Eine Organspenderin und drei Todesfälle

25.09.2018

Nach der Transplantation mehrerer Organe sind vier Empfänger an Krebs erkrankt und drei von ihnen gestorben. Bei der Spenderin waren keine malignen Erkrankungen bekannt. Der Fall könnte sich – wenn auch mit geringer Wahrscheinlichkeit – wiederholen.

Ärzte haben einer 53-jährigen Frau nach ihrem tödlich verlaufenen Schlaganfall beide Nieren, die Leber, das Herz und beide Lungen entnommen. Bei diversen Untersuchungen einschließlich Röntgen, Sonographie, Ultraschall und einem Blutbild, konnten Mediziner keine verdächtigen Befunde erkennen. Daraufhin erhielten niederländische Empfänger die Organe, später erkrankten sie an Krebs. Das berichtet Frederike J. Bemelman vom Department of Nephrology, Academic Medical Centre, in Amsterdam. 

Adenokarzinome traten zeitlich stark versetzt auf

16 Monate nach der OP fanden Ärzte bei der 42-jährigen Lungenempfängerin mehr oder minder zufällig ein metastasierendes Adenokarzinom. Es hatte sich zum Zeitpunkt der Diagnose bereits auf die Lungen, die Leber und die Knochen ausgebreitet hatte. Die Patientin starb 12 Monate nach der Krebsdiagnose. Bei der Empfängerin entnommene Proben lieferten – wenn auch zu spät – Hinweise auf Brustkrebszellen der Spenderin.

Kurz darauf kontaktierten Ärzte alle weiteren Patientinnen, fanden im Rahmen der Bildgebung aber nichts auffälliges. Bei der 62-jährigen Empfängerin der linken Niere deutete nichts auf Krebs hin. Sie behielt ihr Organ und nahm weiter die erforderliche Immunsuppression ein. Sechs Jahre nach der Transplantation fanden Onkologen schließlich auch bei ihr metastasierende Adenokarzinome, die ausgehend vom Spenderorgan mehrere andere Organe in Mitleidenschaft gezogen hatten. Auch sie starb wenige Monate später. Die Leber-Empfängerin erlitt das gleiche Schicksal.

Heute lebt von den Empfängern nur noch ein 32-jähriger Mann. Er hatte ursprünglich die rechte Niere bekommen. Aufgrund renaler Probleme stellte er sich vier Jahre später erneut vor. Tatsächlich hatte auch er ein Adenokarzinom im Spenderorgan, aber ohne Metastasen. Chirurgen gelang es nicht, den Tumor im Gesunden zu entfernen. Nach der Nephrektomie bekam ihr Patient deshalb Paclitaxel und Trastuzumab. Immunsuppressiva waren ohne Transplantat nicht mehr erforderlich. Bei der letzten Untersuchung vor mehr als einem Jahr war der Patient immer noch tumorfrei.

Hätte man die Spenderorgane entfernen sollen?

Dass Organe von Krebspatienten zu malignen Erkrankungen beim Empfänger führen, ist weder neu noch überraschend. Bemelman zufolge sei aber noch nie eine Übertragung von Brustkrebs bei Organspenden beschrieben worden. Zu den genauen Mechanismen kann sie nichts sagen. Möglicherweise haben Immunsuppressiva eine Rolle gespielt. Sie unterdrücken auch die Reaktion unseres Körpers auf entartete Zellen.

Gegenüber CNN erklärt Graham Lord, Nephrologe am King's College London, hier handele es sich „im Wesentlichen um eine nicht nachweisbare Malignität zum Zeitpunkt der Spende“. Ob ein CT den Primärtumor entdeckt hätte und ob Mikrometastasen in den Spenderorganen waren, lässt sich nicht mehr sagen.

Im Artikel schreibt die Erstautorin jedoch, es wäre hilfreich gewesen, nach dem ersten Krebsfall alle Spenderorgane zu entfernen. „Dadurch kann der Patient aufhören, Immunsuppressiva einzunehmen, und sein Immunsystem kann sich selbst regenerieren, sprich gegen die Tumorzellen kämpfen.“

Routinemäßige CTs wenig sinnvoll

Gegenüber DocCheck erklärt Privatdozentin Dr. Ana Paula Barreiros von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), in Deutschland seien solche Fälle auch in Zukunft nicht sicher auszuschließen. Laut Veröffentlichung habe es „klinisch und anamnestisch auch bei retrospektiver Analyse der Unterlagen keinen Hinweis auf einen Tumor gegeben, sodass es sich wahrscheinlich um einen sehr kleinen Tumor handelte.“

Barreiros: „Dafür spricht auch die sehr lange Latenz zwischen der Transplantation und dem Auftreten der Tumorerkrankungen beim Empfänger unter der Immunsuppression nach Transplantation.“

Außerdem seien Ganzkörper-CTs wenig sensitiv bezüglich eines kleinen Mammakarzinoms. „Deshalb ist eine routinemäßige CT-Untersuchung ohne klinischen oder anamnestischen Hinweis auf ein bestehendes Risiko bei Organspendern nach nationalen und internationalen Richtlinien nicht vorgesehen“, erklärt die Expertin. Falsch positive Befunde, die bei Patienten ohne anamnestische und klinische Hinweise nicht selten sind, könnten lebenswichtige Transplantationen verhindern. „Auf dieses Dilemma und die zugehörige Nutzen-Risiko-Abwägung weisen entsprechend auch die zuvor angesprochenen nationalen und internationalen Leit- und Richtlinien hin“, weiß Barreiros.

„Mikrotumore nicht auszuschließen“

Grundsätzlich berge jede Transplantation neben dem immunologischen Risiko einer Abstoßung auch Gefahren durch die Übertragung maligner Erkrankungen, Infektionskrankheiten, genetisch bedingter Erkrankungen oder toxischer Schädigungen, gibt Barreiros zu bedenken. „Daher wird bei jedem Spender eine sorgfältige Spendercharakterisierung nach nationalen und internationalen Vorgaben durchgeführt, um diese Risiken für den oder die Empfänger so gering wie möglich zu halten.“ Publikationen aus nationalen europäischen oder amerikanischen Registern geben 0,05 % bis 0,06 % als Risiko an, bezogen auf alle Transplantatempfänger. 

„Bei Tumorerkrankungen sind Mikrotumore nicht auszuschließen, die dann unter der Immunsuppression und damit fehlenden Abwehrlage des Empfängers zu manifesten Tumorerkrankungen beim Empfänger führen“, erklärt Barreiros. Auch sei die die Inzidenz von de-novo-Tumoren nach der Transplantation unter der notwendigen Immunsuppression deutlich erhöht. „Bei der Entscheidung zur Aufnahme auf die Warteliste und zur Organtransplantation sind daher immer die möglichen Risiken gegen den erwarteten Nutzen einer geplanten Transplantation abzuwägen und die Empfänger entsprechend aufzuklären.“

Meldesysteme für schwerwiegende Zwischenfälle und das Wissen über schwerwiegende unerwünschte Reaktionen sind von großer Relevanz: Kliniken können andere Empfänger desselben Spenders, bei dem sich im Nachhinein der Verdacht auf die Übertragung einer Erkrankung ergeben hat, umgehend kontaktieren.

Bildquelle: frank23, pixabay

Artikel letztmalig aktualisiert am 26.09.2018.

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Gast
Ich frage mich, würde das Empfänger-Immunsystem die metastatischen Zellen NACH dem Ausbau des Spendeorgans und Beendigung der Immunsupression wirklich nicht erkennen? Hätte es wirklich nicht den Betroffenen das Leben gerettet? Wenn ihr Immunsystem endlich aggressiv gegen die malignen Fremdzellen vorgehen können?..
#5 am 26.09.2018 von Gast (Studentin der Humanmedizin)
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https://youtu.be/0qwM09sipII Vater hört das Herz seiner toten Tochter Nur so...
#4 am 26.09.2018 von Eugenia Dietrich (Studentin der Humanmedizin)
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Hallo liebe Inge Hoenekopp, so ein Organspendeausweis stellt absolut kein amtliches Dokument dar. Diese Ausweise liegen in den Praxen und Kliniken stappelweise herum. Sie können gerne ein einfaches Blatt Papier nehmen und darauf so 'was ähnliches wie "ich will meine Organe spenden!" schreiben und Ihre Unterschrift dazu setzen. Es muss nur ersichtlich sein, dass Sie nach Ihrem Tod den anderen Menschen helfen wollen. Viele Menschen haben nicht mal solche Schreiben. Sie sagen ihren Angehörigen, dass sie spenden wollen, und die Angehörigen sprechen sogar selber die Intensivärzte diesbezüglich an.
#3 am 26.09.2018 von Eugenia Dietrich (Studentin der Humanmedizin)
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Wenn ich parallel dazu an den starken Anstieg der Brustkrebsfälle bei Frauen in den letzten Jahren denke, für den wir noch keine Erklärung haben, wäre auch virale Genese mit onkogenen Viren denkbar. Ergo: ein intakte Immunsystem tut Not.
#2 am 26.09.2018 von Dr. med. Friedrich-Wilhelm Bielefeld (Arzt)
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Danke für den Artikel..... weil: mir die Frage, ob ich bei Z.n. Sigma-Ca, weiterhin Organspenderin sein kann, nicht befriedigend beantwortet wurde. (Antwort war: "auf dem Ausweis vielleicht erwähnen, dass die Leber wegen der Chemo vielleicht nicht genommen werden sollte") . Ich traute dieser Antwort nicht und habe den Ausweis (leider) zerrissen.
#1 am 26.09.2018 von Inge Hoenekopp (Ärztin)
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