Praktikant unter Schock

03.09.2018

Sobald ein Notruf die Leitstelle erreicht, geht alles ganz schnell. Das Notarztfahrzeug setzt sich in Bewegung und sammelt an der Klinik den Notarzt ein. Die internistischen Notärzte werden vor dem Haupteingang abgeholt, die Anästhesisten hinten am OP und die Chirurgen laufen zur Straße.

Als ich heute ins Notarztfahrzeug einstieg, begrüßte mich Thomas mit der Frage, ob ich der Notarzt sei. Ich bejahte, daraufhin fuhren wir los.

Exkurs: Thomas war auch letzte Woche Donnerstag nach einer Alarmierung zu unserer Klinik gefahren – wie schon viele Male vorher. Unsere Klinik ist relativ groß. Und am Rettungsdienst beteiligen sich drei Kliniken (Innere, Chirurgie, Anästhesie). Je nach Tag und Uhrzeit ist der zusteigende Notarzt also entweder Chirurg, Internist oder Anästhesist. Insgesamt beteiligen sich etwa 40–50 Ärzte am Rettungsdienst. Außerdem nehmen auch PJler oder Famulanten ab und zu als als Praktikanten am Rettungsdienst teil, damit sie sich angucken können, wie die Notfallmedizin so ganz konkret aussieht.

Sitzverteilung im Fahrzeug

Im Notarztauto sitzt vorne links der Fahrer, meist ein Rettungsassistent bzw. Notfallsanitäter. Vorne rechts sitzt für gewöhnlich der Notarzt und wenn noch jemand mitfährt, so findet sich meist auf der Rückbank ein Plätzchen.

Auf dem Melder stand ein Verkehrsunfall, zwei PKWs, mehrere eingeklemmte Personen. Alarmiert war unser NEF sowie ein RTH und mehrere RTWs, außerdem ein Großaufgebot der Feuerwehr zur technischen Rettung der eingeklemmten Personen.

Thomas flitzte also von seiner Rettungswache zu unserer Klinik und hielt davor, um den Notarzt einsteigen zu lassen. Der kam dann auch, setzte sich vorne rechts hin und Thomas düste los. Die beiden flogen mit Sondersignal durch die Stadt, über rote Ampeln und über den Zubringer der Verbindungsstraße in Richtung Autobahn, wo sich der Unfallort befand.

Kenne deine Beifahrer

Als der Verkehr begann, sich zu stauen und Thomas sich mit dem NEF nach etwa zwölf Minuten Anfahrt in die Rettungsgasse einfädelte, um zum Unfallort vorzufahren, fragte sein Beifahrer: „Nehmen wir denn auch noch den Notarzt mit?“.

Kurze Stille im NEF.

Thomas wurde in dem Moment schlagartig klar, dass der junge Kollege neben ihm nicht der war, für den er ihn gehalten hatte. Man hätte so vieles fragen können: Wer bist du? Warum setzt du dich nach vorne? Vor allem – warum hast du nicht mal eher was gesagt?

Der Praktikant war offensichtlich mit den Gepflogenheiten des Rettungsdienstes nicht so recht vertraut, man hatte ihn wahrscheinlich einfach schlecht eingearbeitet. Außerdem problematisch: die Zeitnot, ungewohnte Abläufe und Personal, das sich kaum oder gar nicht kennt.

Ein Arzt an jeder Tür

Rückblickend muss ich sagen, das hätte mir so oder so ähnlich wahrscheinlich auch passieren können. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das Einsammeln des Notarztes zu handhaben. Manchmal steht das NEF an der Klinik und der Fahrer hat dort ein Zimmer. Das ist die einfachste und schnellste Variante, man steigt gemeinsam ins Fahrzeug und fährt los. Oft kommt das NEF aber auch aus der Stadt von der Feuerwehr oder von einer Hilfsorganisation und fährt erstmal zu der Klinik, um dort den Arzt aufzunehmen. Dann gibt es noch Selbstfahrer und andere Orchideen, aber vor allem gibt es kaum Standards.

Die Internisten werden vor dem Haupteingang abgeholt, die Anästhesisten hinten am OP und die Chirurgen laufen immer zur Straße. Der Praktikant war zum Zeitpunkt der Einsatzmeldung in der Inneren Abteilung (Haupteingang), der Notarzt wäre ein Anästhesist gewesen. Der stand wahrscheinlich auch hinten am OP, Thomas hatte aber ja vor der Tür seinen „Notarzt“ schon gefunden.

Glück im Unglück

Was nun?  Zurück fahren und den Arzt holen? Also wenden (?), zwölf Minuten zurück zur Klinik und mit dem Notarzt erneut anfahren?

Thomas entschied sich dafür durchzufahren. Er gab eine Rückmeldung an die Leitstelle und instruierte sie, mit einem weiteren Fahrzeug den Notarzt, der an der Klinik wartete, nachzuführen. Das war in jedem Fall die beste Lösung, zumal ja ein weiterer Notarzt mit dem Hubschrauber schon vor Ort angekommen war.

Glück im Unglück: An der Einsatzstelle waren statt der befürchteten Schwerverletzten nur ein paar leichtverletzte Unfallbeteiligte. Am Ende stand nur einer unter Schock – das war unser Praktikant.

Wenn mich also das nächste mal jemand fragt, ob ich der Notarzt bin, wenn ich ins Auto steige, sage ich einfach „Ja, ich bin dein Notarzt, wir können losfahren“.

 

Bildquelle: Mark Turnauckas, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 12.09.2018.

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Ein typischer Fall für die Qualitätssicherung: Abläufe exakt, bis in Kleinigkeiten im Voraus festlegen, (SOP, Standard operating procedure) und alle Beteiligten werden verpflichtet, die schriftlich festgelegten SOPs zu lesen und dies mit ihrer Unterschrift zu bestätigen.
#3 vor 3 Tagen von Herbert Mey (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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Der arme Praktikant schwitzt bestimmt heute noch Blut und Wasser, wenn er an diese Situation zurückdenkt! So einfach wird man also spontan zum Notarzt! :D
#2 vor 11 Tagen von André Kuschke (Student der Humanmedizin)
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Nin
Sehr schöner Eintrag... manchmal steckt der Teufel doch im Detail. Außerdem so nachvollziehbar. Hoffentlich hat sich die Frage "Du bist der Notarzt?" auch schnell eingeschliffen damit da gar nicht mehr irgendwelche Unfälle passieren.
#1 vor 11 Tagen (editiert) von Nin (Gast)
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