Hätte der Apotheker da nicht helfen MÜSSEN ?

11.10.2013
Teilen

 

Danke an die Leser, die mich auf diese Pressemitteilung aufmerksam gemacht haben:

http://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/414230/apotheker-schickt-madchen-mit-zuckerschock-weg

Darin steht, wie ein 15 jähriges Mädchen mit Diabetes in einer Apotheke in Osnabrück nach Traubenzuckerbonbons fragt. Sie hat eine akute Unterzuckerung (schwitzt und zittert) und braucht das ganz dringend. Der Apotheker hat aber keine zum gratis abgeben mehr da und will keine Packung aufmachen ohne vorherige Bezahlung. Selbst auf die telefonische Intervention der Mutter nicht. Dafür schickt er das Mädchen in die Apotheke gegenüber, wo sie dann ihre Traubenzucker bekommt.

 

Wie stehe ich dazu?

Der Apotheker hat ganz sicher einen Fehler gemacht. Und ich bin auch sicher, dass er ihn sehr bedauert – und nicht nur wegen der schlechten Presse.

So steht dann da auch im Artikel

Ob er denn angesichts der Notlage nicht eine Packung hätte anbrechen können, geschweige denn müssen? „Hätte ich das mal gemacht“, bedauert er. „Was passiert ist, tut mir leid.“

Vielleicht war die Frage nach den Traubenzucker-Bonbons zu ... offensiv. Vielleicht hat er in die Richtung schon schlechte Erfahrungen gemacht. Ziemlich sicher hatte er tatsächlich keine zum gratis abgeben an Lager. Und sehr wahrscheinlich ist ihm einfach nicht in den Sinn gekommen, dass es noch andere Möglichkeiten gibt: zum Beispiel hinten ein Glas Wasser holen und etwas Zucker drin lösen – muss ja nicht Traubenzucker sein, der für den Kaffee tut’s auch. So wie Orangensaft, das man in so Situationen auch gern gibt.

Dann schickt er sie in die nächste Apotheke – die liegt (nur) knapp 20m über die Strasse. Nicht die beste, aber ... auch eine Lösung.

Aber ja, ich denke er hätte selber etwas mehr machen sollen. Ansonsten fällt das wirklich schon fast unter Unterlassene Hilfeleistung. Immerhin *hat* er die Ausbildung das Problem zu erkennen und auch zu wissen, was er zu tun hat.

Ihn böse zu nennen ... finde ich aber etwas übertrieben. Ich glaube nicht, dass er in böser Absicht gehandelt hat.

Im übrigen: Zuckerschock finde ich eine nicht wirklich gelungene Beschreibung für eine Hypoglykämie - eine akute Unterzuckerung. Auch wenn das umgangssprachlich ist - irgendwie suggeriert es ein zuviel an Zucker - wo doch das Problem hier ein zuwenig ist. Das kann sich auch ziemlich dramatisch äussern: von Verwirrtheit bis Verhaltensänderung (oft Aggressivität) über Koordinationsstörungen bis Kreislaufstörungen. Schwitzen und Zittern gehören auch dazu - als Bekannter ist es gut, auf derartiges zu achten, damit man schnell reagieren kann. Und lieber etwas zu früh Zucker geben als nicht. Auch wenn Diabetes eigentlich eine "Überzuckerung" ist. Das kommt halt auch vor.

Und Danke an die vielen Apotheker die nie in der Presse erwähnt werden und für die das ganz selbstverständlich ist, in so einem Fall zu helfen!

(Ja, den Fall hatten wir selber auch schon.)

 

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.04.2014.

20 Wertungen (3.75 ø)
1060 Aufrufe
Pharmazie
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
@3 ich bin mir ganz sicher, dass viele andere Apotheker , die meisten sogar, ein Traubenzucker abgegeben hätten. Wir wollen mal die Kirche im Dorf lassen.
#6 am 19.04.2014 von Gast (Gast)
  0
Fuer Apotheker gilt die sog. Garantenstellung, garantare kommt von Beschützen. Viele Kammern vertreten die Meinung, das im Notfall auch ein Asthmaspray ohne Rezept abgegeben werden sollte, vorausgesetzt der Patient kennt die Beschwerden und das Medikament. Auch aus meiner Sicht haette der Kollege Glucose abgeben MÜSSEN. Vergessen wir aber alle nicht, wir waren nicht dabei und durch "stille Post" kann es nicht so klar gewesen sein wie es uns aus der Distanz retrospektiv schein.
#5 am 18.10.2013 von Matthias Bastigkeit (Medizinjournalist)
  0
Gast
Die Frage ist nun was macht man bei einem Asthmapatienten der einen massiven Asthmaanfall hat, dem dürfen wir auch nicht einfach so das Asthmaspray geben ohne Rezept. Genauso einer Person die nach eigenen Angaben einen Angina Pectoris Anfall hat und Nitrolingual ohne Rezept verlangt. Das MÜSSEN ist ein falsches Wort in der Diskussion. Wir dürfen keine Diagnosen stellen ! Auch nicht die das eine Unterzuckerung vorliegt. Klar kann man Traubenzucker abgegen, aber wenn man die Erfahrung gemacht hat das viele 3-4x am Tag kommen und Traubenzucker bei Unterschiedlichen Leuten hinterm HV verlangt.Dann kann ich verstehn das der Apotheker keine VK Packung aufgemacht hat. Und ich denke eine 15 Jährige mit Diabetes sollte auch in der Lage sein sich so auszudrücken das es nicht unbedingt der Traubenzucker sein muss, sonder auch etwas anders Zuckerhaltiges und seis nur ein Würfelzucker. Weil dann ist es klar das nicht jemand voreinemsteht der nur gratis naschen möchte.
#4 am 18.10.2013 von Gast (Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA))
  0
Gast
Für medizinisches Personal, wozu auch Apotheker gehören ist das ganz klare unterlassene Hilfeleistung. Ich bin zwar "nur" PTA, aber ich hätte eine Packung Traubenzucker trotzdem einfach aufgemacht. Wir haben schließlich alle einen Auftrag. Wir schwören zwar keinen Eid darauf, aber wir haben uns doch alle bei der Berufswahl was dabei gedacht, oder? Das Gehalt kann ja schließlich nicht ausschlaggebend gewesen sein. Für mich ist das ein unverzeihliches Verhalten, aber leider wahrscheinlich kein Einzelfall.
#3 am 18.10.2013 von Gast (Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA))
  0
Der Apotheker hat das wahrscheinlich für eine neue Masche des Abstaubens gehalten!
#2 am 18.10.2013 von Gernot Eicker (Apotheker)
  0
In meinen Augen klare unterlassene Hilfeleistung - und das für ein paar Cent. Flexibilität und Hilfsbereitschaft schaut wirklich anders aus. Und die schlechte Presse tut uns zwar allen weh, ist aber mehr als berechtigt. - Da habe ich überhaupt kein bißchen Verständnis für so ein Verhalten ! Dr. Wolfgang Schiedermair, Würzbug
#1 am 18.10.2013 von Dr. Wolfgang Schiedermair (Apotheker)
  0
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
  Auf einem aktuelleren Rezept. Ich bin … verwirrt. Wie muss der Patient das Pantoprazol dosieren? Da steht: mehr...
„Sie können mir das schon geben, ich übernehme die Verantwortung!“ … sagt die Frau, die unbedingt ein mehr...
(von der Apothekerin) Es ist anscheinend nie Ihre Verantwortung über ihre Deckung Bescheid zu wissen. Und dann mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: