Der missverstandene Herr Spahn

27.09.2018

Jens Spahn zwingt 100.000 Pfleger dazu, Überstunden zu machen. Das glauben zur Zeit viele empörte Menschen, die auf reißerische Clickbait-Schlagzeilen reinfallen. Dabei lohnt es sich, den Vorschlag des Gesundheitsministers zum Pflegepersonalmangel ernst zu nehmen.

Glaubt man meinem persönlichen Umfeld und den sozialen Medien, in denen ich mich bewege, hat Jens Spahn in der letzten Woche in autokratischer Manier die Zwangsverpflichtung von Pflegekräften angeordnet. 100.000 Pflegekräfte müssen nun Überstunden machen! Seine Aussage hat einen Shitstorm par exellence losgetreten, angeheizt durch schlechten Clickbait-Journalismus.

Auch wenn es mir politisch nicht gefällt, ihn zu verteidigen, fühle ich mich guter wissenschaftlicher Arbeit verpflichtet und dazu gehört eben auch eine solide Quellenarbeit.

Das Zitat von Spahn klingt zunächst tatsächlich befremdlich. 100.000 Pflegekräfte sollten idealerweise jeweile 3-4 Stunden mehr pro Woche arbeiten. Trotz dieser Befremdlichkeit enthält seine Aussage eine Wahrheit, die wir keinesfalls leugnen sollten: Wer, wenn nicht die Pflegekräfte, die wir bereits ausgebildet haben, kann eingesetzt werden, wenn wir Personaluntergrenzen einführen?

Wir sind auf erfahrenes Personal angewiesen

Selbst wenn wir heute, hier und jetzt eine Ausbildungsoffensive starten, stünden diese neuen Pflegekräfte erst in frühestens drei Jahren zur Verfügung. Und selbst dann wären sie allesamt noch Berufsanfänger. Wir müssen doch die Erfahrung unserer Pflegekräfte, die sie in mühevoller Arbeit gesammelt haben, erhalten. Wer, wenn nicht sie, kann eine neue Generation anleiten? Und wie können wir eine neue Generation ausbilden, wenn wir wegen der Arbeitsbedingungen nicht genügend qualifizierte Bewerber haben?

Nach etwa 7-10 Jahren Berufserfahrung gilt man, vorausgesetzt noch weitere Faktoren stimmen, als exzellent in dem, was man tut. Vorher fehlt einem in der Regel die Erfahrung, sein eigenes Tätigkeitsfeld ausreichend zu überblicken.

Es geht um Arbeitsbedingungen, auch wenn Spahn nicht weit genug geht

In einer Twitterbotschaft setzt Spahn seine Aussage nochmal in den richtigen Kontext:

“[…] deswegen müssen wir die Arbeitsbedingungen verbessern. Mehr Kolleginnen und Kollegen, weniger Stress, bessere Bezahlung, bessere Schichtpläne. Da sind auch die Arbeitgeber gefordert.”

Da stellt ein Konservativer mal eine progressive Forderung und der politisch vollkommen irrational agierende Mob dreht durch. Mir fällt dafür beim besten Willen kein anderes Wort als „armselig“ ein. Dabei gibt es natürlich hunderte von Angriffspunkten an der generellen Stoßrichtung der Regierung. Zum einen wäre das das wirtschaftliche Grundkonzept im Gesundheitswesen. So lange wir gewinnorientierte Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen akzeptieren, wird dort gespart werden, wo die höchsten Kosten anfallen: am Personal.

Erst die wirtschaftsliberale Politik dieser und vorangehender Regierungen hat uns die heutige Situation eingebrockt und anstatt von dieser Politik, zumindest im Gesundheits- und Sozialbereich, abzurücken, wird versucht neoliberale Verfehlungen durch faule Kompromisse, die nach sozialer Politik aussehen, zu kompensieren.

„Bemessungsschlüssel” statt „Untergrenzen”

Ein Beispiel sind die ab dem nächsten Jahr in einigen Bereichen gültigen Personaluntergrenzen. Es ist abzusehen, dass zukünftig genau diese Untergrenzen eingehalten werden, sie damit aber auch schleichend zur Selbstrechtfertigung werden. Eine Personaluntergrenze entspricht auf einer Schulnotenskala einer 4: ausreichend, aber bei weitem nicht gut und noch nicht einmal befriedigend. Keiner will auf einer kardiologischen Station eine Personalausstattung, die grade noch so zum Bestehen reicht. Wir wollen doch eine gute Personalausstattung.

In Krisenzeiten darf sie vielleicht auch mal nur befriedigend sein, aber eben nur in Krisenzeiten. Was nun aber passieren wird, ist dass die gewinnorientierten Klinikträger regelmäßig sagen werden: „Wir sind doch toll besetzt, erfüllen immer die gesetzlichen Bestimmungen!“ Womöglich bekommen sie dann auch noch ein schmuckes Zertifikat dafür. Aus diesem Grund müssen wir schon jetzt über „Bemessungsschlüssel” statt von „Untergrenzen” sprechen. Die Frage muss sein, wie viel Personal wir brauchen, um gute (nicht ausreichende) Pflege zu ermöglichen und das wird dann so festgelegt und Punkt.

Das wäre ein guter Ansatz für Kritik, aber stattdessen wird Spahn mit einem fast schon sozialdemokratischen Vorstoß durchs Dorf getrieben. Das ist nicht nur faktisch daneben, sondern auch politischer Quatsch.

Medien: Wo ist die Wahrheitssuche geblieben?

Der andere mögliche Kritikpunkt ist unsere, ebenfalls durchökonomisierte, Medienlandschaft, die es insbesondere dem durchschnittlichem Leser, der (eben weil er vielleicht ein anstrengendes Berufsleben hat) vielleicht nicht die Möglichkeit hat, alles im Detail nachzulesen und zu jeder Aussage eine angemessene Quellenarbeit zu leisten.

Wo ist denn bei Clickbaiting-Überschriften renommierter Tageszeitungen bitte die Wahrheitssuche und der Aufklärungsanspruch geblieben? Da reagieren Politiker, wie es Jens Spahn in der Vergangenheit auch mehrfach tat, mit dem Ruf nach mehr Medienkompetenz. Das wird nicht klappen.

Die Mär vom mündigen Bürger, vom Homo oeconomicus, der skeptisch und gebildet ist und rationale Entscheidungen trifft, ist eine Fabel. Menschen entscheiden nicht selten irrational und reagieren gerne auf bestimmte Schlüsselreize, wie etwa auf schlagwortlastige Überschriften oder im Internet kursierende Memes. Manche Kulturphilosophen gehen sogar so weit zu prophezeien, dass lange Texte immer mehr durch Bilder ersetzt werden könnten. Schöne Beispiele dafür sind die Trendwenden vom Lehrbuch zum Lehrvideo oder von Facebook zu Instagram.

Und noch etwas wurde aus dem Kontext gerissen

Daneben wird auch noch ein weiteres Zitat von Spahn geteilt:

„Wir können nicht immer gleich einen Notarzt schicken, sondern müssen auch einmal Nein sagen können.“

Natürlich können wir das nicht. Was für viele Bürger schockierend klingt, ist ein simples medizinethisches Prinzip, die Verteilungsgerechtigkeit. Wenn wir jedes einzelne Symptom, das wir uns nicht erklären können, einem Notarzt vorstellen würden, wäre er kein Notarzt mehr, sondern Allgemeinarzt. Die Idee eines Notarztes ist es, Notfälle zu behandeln.

Die Kollegen werden aber zusehends mit allgemeinmedizinischen Fragestellungen konfrontiert („Ich habe Kopfschmerzen”). Da gibt es Schlüsselfragen, die durchaus auch ein Leitstellendisponent stellen kann („Sind die Kopfschmerzen explosionsartig gekommen und auf das Hinterhaupt fokussiert?“). Anhand dieser und noch weiterer Fragen kann relativ treffsicher beurteilt werden, ob jemand ein Notfallteam vor Ort braucht oder in eine Portalpraxis geschickt werden kann.

Kann es dabei zu Fehlern kommen? Ja. Könnte so ein Fehler auch von einem Arzt gemacht werden? Ja. Haben wir genügend Ärzte, um jeden Erstkontakt durch sie steuern zu lassen? Nein. Gibt es gute Konzepte, wie etwa einen festen Arzt pro Leitstelle, der bei schwierigen Entscheidungen vom Disponenten konsultiert werden kann? Ja. Machen wir das schon flächendeckend? Nein.

Sicherer wäre es bestimmt, wenn der Notarzt sich alles selbst vor Ort anschaut. Dann aber würde er weniger Notfälle behandeln und das würde, welche Überraschung, die Versorgung der echten Notfälle verschlechtern. Im Training bleiben ist bekanntermaßen alles und ein Notarzt, der seinen Arbeitsalltag im Niedrigprävalenzbereich verbringt, ist allgemeinmedizinisch fit und notfallmedizinisch eben nicht mehr so sehr.

Und das Fazit?

Wir leben und arbeiten in einem fehlerhaften System, das in jedem Fall kritisiert werden muss. Auch Politiker müssen für ihre Aussagen stellenweise sogar sehr deutlich angegangen werden. Das ist okay, das gehört zum politischen Leben. Aber einfach irgendeinen Blödsinn zu teilen, weil man sich von den Überschriften eines Artikels hereinlegen lässt, ist absolut unwürdig für jeden aufgeklärt denkenden Menschen.

 

Bildquelle: fady habib, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 27.09.2018.

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Gast
#1 #2: Welche sinnvolleren Maßnahmen würden Sie zur Überbrückung vorschlagen?
#3 am 01.10.2018 von Gast (Student der Humanmedizin)
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#1, kann dem nur zustimmen. Immer wieder staune ich über die Uninformiertheit von Herrn Spahn. Könnte ihn ja ein paar Wochen als Praktikanten mitnehmen, vielleicht hilfts? Nach 46 Berufsjahren werd ich 2024 in Rente gehen. Vielleicht vorher nochmal Stunden reduzieren (bin noch Vollzeit).
#2 am 28.09.2018 von Hildur Bohland (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Thema Überstunden: Es lässt zu vermuten, dass Herr Spahn keine Zahlen von bisher geleisteten Überstunden kennt, denn seine Aussage lässt es vermuten. Ich kenne Kollegen und Kolleginnen mit teilweise 100 Überstunden, die bei der Aussicht, diese nicht in Frei zu bekommen, gefrustet gekündigt haben. Selbst habe ich im August über 30 Stunden mehr gearbeitet, damit andere ihre Überstunden abbauen konnten. Und dann kommt ein Herr Bundesgesundheitsminister mit so einem Vorschlag? Klar wird es einige Zeit dauern, bis genug Personal soweit eingearbeitet ist, bis sie auf die Patienten losgelassen werden können. Bedingung ist aber, dass erst einmal genug Personal zur Verfügung steht. Und bis dahin werden noch mehr Erfahrene entweder massiv in Teilzeit gegangen oder gar ausgebrannt oder frustriert gekündigt haben.
#1 am 27.09.2018 von Thierry Lubin (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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