Antibiotika: So trickst man resistente Keime aus

20.09.2018

Im Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen könnte ein Forscherteam aus Kiel eine neue wirksame Therapiemöglichkeit gefunden haben. Dabei kommen verschiedene Antibiotika gezielt im Wechsel zum Einsatz. Dadurch konnten selbst resistente Keime nachhaltig abgetötet werden.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt davor, dass sich scheinbar harmlose Bakterieninfektionen in den nächsten Jahren zu einer der häufigsten Todesursachen in den Industrienationen entwickeln könnten. Diese dramatische Bedrohung ist entstanden, weil die seit Jahrzehnten als Standardtherapie verschriebenen Antibiotika in vielen Fällen durch sich ausbreitende Resistenzen wirkungslos geworden sind.

Ursache des Problems ist die Fähigkeit der Keime zur schnellen evolutionären Anpassung an die eingesetzten Wirkstoffe. Die Konsequenz ist, dass selbst neue Antibiotika innerhalb kurzer Zeit ineffektiv werden können. Daher verfolgen Forscher einen alternativen Ansatz: Sie versuchen durch die Anwendung evolutionsbiologischer Prinzipien die Wirksamkeit der aktuell vorhandenen Wirkstoffe länger zu erhalten.

Ein Forschungsteam des Kiel Evolution Center (KEC) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) hat dazu ein bisher unbekanntes Prinzip aufgedeckt. Das könnte eine komplett neue und gleichzeitig höchst nachhaltige Therapieform ermöglichen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun in der Fachzeitschrift PNAS.

Antibiotika-Gabe im schnellen Wechsel

Das untersuchte Behandlungsverfahren macht sich ein simples Prinzip zunutze: Auf die kurze Gabe eines bestimmten Präparats folgt anschließend die Anwendung eines Antibiotikums mit einer anderen Wirkungsweise. Am Beispiel des Bakteriums Pseudomonas aeruginosa, das laut WHO zu den kritischsten Keimen mit multiplen Resistenzen gehört, erprobten die Forscher diese abwechselnde Gabe unterschiedlich wirkender Medikamente. Dazu untersuchten sie in einem Evolutionsexperiment rund 200 Bakterienpopulationen über insgesamt 500 Generationen und beobachteten, wie sich verschiedene Antibiotika und ein geändertes zeitliches Schema der Medikamenten-Wechsel auswirkten. Dabei fanden sie heraus, dass insbesondere die Abfolge eines Penicillin-ähnlichen Wirkstoffs und eines sogenannten Aminoglykosids sowie der schnelle Wechsel mit zufälligen Intervallen besonders gut wirkten.

„Ein kurzer einleitender Behandlungsimpuls macht den Keim anfällig, weil er das Eindringen weiterer Medikamente in die Bakterienzellen erleichtert. Das zweite Antibiotikum erledigt gewissermaßen den Rest und tötet die verbleibenden Krankheitserreger zuverlässig ab“, erklärt Prof. Hinrich Schulenburg, Leiter der Arbeitsgruppe Evolutionsökologie und Genetik an der CAU und KEC-Sprecher. Diese Wirkung ist entscheidend von der Reihenfolge des Medikamenten-Wechsels abhängig. Das impulsgebende Präparat muss zuerst wirken, da es in die Struktur der Zellwände des Bakteriums eingreift und so das Einfallstor für den zweiten Wirkstoff öffnet. Zudem sind die Geschwindigkeit und das Muster der Sequenz ausschlaggebend: „Wechselt man die beiden Medikamente schneller als in der üblichen Antibiotikatherapie und in zufälligen Abständen, lässt sich die Bildung der gefürchteten Resistenzen am deutlichsten hemmen“, so Schulenburg weiter.

Dem Antibiotikum die Tür öffnen

Ursächlich für den Erfolg der Sequenzbehandlung ist das sogenannte zelluläre Gedächtnis der Krankheitserreger. Durch das erste Antibiotikum werden die zellulären Eigenschaften der Keime über mehrere Generationen hinweg so verändert, dass das zweite Antibiotikum auch mit Verzögerung besser wirken kann. „Durch das erste Antibiotikum wird quasi eine Tür geöffnet, die dem zweiten Antibiotikum leichteren Eintritt verschafft“, erläutert Dr. Roderich Römhild, Erstautor der Veröffentlichung. „Dieser Ansatz ist aus evolutionärer Sicht besonders vielversprechend, da die Keime nun gezwungen werden, eine Abwehr gegen das Öffnen der Tür und somit den zellulären Gedächtniseffekt zu entwickeln – anstelle von direkter Resistenz gegen das Antibiotikum“, so Römhild weiter. Im Experiment konnte eine geringere Resistenzentstehung in überzeugender Form bestätigt werden.

Erstaunlich ist, dass bereits vor rund 30 Jahren durch Zufall exakt der nun vorgeschlagene Behandlungsmodus an Patientinnen und Patienten ausprobiert wurde – mit beeindruckendem Erfolg: In fast allen Fällen konnte der untersuchte Krankheitserreger nach der sequentiellen Antibiotika-Behandlung stark reduziert werden; bei der Hälfte war er nicht mehr nachweisbar, und das Verfahren zeigte sich somit deutlich wirksamer als die Standardtherapie. Allerdings fand die Methode nie Eingang in den medizinischen Behandlungsalltag, weil eine Erklärung für den Therapieerfolg fehlte. „Wir sind überzeugt, dass wir mit unseren Ergebnissen zum zellulären Gedächtniseffekt die fehlende Erklärung nun gefunden haben“, betont Schulenburg. „Die neue Arbeit liefert ein weiteres Beispiel dafür, wie mit Hilfe von evolutionsbiologischen Konzepten und Methoden komplett neue Erkenntnisse für nachhaltige Therapieansätze gewonnen werden können“, fasst der KEC-Sprecher zusammen.

 

Dieser Artikel basiert auf einer Pressemitteilung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

 

Bildquelle: 27707, pixabay

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.09.2018.

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Es darf allerdings nicht außer Acht gelassen werden, was die Entstehung von Resistenzen beschleunigt: Unregelmäßige oder zu kurze Einnahme der Antibiotika, Wirkabschwächung durch Lebensmittel, Alkohol, Durchfälle usw., Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, falsche Dosierung. Für einen Großteil dieser Risikofaktoren ist oftmals der Patient selbst verantwortlich (vielleicht auch aufgrund ungenügender Aufklärung). Diese "neue" Methode lässt sich daher gut unter Aufsicht (im Krankenhaus) umsetzen, aber sobald der Patient dies alleine zu Hause machen soll, gibt es wieder die gleichen Fehlerquellen wie oben beschrieben...und wer weiß, wie die Bakterien dann reagieren? Schon im Umgang mit resistenten Erregern/Keimen wurde der Absprung verschlafen. Vorzeigeländer sind dagegen die Niederlande und die skandinavischen Länder. Wir versorgen im Rettungsdienst also weiter die Patienten im Pflegeheim und zu Hause, um dann in der Klinik vom MRSA-Keim o.ä. zu hören...
#2 am 25.09.2018 von Marcel Kurth (Rettungsassistent)
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Daß solche Erkenntnisse für dreißig Jahre in der Versenkung verschwinden können ist ein schlimmes Zeichen. Ganz nach Palmströms Logik: daß nicht sein kann, was nicht sein darf!
#1 am 22.09.2018 von Apotheker Hans-Joachim Kippe (Apotheker)
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