MS: B-Zellen als Mittäter entlarvt

07.09.2018

Lange konzentrierte sich die Multiple-Sklerose-Forschung vor allem auf T-Zellen. Jetzt haben Forscher herausgefunden, dass auch B-Zellen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von MS spielen. Das erklärt den bislang unbekannten Wirkmechanismus neuer Medikamente.

Bei Multiple Sklerose (MS) greifen körpereigene Abwehrzellen die Isolationsschicht der Nervenfasern in Gehirn und Rückenmark an. Dadurch wird die Signalübertragung zwischen den Nerven gestört und es kann zu schwerwiegenden neurologischen Behinderungen wie Gefühlsstörungen, Schmerzen und Lähmungserscheinungen führen. Ein Team der Universität Zürich (UZH), des Universitätsspitals Zürich (USZ) und des schwedischen Karolinska Instituts unter der Leitung von Neurologe Roland Martin hat nun einen entscheidenden Aspekt in der Entstehung und Entwicklung von MS entschlüsselt. „Wir konnten erstmals zeigen, dass bestimmte B-Zellen – die antikörperproduzierenden Zellen des Immunsystems – jene T-Zellen aktivieren, die die Entzündung im Gehirn und die Schädigung der Nervenzellen auslösen“, sagt Martin.

Neue MS-Medikamente greifen B-Zellen an

Bis vor Kurzem konzentrierte sich die MS-Forschung vor allem auf die T-Zellen. Sie sind die „Wächter“ der Immunabwehr, die beispielsweise bei Infektionen mit Viren oder Bakterien Alarm schlagen. Bei etwa jeder tausendsten Person gerät die Fähigkeit der zellulären Aufpasser, zwischen körpereigenen und fremden Strukturen zu unterscheiden, durcheinander. Resultat ist, dass die fehlgeleiteten T-Zellen das eigene Nervengewebe attackieren – der Beginn von MS. Allerdings sind die T-Zellen nicht allein verantwortlich. „Auf die Spur, dass auch die B-Zellen eine wichtige Rolle in der Pathogenese spielen, führte uns eine Klasse von MS-Medikamenten namens Rituximab und Ocrelizumab“, erläutert Roland Martin. Diese beseitigen die B-Zellen, was die Hirnentzündung und die Krankheitsschübe der Patienten sehr wirksam hemmt.

B-Zellen als Mittäter entlarvt

Die konkrete Rolle der B-Zellen ermittelten die Forscher mit Hilfe eines experimentellen In-vitro-Systems, mit dem Blutproben untersucht werden können. Im Blut von MS-Betroffenen zeigte sich eine erhöhte Aktivierung und Zellteilung jener T-Zellen, die sich gegen die körpereigenen Nervenfaserhüllen richten. Auslöser waren B-Zellen, die mit den T-Zellen interagieren. Wurden die B-Zellen eliminiert, hemmte dies sehr wirksam die T-Zellvermehrung. „Damit“, so Martin, „ist es uns gelungen, den bisher noch unklaren Wirkmechanismus dieser MS-Medikamente zu entschlüsseln.“

Aktivierte T-Zellen wandern ins Gehirn

Das Team entdeckte zudem, dass sich unter den aktivierten T-Zellen im Blut insbesondere solche befinden, die bei Krankheitsschüben von MS-Patienten auch im Gehirn auftreten. Vermutlich sind sie für die Entzündungsherde verantwortlich. Weitere Untersuchungen zeigten, dass diese T-Zellen Strukturen eines Proteins erkennen, das sowohl von den B-Zellen wie auch von Nervenzellen im Gehirn produziert wird. Nach der Aktivierung im peripheren Blut wandern die T-Zellen auf diese Signale hin ins Gehirn ein, wo sie das Nervengewebe zerstören. „Unsere Resultate erklären nicht nur, wie die neuen MS-Medikamente wirken, sondern bahnen auch den Weg für neue Ansätze in der MS-Grundlagenforschung und -therapie“, folgert Roland Martin.

 

Dieser Artikel basiert auf einer Pressemitteilung der Universität Zürich.

 

Bildquelle: rymtok, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 07.09.2018.

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Medizin, Neurologie
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Gast
Ooooh, das klingt wirklich interessant. Retuximab war ein richtiger Blockbuster in der Rheumatologie (auch wenn es mittlerweise auch gute andere Medikamente gibt) ich frage mich wie es jetzt mit der MS da laufen wird. Auch wie oft man dann die Infusion wiederholen muss, bei der RA waren es Zeiten zwischen 6 Monaten und 2 Jahren.
#3 am 13.09.2018 von Gast (Arzt)
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Es entbehrt nicht einer gewissen humoristischen Note, wenn sich eine Heilpraktikerin über einen angeblich fehlenden "Mode of action" vor Anwendung echauffiert. Die Wirkung der Substanzen auf B-Zellen über Bindung an CD20 war im übrigen schon längst geklärt (bevor man sie einsetzte) und auch das B-Zellen eine Bedeutung im Rahmen der MS haben. (siehe zB https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4710102/) Neu ist ein besseres Verständnis in der Interaktion zw. B- und T-Zellen Beide Präparate werden übrigens nicht eingenommen sondern infundiert.
#2 am 10.09.2018 von Priv.-Doz. Dr. med. Stephan Gromer (Arzt)
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Es ist natürlich wirklich richtig super, wenn nach Einnahme dieser Hammermedikamente endlich gewusst wird wie sie wirken...... Eigentlich sollte man das doch vorher klären???
#1 am 10.09.2018 von Rita Altmeyer (Heilpraktikerin)
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