Von der Chirurgin zur Zuarbeiterin

30.08.2018

Seit ich wieder arbeite, legen mir meine Kollegen Steine in den Weg. Bis vor meiner Elternzeit durfte ich komplexe Eingriffe durchführen. Aber jetzt soll ich mich erstmal im Hintergrund halten. In den OP-Plan werde ich nicht eingetragen. Denken die Oberärzte, ich sei eingerostet?

Der Weg von der Kita nach Hause dauert länger als gedacht.

Alle paar Meter bleibe ich stehen. Das Kind findet nämlich einen unglaublich schönen grauen Stein. Zwei Meter weiter ist es ein weißer. Er ist rund, keine spitze Ecke, er fühlt sich ganz weich in der Hand an. Irgendwie schön. Genauso wie die anderen zehn, die schon im Kinderwagen liegen. Es scheint eine große Liebe zu sein, die Liebe zu den Steinen. Sie beschleunigen den Heimweg nicht besonders. Heute muss ich darüber schmunzeln. 

Mit Steinen kenne ich mich aus

Seit ich wieder arbeite, manövriere ich jeden Tag um riesige Steinberge. Meine Teilzeitarbeit scheint ein ganz großer Stein zu sein. Ist für meine Kollegen schließlich ganz schön anstrengend, sich zu merken, dass ich immer Donnerstags fehle. Nein, nicht jeden Montag, Dienstag oder Freitag, oder etwa ein anderer Tag. Es ist immer der Donnerstag. Aber da der Oberarzt schließlich nicht wusste, dass ich auch mittwochs da bin, ist für die Hüft-TEP schon der Kollege als Operateur festgelegt. 

Die Elternzeit selbst scheint auch ein kleinerer Steinhaufen zu sein. Während der ersten Wochen soll ich besser erst einmal ankommen. Auf Station … Die operativen Fähigkeiten? Bis vor meiner Elternzeit durfte ich komplexe Eingriffe durchführen. Aber ich werde nicht in den OP-Saal eingetragen. Denken die Oberärzte, ich bin eingerostet? Nach wenigen Wochen melde ich mich freiwillig für den Saal der einfacheren Eingriffe: Metallentfernungen, Weichteildefekte, Weichteildeckungen, Handgelenksfrakturen. Ich erhalte die Antwort: „Sie halten sich jetzt erst einmal ruhig im Hintergrund. Bleiben ein Jahr weg und kommen dann mit ein paar Stunden wieder. Sie gedulden sich jetzt.“

Oberärzte haben mich nicht auf dem Schirm

Die 80 % zeigen auch bei den Kollegen ihre Wirkung. Die fehlenden 20 % müssen durch sie abgedeckt werden. Dass die Rechnung so nicht stimmt, eine Bedarfsplanung auch mit Teilzeitkräften gerechnet werden kann, kommt vielen nicht in den Sinn. So kann es also durchaus vorkommen, dass bei den Dienstplangestaltern, mein freier Donnerstag in Vergessenheit gerät.

Nach kurzer Zeit fühle ich mich vor Mauern wieder. Bis ich beschließe, etwas größer zu werden. Die Kollegen und Oberärzte haben mich einfach nicht auf dem Plan. Ich war ein Jahr weg. Sie haben ein Jahr lang mit anderen Ärzten operiert und sich an sie gewöhnt. Ich werde kämpfen müssen. Aber ich weiß, was ich kann. Sich darauf zu besinnen, sich nicht klein machen zu lassen, sich nicht verunsichern zu lassen, das sind die eigentlichen Steine. Also baue ich eben schöne Steinberge.

Was ich tun musste

Ich melde mich bei jedem Eingriff, der noch keinen Operateur hat. Ich arbeite schneller als meine Kollegen, um vieles effizienter. Meine Briefe sind diktiert, bevor der Kollege auf der Nachbarstation überhaupt nur an die Entlassbriefe denkt. Die Verbände der Patienten sind gemacht, die Labore angefordert und die Rehaanträge ausgefüllt, wenn es zur Nachmittagsbesprechung geht. Als Mutter arbeite ich so konzentriert wie noch nie in meinem Arbeitsleben. Ich arbeite bewusst, schnell und ja, ich arbeite oft mehr, als viele meiner Kollegen. In gleicher Zeit. 

In meiner Arbeitswelt sind wir von einer wahrlichen Gleichstellung noch weit entfernt.

Es bleibt der ein oder andere Tag, an dem ich freiwillig noch ab 15 Uhr in einen operativen Eingriff gehe, um wieder routiniert zu werden und meinen guten Willen demonstiere. Darüber ärgere ich mich selbst sehr. Es sollte selbstverständlich sein, dass auch ich mit Teilzeitarbeit und nach Elternzeit, die gleichen Bedingungen wie meine Kollegen habe.

Ich bin wieder da

Nach mehreren Wochen ist es geschafft. Die Oberärzte haben mich wieder auf dem Schirm. Ich werde automatisch eingetragen und darf immer mehr komplexe Eingriffe durchführen. Es hat einige Gespräche mit dem leitenden Oberarzt, dem Assistentensprecher und auch dem Chefarzt gegeben. Sie darauf hinzuweisen, dass ich wieder da bin. Sie davon zu überzeugen, dass ich meinen Job gut mache und zurecht auf dem Weg zur Fachärztin bin. Dass ich die gleiche Förderung erhalten sollte, wie meine Kollegen.

Den weißen Stein meines Kindes werde ich ab sofort in meiner Kitteltasche aufbewahren.

 

 

Bildquelle: Counselling, pixabay

Artikel letztmalig aktualisiert am 06.09.2018.

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Super Beitrag! Bitte nicht von einigen Kommentatoren hier entmutigen lassen die offenbar das Konzept "Blog" nicht verstanden haben! Sie sind zu bewundern dass sie den Mut und die Kraft hatten sich da durch zu beissen, ich hab da einige Kollegen frustriert das Handtuch werfen sehen. Danke dass Sie uns weiterhin an Ihrer Reise teilhaben lassen! Das macht wirklich Mut für die nächste Generation.
#4 am 13.09.2018 von Nin B. (Arzt)
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Sie sollen in erster Linie aufhären die Verrohung der Gesellschaft zu beklagen und diese mit ihrem Verhalten auszulösen
#3 am 10.09.2018 von Ted Kaxinkzski (Sonstige)
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Das sehe ich nicht so. Zunächst mal ist ein Blog erstmal nur das, und es geht um Erfahrungen. Und dann ist es auch weiterhin so, dass Frauen, die eine Karriere anstreben und das auch verdient haben, durch ein Kind (kein Wunder, dass es nur bei einem bleibt), zurückgeworfen werden. Dabei sind Mütter die am besten organisierten Mitarbeiter, die man sich wünschen kann. Natürlich spreche ich aus Erfahrung. Die Medizin wird immer weiblicher. Sollen alle auf Kinder verzichten?
#2 am 09.09.2018 von Sylvia Robinson (Ärztin)
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Gast
Seit ich ihre Beiträge lese, untermauert sich immer mehr mein Verdacht, dass sie eigentlich den falschen Beruf gewählt haben. Sorry, das musste mal raus.
#1 am 08.09.2018 von Gast (Medizinische Dokumentarin)
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