Bewertungsportale: Wo die Zornigen wohnen

28.09.2018

Miese Bewertungen in Online-Portalen treffen immer häufiger auch Kliniken. Zu lange in der Notaufnahme gewartet? Die Klinik ist „auf keinen Fall zu empfehlen!“ Ein Stern. Vermeintliche Experten des Gesundheitssystems haben zwar keine Ahnung, sind aber verdammt selbstsicher.

Wir leben in einer Zeit der Experten. Bei uns sagt man: von nichts eine Ahnung, aber zu allem eine Meinung. Oder auch – noch kein Haar am Sack, aber im Puff drängeln.

Wobei – Meinung trifft es nur so ungefähr. Unter einer Meinung verstehen das Lexikon und ich eine persönliche (!) Ansicht eines Sachverhalts. Was viele vergessen – die persönliche Ansicht wird zur allgemeingültigen Referenz erhöht. Es ist dann keine Diskussionsgrundlage mehr, sondern ein unumstößliches Manifest selbsternannter Experten. Ich weiß, ihr schwarz.

Katharina weiß am besten, dass die Masernimpfung nur im Interesse von der bösen Pharmaindustrie ist und die Carla aus der Nachbarschaft hat das ja auch gehabt und ein paar Pusteln später ist sie jetzt immerhin auch ein Leben lang immun. Katharina hat eben noch nie eine Masernenzephalitis gesehen, da kann man sich mal hinstellen und ganz sportlich so eine Meinung vertreten.

Hetze gegen alles und jeden

Gerade online wird hemmungslos Dampf abgelassen. Bei einem Zeitungsartikel macht es keinen Unterschied mehr, ob FAZ oder Haselüner Käseblatt – pöbelnde Dumpfbacken wissen es besser. Besser als die dummen Politiker, die faulen Beamten oder – in meinem Fall – die ignoranten, schlecht ausgebildeten Ärzte und inkompetenten Pflegekräfte.

Ist hier allen der Dunning-Kruger-Effekt bekannt? Nicht? Dann bitte dringend mal nachlesen. Das erklärt, warum Unwissende zu übertriebenem Selbstvertrauen neigen. Es wird gegen alles und jeden gehetzt und das gerne vor Publikum. Dafür gibt es ja Bewertungsportale oder zur Not auch die Bewertungsfunktion von GoogleMaps. Zwei Beispiele von Patienten, die Kliniken in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen bewertet haben:


Dominik, 11 Rezensionen, vor 2 Monaten:

„Sehr lange Wartezeit, obwohl nichts los war. Dazu noch eine falsche Diagnose. Das ist auf keinen Fall empfehlenswert.“
 
 

Der Dominik hat es gecheckt. Der Arzt war auf dem Golfplatz, die Krankenschwester bei der Fußpflege. Der Dominik hatte sich eine offene Trümmerfraktur zugezogen (oder auch: den Fuß umgeknickt) und hätte dringend in den Schockraum gemusst (bzw. wollte vor dem Urlaub nur mal kurz checken lassen). Aber die Ignoranten von der Notfallambulanz kümmern sich natürlich lieber erstmal um den kaputten Motorradfahrer.

Stun-den-lang habe ich da keinen Menschen gesehen (ja, warum?). Lieber Dominik, du hast keine Ahnung davon, wie eine Notaufnahme funktioniert. Du hast wahrscheinlich noch nie etwas von der Triage gehört und du weißt auch nicht, dass es eine Liegendanfahrt für den Rettungsdienst gibt, also bitte – setz dich wieder hin, nimm dein „Lustiges Taschenbuch“ und versuch wenigstens die Bilder zu verstehen.


Vera, 1 Rezension, vor 2 Wochen:

„Habe heute wegen einer einfachen Frage angerufen und wurde in die Notfallambulanz weitergeleitet. Da wurde ich dann ziemlich unfreundlich abgewisen. ‚Da müssen sie ihren Hausarzt fragen!‘ Sagte man mir am Telefon. Gut das heute Samstag ist. Sehr unfreundlich!“
 

Ja genau, Vera. Ich hätte direkt aufgelegt. Das Krankenhaus ist nicht die Auskunft und in der Notfallambulanz haben wir keine Call-Center-Agents. Wusstest du, dass eine mediznische Beratung (auch fernmündlich) zum 3,5-fachen Satz abgerechnet werden muss?

Liebe Vera, für Fälle wie dich gibt es die 116117. Versuch es mal dort, oder bei der 11833. Aber nicht in der NOTaufnahme.

Zu viele Experten, zu wenig Ahnung

Das sind ja eher die moderaten Fälle, es gibt da ja noch ganz andere Kaliber, aber die will ich hier gar nicht zitieren.

Wenn man mal keine Ahnung hat, einfach mal die Fr*** halten. Wenn sich nur alle daran hielten, wie wunderbar ruhig könnte es in diesem Land sein.
 

Bildquelle: Navaneeth KN, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 28.09.2018.

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Ach wie schön, daß immer nur die Patienten unsachlich herummotzen, und niemals einer von uns Ärzten. Vielleicht sollte DocCheck ein Patientenbewertungsportal einrichten, damit wir es den fiesen Patienten mal so richtig heimzahlen können. Immerhin wird hier die Stimmung schon ordentlich angeheizt und wenn man sich erstmal so richtig schön empört hat, dann sollte man das unbedingt der ganze Welt mitteilen, nicht wahr? Der Kampf Ärzte gegen Patienten sollte nicht länger im Verborgenen stattfinden, nein, jeder soll es sehen, wie unfair wir Ärzte von böswilligen Patienten gemobbt werden - tagein tagaus und niemand tut etwas dagegen!
#4 vor 16 Tagen von Annika Diederichs (Tierärztin)
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"Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten." :-) Mit dieser Aufforderung hat Dieter Nuhr vor ca. 20 Jahren einen Spruch für die Ewigkeit geschaffen. Das Problem dabei ist nur, dass den Ahnungslosen zumeist nicht bewusst ist, dass sie keine Ahnung haben.
#3 vor 16 Tagen (editiert) von Gudrun Kühlen (Nichtmedizinische Berufe)
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Auch Tierärzte werden vermehrt auf Bewertungsportalen gemobbt. Klar, wenn ich die tierärztliche Leistung bar bezahlen muss und noch dazu 19% MWSt für Vater Staat obendraufkommen, da will ich schonmal was für mein Geld erleben. Wenn Wunsch und Wirklichckeit dann unversöhnlich aufeinanderprallen oder einem die Diagnose einfach nicht gefällt, dann schreibt klein Fritzchen schonmal eine anonyme Schmähkritik... ad #1) Konkrete Beschwerden oder Behandlungsfehler sind das eine. Meistens werden üble Nachreden aber von enttäuschten Patienten konstruiert. Wie im Artikel dargelegt, sind das höchstens Meinungen, von selbst ernannten "Experten", und keine auf Fakten basierten Bewertungen. Aus der Anonymität des Netzes heraus lässt es sich trefflich Anderen ans Bein pinkeln, bis hin zur justitiablen Üblen Nachrede. Ich bin schon (trotz ganz überwiegend positiven Bewertungen) als "der schlimmste Arzt am Ort" beschimpft worden. Na, oft weiß man dann ja, von wem das so kommt und lächelt drüber...
#2 vor 17 Tagen von Dr. med.vet. Stefan Gabriel (Tierarzt)
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Zweierlei. Eine falsche Diagnose ist natürlich nicht so dolle. Auch bei meiner Tante diagnostizierten sie in der Notaufnahme Norovirus - war aber Appendizitis. Da kann ich schon eine Meinung über den betreffenden Arzt haben. Und im zweiten Fall: Wer hat Vera überhaupt mit der Notfallambulanz verbunden? Da hat die Dame in der Telefonzentrale auch nicht richtig nachgedacht. Manche Leute sind in der Tat unhöflich,überanspruchsvoll und unbelehrbar, aber ab und zu hat der Patient auch mal wirklich Recht , sich zu beschweren.
#1 vor 17 Tagen von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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