Ohne Kot nix los?

05.10.2013
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Führen manche gastroenterologischen Forschungen zurück zur analen Phase? Manchmal gewinnt man der Eindruck exkrementieller Experimente - auch wenn es sich hier nur um keimfrei aufgezogene Labormäuse handelte, deren steriler Darm mit Faezes von unterschiedlich entwickelten eineiigen Zwillingen beimpft wurde.

US-Forscher wollen eine ungewöhnliche Methode zum Abnehmen erforscht haben. Sie berichteten von Stuhltransplantationen, bei denen Faezes von unterschiedlich entwickelten Zwiilingsbabys auf Labormäuse übertragen wurden. Jeffrey Gordon et al. von der Washington University in St. Louis schlussfolgern, die Zusammensetzung der Darmflora könne entscheiden, ob Mäuse normal- oder übergewichtig werden. Dafür übertrugen die Wissenschaftler auf Mäuse Stuhlproben von menschlichen eineiigen Zwillingspaaren, von denen ein Zwilling schlank und der andere adipös waren. Die Versuchstiere hatten sich in vollkommen keimfreier Umgebung entwickelt. Erst mit der Fäkaltransplantation konnte eine Darmflora entstehen. Mäuse, die den Stuhl eines schlanken Zwillings erhielten, blieben weiterhin schlank. Versuchstiere, deren Darm mit dem Kot des übergewichtigen Zwillings beimpft worden war, nahmen zu - bei gleichbleibenden Nahrungsmittelangebot und entwickelten Übergewicht. Die Darmbakterien der schlanken Mäuse verdauten vermehrt Kohlenhydrate, während sie bei den adipösen Tieren zusätzliche Aminosäuren produzierten.

Die hier kritisch aufgespießte Studie ["Gut Microbiota from Twins Discordant for Obesity Modulate Metabolism in Mice"; Science 2013: Vol. 341 no. 6150] bezieht sich auf ganze vier Zwillingspaare mit diskordanter Adipositas oder mit Stuhlkultur-Gewinnung von einem adipösen (Ob) oder schlanken (Ln) Zwillingspartner ["four twin pairs discordant for obesity or with culture collections from an obese (Ob) or lean (Ln) co-twin"]. 

Diskordante Zwillinge mit "diskordanter Adipositas" zeigen eine deutliche Größendifferenz (über 10 Gewichtsprozente) bei der Geburt. Diese wird üblicherweise verursacht durch eine (monoplazentare) Überperfusion des einen und Minderperfusion des anderen Zwillings. Häufiger bei eineiigen Zwillingen, aber auch bei zweieiigen Zwillingen möglich  ["discordant twins - twins showing a marked difference in size (greater than 10% in weight) at birth. The condition is usually caused by overperfusion of one twin and underperfusion of the other. It is fairly common in identical twins but may also occur in dizygotic twins."; The Free Dictionary, Suchworte discordant twins)]

E n t s c h e i d e n d ist jedoch der Umstand dass diskordante Größen- und Gewichtsunterschiede insbesondere bei eineiigen Zwillingen innerhalb von Wochen und Monaten nach der Geburt wieder a u s g e g l i c h e n werden. Die möglichen Unterschiede in Stuhlqualität und -Zusammensetzung werden schnell nivelliert, weil sie lediglich Ausdruck verzögerter Reifungs- und Differenzierungsprozesse beim kleineren Zwilling sind. Dadurch ergeben sich meiner Meinung nach k e i n e Perspektiven für eine Lösung des weltweiten Adipositas-Problems. 

Bildquelle: KathrinPie/pixabay/CC0

Artikel letztmalig aktualisiert am 08.06.2015.

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Medizin, Forschung
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Gast
Tatsächlich sind manche Details dieser Studie fragwürdig, und vielleicht sollte ursprünglich auch etwas anderes untersucht werden und dieses Ergebnis ist ein Nebenprodukt. Es hört sich zunächst mal plausibel an dass sich die Darmflora bei Adipösen und Schlanken unterscheidet, und sich wahrscheinlich auch bei einer Ernährungsumstellung bzw. Darmaufbaukuren verändert.
#5 am 09.10.2013 von Gast (Ärztin)
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Entspannen, Herr Kollege Wolkerstorfer, das ist nur mein Blog o h n e Anspruch auf Wissenschaftsexpertise. Ich bin auch eher mit "Superlativ" Hausarzt als "meinungsloser" Journalist. Korrekt?!
#4 am 09.10.2013 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Der Artikel wirkt sehr, sehr amateurhaft. Und die Untersuchung auch. 4 Zwillingspaare sind einfach zu wenig. Ab 20 kann man darüber reden oder schreiben. G e s p e r r t schreiben sollte man in einem wissenschftliche Artikel sowieso nicht. Auch auf Superlative, eigene Meinung oder Ausrufezeichen verzichtet der korrekte Jouralist.
#3 am 09.10.2013 von Dr. Martin Wolkerstorfer (Psychologe)
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über die Wirkung dieser tief greifenden Erkenntnis auf die Fachwelt, dass die Darmflora entscheidenden Einfluss auf den Stoffwechsel hat - nicht wirklich ein Novum - lässt sich trefflich spekulieren, wenn man von einem der führenden Stuhllabors erfährt, dass lediglich 1,5% aller eingehenden Proben von Gastroenterologen stammen. Da scheint der Weg von der makroskopisch-endoskopischen zur mikroskopischen Sicht noch weit und wohl auch ein wenig von den pekuniären Vorteilen der Invasivdiagnostik getrübt...
#2 am 08.10.2013 von Wolf R. Dammrich (Heilpraktiker)
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Das erwartete Ergebnis erfordert gar keine Zwillingsstudie. Das gleiche Ergebnis konnte für Stuhltransplantationen gewöhnlicher Probanten erzeugt werden. Tatsächlich gibt es, abhängig vom individuelle Immunsysten spezifische Darmfloramischungen mit unterschiedlichen Eigenschaften. Darmflora und Immunsystem beeinflussen sich gegenseitig. Sicher stellt diese Erkenntniss keinen Ansatz zur Beseitigung der Adipositas sondern eher einen Ansatz zur Therapie mangelversorgter Individuen mit gestörter Darmflora, z.B nach schweren Infekten, langer Antibiotikatherapie usw. dar.
#1 am 08.10.2013 von Silke Schuster (Ärztin)
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