Medikamente im Müll: Schlechtes Gewissen

17.09.2018

Die angebrochene Packung Statine ist viel zu schade, um sie wegzuschmeißen. Immerhin ist sie noch lange haltbar. Was also damit tun? An die Dritte Welt spenden und Bedürftigen helfen, klingt nach einer guten Idee. So einfach ist das mit den Medikamentenspenden aber nicht.

Es tut mir immer in der Seele weh, Arzneimittel wegzuwerfen, deren Haltbarkeitsdatum noch lange währt. Abgegeben werden diese oft von Kunden, deren Angehörige verstorben sind. Die Verwandten bringen Unmengen an kaum benutzten oder sogar völlig ungeöffneten Packungen zur Entsorgung. Doch Medikamente kann man ja leider nicht spenden. Oder doch?

Viele Millionen Kinder und Erwachsene müssen jedes Jahr sterben, weil sie in den Dritte-Welt-Ländern keinen Zugang zu medikamentöser Versorgung haben. Was läge also näher als die Arzneimittel, die hier keiner mehr benutzen kann, dort hin zu schicken, wo sie gebraucht werden? Ein Blick auf die Seite der „Apotheker ohne Grenzen“ klärt uns auf, warum diese Idee leider nicht so gut ist, wie sie im ersten Moment klingt:

Die Lösung für das erste Problem ist relativ einfach. Die tatsächlich in einem Dritte-Welt-Land benötigten Medikamente finden sich auf einer sogenannten „nationalen Arzneimittelliste“ des Empfängerlandes oder in der WHO-Liste der unentbehrlichen Medikamente. Etwas anderes sollte man gar nicht erst versenden. Vorher ist unbedingt darauf zu achten, dass die Darreichungsformen und Beladungsmengen der einzelnen Arzneiform denen im Empfängerland zumindest ähneln.

Elegante Arnzneimittel-Entsorgung

Die WHO hat daher für alle Arzneimittelspenden entsprechende Leitlinien erarbeitet, an die sich die Spenderorganisationen halten sollten, wenn sie eine wirkliche Hilfe sein wollen. Hans-Heinrich Schäfer vom Deutschen Roten Kreuz beschreibt gegenüber dem Ärzteblatt eingehend die Problematik der Arzneimittelspenden: „Als Negativbeispiel kann die Spendenpraxis während des Bosnien-Krieges dienen: Nach einer Studie der Europäischen Agentur für Entwicklung und Gesundheit, die die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in Auftrag gegeben hatte, waren mehr als die Hälfte aller zwischen 1992 und 1996 nach Bosnien gelieferten Medikamente nicht geeignet.“

Die Medikamente, so Schäfer weiter, hätten wie Lepra- oder Malariapräparate nicht den medizinischen Anforderungen vor Ort entsprochen, oder es habe sich sich um angebrochene Packungen ohne Etikett gehandelt, die kaum noch auseinandersortiert werden konnten. „Zum Teil entsorgten die Spender auf diese Weise auch „elegant“ ihren Arzneimittelmüll. Beträge in Millionenhöhe mussten für die Vernichtung ausgegeben werden.“, kritisiert Schäfer.

Was können wir dann mit unseren unangebrochenen und nicht mehr selbst benötigten Arzneimittel tun? Einer der Leitsätze verbietet das Verschicken von Packungen, die bereits an die Patienten herausgegeben wurden. Diese werden dem hohen Qualitätsanspruch, der den Spenden zugrunde liegt, nicht gerecht.

Insulin-Ampullen sind willkommen

Eine Ausnahme macht dabei der Verein Insulin zum Leben. Er sammelt und verschickt tatsächlich auch Packungen, die bereits angebrochen wurden, wenn die Ampullen selbst noch ungebraucht sind. Die Mühe des Vorsortierens und die Kosten des Versandes trägt der Verein selbst. Die Empfänger vor Ort wissen auch genau, wie sie die Pens oder Durchstechflaschen verwenden müssen. Daher sind sowohl Einzelpackungen von Patienten als auch Ärztemuster willkommen.

Der Verein engagiert sich seit Jahren dafür, dass hierzulande kein brauchbares Insulin entsorgt wird, während in anderen Teilen der Welt Menschen sterben müssen, weil es ihnen fehlt. Auch Blutzuckerteststreifen oder ungebrauchte Lanzetten werden dort verschickt, und Geldspenden für den Versand gesammelt. Was dem Verein Insulin zum Leben fehlt ist allerdings der hohe Bekanntheitsgrad der ihm zustehen sollte!


Medikamente die noch mindestens ein halbes Jahr Laufzeit haben und ungeöffnet sind nimmt zum Beispiel die Jenny-de-la-Torre-Stiftung in Berlin an. Sie werden dort von ehrenamtlich tätigen Ärzten an bedürftige Obdachlose verteilt. Auch verschiedene Flüchtlingshilfswerke sammeln durchaus Medikamentenspenden, die in Deutschland an Bedürftige abgegeben werden.

Es lohnt sich also durchaus einmal nachzuforschen, ob es in der eigenen Umgebung eine Organisation gibt, die noch haltbare Arzneimittel sammelt. Damit kann man zwar nicht in der Dritten Welt helfen, aber vor der eigenen Haustüre.

 

Bildquelle: Clker-Free-Vector-Images, pixabay

Artikel letztmalig aktualisiert am 18.09.2018.

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Wer lesen kann ist klar im Vorteil: einer der Leitsätze der WHO zum verschicken in Krisengebiete lautet (...) Eine Ausnahme macht dabei (...) Bei der La Torre Stiftung wird außerdem nichts verschickt und sie hat mit der WHO und deren Leitsätzen wohl auch nicht viel zu tun. Wer Texte verstehen möchte muss sich auch die Mühe machen sie nicht nur zu überfliegen, sondern auch aufmerksam zu lesen. Dann müsste sie auch niemand erklären...
#3 am 21.09.2018 von Eva Bahn (Pharmazeutisch-technischer Assistent (PTA))
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"Einer der Leitsätze verbietet das Verschicken von Packungen, die bereits an die Patienten herausgegeben wurden. Diese werden dem hohen Qualitätsanspruch, der den Spenden zugrunde liegt, nicht gerecht." Das dürften doch die allermeisten Medikamentenpackungen sein, dir "zu schade zum Wegwerfen" sind. Was anderes als wegwerfen bleibt aber dann für diese Medikamente nicht, oder verstehe ich den Artikel falsch? Oder gilt diese Regel für die "Jenny-de-la-Torre-Stiftung" nicht? Irgendwie hinterlässt der Artikel bei mir mehr Fragen, als er beantwortet.
#2 am 20.09.2018 von Dr. Walter Mildenberger (Arzt)
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Gast vom Land
Danke für den Bericht und die guten Tipps. Ich werde mich bei der nächsten Medikamentenaussortierung vor Ort umschauen
#1 am 20.09.2018 von Gast vom Land (Arzt)
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