Das merkwürdige Verhalten des Hundes Fridolin

03.09.2018

Frau von Bromberg ist eine äußerst elegante Dame. Eigentlich behält sie immer die Contenance. Als ich ihre Gehörgänge reinige, vertraut sich sich mir aber deutlich besorgt an. Ihr Hund Fridolin benehme sich seit einigen Monaten anders, irgendwie unheimlich. Vor allem nachts.

Man sieht sie immer seltener, die Damen mit Hut. Wie in einem Schwarz-Weiß-Film längst vergangener Zeit kleidet sich Frau von Bromberg selbst bei einem Besuch ihres HNO-Arztes so, als wolle sie anschließend in einem Kaffeehaus ein Stück Sacher-Torte zu ihrer Melange genießen. Die Farben beige oder grau sind ihr fremd. Der Hut heute wäre wieder eine separate Erzählung wert; ja bitte ausnahmsweise zur Untersuchung abnehmen. Die Frisur wird bestimmt nicht leiden.

Sie benötigt seit Jahren Hörgeräte und so reinige ich regelmäßig ihre Gehörgänge. Beiläufig kommen wir auf Hunde zu sprechen. Und wie schwer es ihr fällt, ihren Fridolin für diesen Besuch allein zu lassen. Hunde in einer Arztpraxis sind nicht möglich, das habe sie eingesehen.

Fridolins merkwüdiges Verhalten

„Irgendwie benimmt sich Fridolin in den letzten Monaten vor allem nachts anders. Normalerweise liegt er ja auf dem Hochflorteppich im Schlafzimmer. Aber seit Monaten kommt er immer häufiger in mein Bett!“, erzählt sie mir leicht pikiert. Es ist ihr sichtlich unangenehm, aber sie vertraut mir nach so vielen Jahren.

„Legt er sich zu ihren Füßen?“, frage ich nach, während ich ein nach innen verirrtes Stückchen Cerumen entferne.

„Nein, er stupst mich immer wieder an, so dass ich aufwache.“

Ich beende meine Ohrreinigung und drehe den Untersuchungsstuhl wieder in die Ausgangsstellung. Sie schaut mich verschwörerisch an, als wolle sie mir im nächsten Satz verraten, wo der heilige Gral versteckt ist.

„Aber in letzter Zeit“, sie flüstert und schaut kurz, ob die Tür auch wirklich verschlossen ist, „da kommt er fast jede Nacht mit seiner Nase ganz dicht an meinen Mund! Das ist mir unheimlich.“

Ich schaue sie verständnisvoll an und nicke langsam.

Doch irgendetwas in meinem Kopf sagt mir, dass hier nicht nur ein Kapitel im Knigge zum Thema „Verhalten gegenüber unsittlichen Annäherungen von Haustieren in der Nacht“ fehlt. Nicht selten machen Änderungen im Verhalten der Tiere durchaus Sinn.

Auf einmal macht alles Sinn

„Frau von Bromberg, hatten Sie mir nicht letztes Mal erzählt, dass Sie sich zunehmend müde und schlapp fühlen und sich mittags sogar hinlegen müssen?“, frage ich.

„Das stimmt! Mein Hausarzt hat mich von oben bis unten untersucht, sogar Blut abgenommen, aber keine Erklärung dafür gefunden. Ach ja, und mein Sohn war neulich das Wochenende bei mir und hat gemeint, ich würde schnarchen. Wie gut, dass Hans, Gott hab ihn selig, das nicht mehr erleben muss.“

Hans von Bromberg ist schon vor vielen Jahren gestorben. Und so hat bei dieser reizenden alten Dame kein Mensch gemerkt, dass sie mittlerweile ein ausgeprägtes Schlafapnoe-Syndrom entwickelt hat. Kein Mensch, aber ihr Hund Fridolin.

 

 

Bildquelle: Hamner_Fotos, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 11.09.2018.

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Ein Hoch auf den Hund. :) Ich hab ähnliches auch schon von Katzen gehört (da diese häufiger im Bett schlafen dürfen als Hunde) Haustiere sind schon was feines.
#3 vor 36 Tagen von Nin B. (Arzt)
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Ja, lieber guter Friedolin, er bewahrt sein Frauchen jede Nacht vor weiteren ernsthaften Krankheiten. Mein Hund hatte mich auch schon vor einer lebensbedrohlichen Hypoclycämie geweckt. Möge er noch lange seiner liebenswerten Pflicht und Fürsorge nachkommen.
#2 vor 37 Tagen von Herr Rudolf Goeb (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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dreimal Hurra für Fridolin, der beste Freund des Menschen!
#1 vor 38 Tagen von miriam bertram (Tierärztin)
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