 02.10.2018 von Sylvia Robinson (Ärztin)
  28
Finden Sie das witzig ?? Wegen einer ähnlichen Aktion ist an unserer Klinik schon mal ein Chefarzt rausgeflogen !
#1 am 02.10.2018 von Dr. med. Herm.Ayke Klasen (Arzt)
  59
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