Die verfluchten 37 Prozent

07.09.2018

Wie viel Prozent der Krebsfälle in Deutschland ließen sich vermeiden? Eine neue Studie liefert dazu erstmals Zahlen. Demnach gehen mindestens 37 Prozent aller Krebserkrankungen auf das Konto vermeidbarer Risikofaktoren wie Rauchen und Bewegungsmangel.

Ein gesundheitsbewusster Lebensstil kann helfen, die wichtigsten Krebsrisikofaktoren zu vermeiden. Übergewicht, Rauchen und Bewegungsmangel wurden Anfang dieses Jahres bereits in einer US-amerikanischen Studie als abwendbare Faktoren ermittelt, wie DocCheck berichtete. Doch wie ist die Lage hierzulande? Wie viele Krebsfälle in Deutschland tatsächlich auf die einzelnen Risikofaktoren zurückzuführen sind, war bisher nicht bekannt. Ein Team von Wissenschaftlern um Ute Mons und Hermann Brenner vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) hat dies nun erstmals für die im Jahr 2018 zu erwartenden Krebsneuerkrankungen berechnet.

37 Prozent sind nur das Minimum

Dabei berücksichtigten sie alle 440.000 Krebsfälle bei Personen im Alter von 35 bis 84 Jahren sowie diejenigen Risikofaktoren, deren ursächlicher Zusammenhang mit der Krebsentstehung als gesichert gilt. Konkret beziffern die Autoren, welchen Anteil das Rauchen, ein hoher Alkoholkonsum, Übergewicht, ein Mangel an körperlicher Aktivität, ungesunde Ernährung, Infektionen und ausgewählte Umweltfaktoren (Radon, Feinstaub, Solarien, Passivrauchen) an der Gesamtzahl aller Krebsneuerkrankungen haben.

 

m_1536326880.jpg

 

Vermeidbare Krebsrisikofaktoren © U. Mons/Dt. Ärzteblatt

 

Brenner und Mons halten den nun errechneten Anteil von 37 Prozent an vermeidbaren Krebsfällen noch für niedrig geschätzt: Bei vielen Krebsarten sind die Zusammenhänge mit einzelnen Risikofaktoren noch nicht belegt und daher noch nicht in die Risikoberechnung eingeflossen. Andere Risikofaktoren, beispielsweise die natürliche UV-Strahlung, konnten aus Mangel an Daten nicht berücksichtigt werden. Tatsächlich könnte das Ergebnis noch deutlich höher liegen. „Berücksichtigen wir zusätzlich noch das Potenzial von Früherkennungsmaßnahmen, etwa der Darmspiegelung, so liegt der Anteil vermeidbarer Krebserkrankungen noch weitaus höher, schätzungsweise bei mindestens 50 Prozent“, ergänzt Brenner.

Krebsprävention an Bedeutung gewinnen

Darüber hinaus fördern viele der Krebsrisikofaktoren auch andere chronische Krankheiten, insbesondere Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Krebsprävention ist daher breite Gesundheitsprävention. Zwar ist die altersstandardisierte Krebssterblichkeitsrate in den letzten zwei Jahrzehnten um fast ein Viertel gesunken – dank der Einführung einzelner wirksamer Präventions- und Früherkennungsuntersuchungen und dank einer deutlich verbesserten Behandlung vieler Krebsarten. Doch die absolute Zahl an Krebstodesfällen steigt weiterhin an, da aufgrund der weiterhin steigenden Lebenserwartung und der wachsenden Zahl älterer Menschen immer mehr Menschen in Deutschland an Krebs erkranken.

„Mit diesen Schätzungen wollen wir der Gesundheitspolitik, aber auch Ärzten und anderen Mitarbeitern des Gesundheitswesens Anhaltspunkte dafür liefern, wie das große ungenutzte Potenzial der Krebsprävention effizienter genutzt werden könnte“, erklärt Brenner.

Land der Raucher

Die Art der eingesetzten Berechnung ist in der Epidemiologie weit verbreitet. Wissenschaftler ermitteln damit die Anzahl der Fälle, um die das Auftreten einer Krankheit reduziert werden könnte, wenn in der Bevölkerung ein bestimmter Krankheitsrisikofaktor eliminiert oder reduziert würde. Was Krebsrisikofaktoren betrifft, wurde bislang in Deutschland immer auf Ergebnisse aus Großbritannien zurückgegriffen.

„Erwartungsgemäß sind die Ergebnisse für Deutschland und Großbritannien recht ähnlich. Einen deutlichen Unterschied sehen wir jedoch beim Risikofaktor Tabakrauchen“, sagt Mons. „Tabakkonsum bedingt in Deutschland 19 Prozent aller Krebsfälle, bei den Briten dagegen nur rund 15 Prozent. Hier wird sichtbar, dass Deutschland bei der Umsetzung einer wirksamen Tabakpräventionspolitik europaweit zu den Schlusslichtern zählt. In Ländern, die eine konsequente Tabakprävention betreiben, neben Großbritannien beispielsweise Australien, fordert das Rauchen inzwischen weit weniger Krebsopfer als bei uns.“

Es wird Zeit für mehr Bewegung

In Anbetracht der jüngsten WHO-Studie, nach der sich über 40 Prozent der Deutschen zu wenig bewegen, ist die Analyse besonders interessant. Im Hinblick auf die sich weltweit epidemisch ausbreitenden Risikofaktoren Übergewicht und Bewegungsmangel sieht Brenner Handlungsbedarf für die Politik. Und zwar so früh wie möglich: „Besonders besorgniserregend ist, dass diese beiden Risikofaktoren ihren Ursprung bereits im frühen Kindesalter haben.“ In Großbritannien laufen Schüler täglich eine Viertelstunde im Freien – das Projekt The Daily Mile wurde vor einigen Jahren ins Leben gerufen, DocCheck berichtete. Landesweite Initiativen wie diese fehlen hierzulande.

Familien und Schulen müssen besser unterstützt werden, betont Brenner: „Hier sollte präventiven Maßnahmen höchste Priorität eingeräumt werden. So könnte eine gesundheitsförderliche Preispolitik, etwa durch gestaffelte Mehrwertsteuersätze, wichtige finanzielle Anreize für eine gesunde Ernährung in der Familie liefern. Das schulische Umfeld sollte dringend ausreichend Bewegung fördern.“

Der Text basiert auf einer Pressemitteilung des Deutschen Krebsforschungszentrums

Bildquelle: Sincere Finchy, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 12.09.2018.

37 Wertungen (4.14 ø)
8493 Aufrufe
Medizin, Onkologie
Um zu kommentieren, musst du dich einloggen. Einloggen
Gast
Da wir im dunklen Zeitalter des Kali Yuga leben ( purer Materialismus) ist das Alles nicht verwunderlich. Gute Nachricht: Dauert nur noch ein paar tausend Jahre
#6 am 21.09.2018 von Gast (Arzt)
  1
das ist doch nur Aufwärmen von Kinderkram ,was sogar meine Oma schon wußte .... und die restlichen 2/ 3. Wir haben in DTL. 30 Millionen chronisch Kranke --- welchen Grades auch immer --haben überall "Grüne Frischluft" keine Umweltschadstoffe u. vor ALLEM keine psychischen Probleme u. könne gut scxhlafen mit dem Handy im Schlafanzug.
#5 am 09.09.2018 von dr. med.dent. Wolfgang Stute (Zahnarzt)
  5
Oft sind sogenannte "vermeidbare Faktoren" gar nicht individuell vermeidbar. Schlechte Lebensverhältnisse, Armut, Depressionen, Angsstörungen , Einnahme von sedierenden Medikamenten, und auch oft Körperbehinderung stellen Probleme dar, die das Problem " Fehlernährung und Bewegungsmangel" überwiegen. Nur ein Beispiel: Ich habe eine Bekannte, die leidet an Agoraphobie und wartet gerade schon 6 Monate auf einen therapieplatz. Sie geht während der ganzen Zeit nicht freiwillig nach draußen, ergo Bewegungsmangel.
#4 am 08.09.2018 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
  15
Nun, die Kausalität der genannten Faktoren: Rauchen, Übergewicht (und Bewegungsmangel -> Übergewicht), hoher Alkoholkonsum, Infektionen (EBV -> Lymphom, Hep B/C -> HCC, HSV -> Cervix-CA) ungesunde Ernährung (zB Grillen)ist hinreichend belegt.
#3 am 08.09.2018 von Marwa Alkari (Ärztin)
  4
"Hätte, hätte, Fahrradkette"...? Bereits die große europäische Langzeitstudie (EPIC) zeigte, wer nicht übergewichtig ist, nicht raucht, Alkohol nur in Maßen konsumiert, körperlich aktiv ist und sich gesund ernährt, hat ein um etwa ein Drittel vermindertes Risiko, an Dickdarm- oder Mastdarmkrebs zu erkranken. So war das Ergebnis mit über 347.000 erwachsenen Teilnehmern am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) https://bmcmedicine.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12916-014-0168-4 "Combined impact of healthy lifestyle factors on colorectal cancer: a large European cohort study" von Krasimira Aleksandrova et al.
#2 am 08.09.2018 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  2
Doch wenn alle jährlichen ca. 440.000 Krebs-Neuerkrankungsfälle bei Personen im Alter von 35 bis 84 Jahren sowie diejenigen Risikofaktoren, deren ursächlicher Zusammenhang mit der Krebsentstehung als gesichert gilt, wie Rauchen, hoher Alkoholkonsum, Übergewicht, Mangel an körperlicher Aktivität, ungesunde Ernährung, Infektionen und ausgewählte Umweltfaktoren (Radon, Feinstaub, Solarien, Passivrauchen) an der Gesamtzahl aller Krebsneuerkrankungen lediglich ex-post abgeschätzt, aber nicht kausal-verursachend belegt werden können, bedeuten die Studien von Ute Mons, Hermann Brenner et al. vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) nichts anderes als: "Hätte, hätte, Fahrradkette".
#1 am 08.09.2018 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  5
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Mit weltweit rund 1,6 Millionen Todesfällen pro Jahr ist Lungenkrebs eine große Herausforderung für Onkologen. mehr...
Patienten mit rezidiviertem bzw. refraktärem, diffus großzelligem B-Zell-Lymphom (DLBCL) oder mit primär mehr...
Bereits im Jahr 1999 beschloss die US Food and Drug Administration (FDA), herauszufinden, ob Handystrahlung zu mehr mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2018 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: