Ist ein Arzt an Bord?

11.09.2018

Endlich sind sie da - die lang ersehnten Ferien. Nach Monaten der Arbeit endlich eine Woche weg. Ortswechsel. Kein Laptop, kein im 5-Minuten-Takt piepsender Sucher, keine PatientInnen, keine Angehörigengespräche. Stattdessen Sonne, Meer, Ausschlafen, Baden, Ausruhen, Kraft tanken.

Der letzte Dienst hat dem Stress der vergangenen Monate die Krone aufgesetzt – die Station gleicht einem Gruselkabinett. Ich sortiere die Patienten zwischen semistabil, bald sterbend und tot. Ein Anruf von der Pflege. Ist es dringend? Falls nein, dann muss es leider warten. Dazu Papierkram, weinende Familien, der Bestatter, die Polizei. Keine Zeit, um an Essen oder einen Toilettengang zu denken.

Das Gute an einem stressigen Dienst ist, dass die Zeit wie im Flug vergeht. Flug – habe ich schon eingecheckt? Was muss noch in den Koffer? Hauptsache Pass, Kreditkarte und Handy. Alles anderes ist mir egal, ich will einfach nur weg und abschalten.

Sekt auf, ins Flugzeug und los

Richtig entspannt bin ich erst im Zug, auf dem Weg zum Flughafen. Die Haustiere sind in guten Händen, der Koffer verstaut und mein Mann bestellt im Speisewagen eine Flasche Sekt. Am Flughafen wird der Koffer abgegeben, noch ein bisschen gebummelt und anschließend in das Flugzeug eingestiegen. Alles funktioniert reibungslos, kein ewiges Rumstehen im Gang, brave Passagiere. Die Türen des Flugzeuges werden verschlossen, die Gurte festgezurrt, es kann losgehen.

Doch es geht nicht los. Das Flugzeug bleibt stehen, man wartet geduldig. Ich freue mich auf das Gefühl des Abhebens, als plötzlich eine Durchsage ertönt. Ob sich medizinisches Personal an Board befinden würde. Seufz. Doch noch nichts mit Urlaub. Mir fällt eine Anästhesistin ein, die mir erzählte, dass sie sich am Flughafen immer sofort betrinke, damit sie dann an Board nicht arbeiten müsse.

Zu früh gefreut

Ich schlurfe in Flipflops ein paar Reihen weiter. Die „Patientin“, eine circa 50 Jahre alte Frau. Aufgelöst, am Zittern. A-P-Symptomatik. Die FlugbegleiterInnen bleiben professionell ruhig und begleiten die Dame nach hinten, wo sie sich auf den Boden setzt. Ich frage sie, ob sie die Symptome kenne und ob sie Medikamente nehmen. Sie zieht ihre Bluse hoch und deutet auf eine sehr lange Narbe, welche vom Brustbein bis zum Oberbauch zieht. 5 Stents seien da schon drinnen.

Ich frage den Flugbegleiter, ob sie einen „Arztkoffer“ an Board hätten, dann könne ich zumindest mal den Blutdruck messen. Ja, den gäbe es, aber solange sie noch am Boden sind, dürfen sie diesen nicht öffnen. Die Ambulanz sei unterwegs. Ich erkundige mich bei der Frau, welche Medikamente sie bei sich habe. Sie deutet auf ihre geöffnete Tasche. Neben einem durchsichtigen Beutel mit einem Haufen Tabletten (Statine, Clopidogrel, ASS, Citalopram, Betablocker) liegt eine Packung Zigaretten. Fünf Stents und Raucherin? Hofft sie auf einen baldigen sechsten?

Ein Notfall und noch eine Bombe?

Von draußen klopft es. Zwei Sanitäter steigen ein und begleiten die Frau nach draußen. Die Türen werden wieder verschlossen, es kann weitergehen. Doch vorher werden noch die „overhead bins“ vom Personal durchsucht, denn die Frau könne ja alles nur vorgetäuscht und eine Bombe im Flugzeug hinterlassen haben. Irgendwann fliegen wir mit Verspätung ab, der Urlaub kann nun endlich beginnen.

Bildquelle: StelaDi, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 25.09.2018.

79 Wertungen (4.13 ø)
17212 Aufrufe
Um zu kommentieren, musst du dich einloggen. Einloggen
Guten Tag Dr. Menschenhandwerkerin, ich bin da bei Ihnen: Auch jemand, der Ihren Beruf gewählt hat, braucht mal Abstand/ Abschalten/ Urlaub. Was nützt der tollste Arzt, wenn er Burnout bekommt ? Auch nix mehr seinen Patienten..... Um Sie aufzumuntern, hier ein kleiner Witz: Während eines Konzertes: Plötzlich : "Ist ein Arzt hier im Raum? Gibt es einen Arzt hier?" Es meldet sich schließlich ein Mediziner. Der andere : " Welch schöne Musik, Herr Kollege!" Viel "schöne Musik" und gute Erholung wünsche ich Ihnen.
#4 am 27.09.2018 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
  4
Gast
"Mir fällt eine Anästhesistin ein, die mir erzählte, dass sie sich am Flughafen immer sofort betrinke, damit sie dann an Board nicht arbeiten müsse." Unverantwortliches Handeln für eine Medizinerin!! Ich bete, dass ich niemals in 10.000 Metern über dem Atlantik einen Arzt benötige und dann eine volltrunkene Schnappsleiche hysterisch lachend und lallend sich als Ärztin ausgibt. Und torkelnd auf mich zukommt, wenn überhaupt...
#3 am 26.09.2018 (editiert) von Gast
  137
@ #1: Vielleicht hat sie sich von Stents zu Bypässen hochgearbeitet und zwischendrin den Überblick verloren.
#2 am 25.09.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  2
Stents und Thorakotomienarbe? Wohl eher Bypässe ...
#1 am 25.09.2018 von Werner Schmidt (Arzt)
  9
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Es war ein eiskalter Winter vor vielen, vielen Jahren. Bei fast minus 15 Grad Celsius stapfte ich um sechs Uhr mehr...
Es ist dunkel und kalt wenn ich in den großen, grauen Kasten namens Spital stapfe und auch wieder dunkel und kalt, mehr...
Je nach Altersgruppe könnt ihr euch jetzt zwischen zwei Einleitungen entscheiden. Fühlt ihr euch eher von „Let it mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2018 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: