Diesen Befund akzeptiere ich nicht

22.08.2018

Ich untersuche einen Patienten mit Schulterschmerzen. Er kann sich kaum bewegen, geht unsicher und ist durcheinander. Eine Schulter-OP muss her, findet seine Frau. Im CT zeigt sich aber, dass es damit nicht getan ist, er muss in die Neurologie. Seine Gattin ist damit nicht einverstanden.

Die Nacht war kurz. Das Kind zu Hause bekommt Zähne. Als ich in die Klinik stolpere, habe ich zwei verschieden farbige Socken an. In meiner Kitteltasche fehlt das Stethoskop, dafür habe ich einen großen Kaffeefleck auf den Srubs darunter. Ich setze mich fünf Minuten auf einen Stuhl und schaffe gedankliche Klarheit.

Heute werde ich mal wieder für die Notaufnahme zuständig sein. Bereits vier Patienten warten auf meine Behandlung. Schnittverletzungen auf der Arbeit, eine Dame mit Rückenschmerzen und ein älterer Herr mit Schulterschmerzen. 

Schulterschmerzen und Schwierigkeiten beim Gehen

Der ältere Herr ist in Begleitung seiner Ehefrau, die mir seine Symptomatik schildert. Unterträgliche Schulterschmerzen seien das. Der Orthopäde und Hausarzt seien mit ihrem Latein am Ende. Zuhause säße ihr Mann nur noch auf dem Sofa herum. Mithelfen im Haushalt und im Garten könne er so nicht mehr. Außerdem wäre er immer so durcheinander und stolpere die ganze Zeit. Ganz schleichend sei das alles gekommen. Selbst mit Rollator habe er nun Probleme beim Gehen. Man müsse doch die Schulter operieren können, um die Beschwerden zu beseitigen.

Der Patient selbst sitzt mit teilnahmsloser Miene vor mir. Als ich ihn befrage, antwortet er nur mit einem Schulterzucken. Es sei alles in bester Ordnung. 

In der klinischen Untersuchung zeigt er eine deutliche Schwäche des linken Armes. Er ist gangunsicher und tippelt in kleinen Schritten vor sich hin. Ich veranlasse ein CCT.

Ernster Befund, hysterische Ehefrau

Der Patient hat eine ältere cerebrale Ischämie und ein chronisches Subduralhämatom. Das Röntgenbild der Schulter zeigt einen altersentsprechenden Befund. Ab in die Neurologie mit ihm. 

Als ich der Ehefrau und dem Patienten die Befunde mitteile, reagiert der Patient gelassen, die Ehefrau hysterisch. Ich hätte mich doch um die Schulter kümmern sollen, erzürnt sie sich. So durcheinander sei ihr Ehemann schließlich nicht, dass man seinen Kopf untersuchen müsse. Und in die Neurologie gehe er nicht, da nehme sie ihn lieber wieder mit nach Hause. Dann fragt sie noch, ob ich ihr nicht zugehört hätte oder ob das alles im Stress der Notaufnahme durcheinander geraten wäre. Sie findet es unfassbar, dass sie mit einem gesunden Mann mit Schulterschmerzen gekommen ist und nun mit einem kranken Mann nach Hause gehen soll. 

Ich schätze, sie braucht wohl auch erstmal ihre fünf Minuten, um gedankliche Klarheit zu schaffen.

 

Bildquelle: Ole Husby, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 23.08.2018.

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Medizin, Chirurgie, Neurologie
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PR des Interessenverbandes: "Ärzte beklagen die Verrohung der Gesellschaft" .nuff said and qed :D
#11 vor 44 Tagen von theodor kazienki (Wissenschaftlicher Mitarbeiter (für klinische Studien))
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at2: natürlich steht es jedem Beitragszahler zu die Arbeit der von ihm finanzierten Leistungserbringer zu beurteilen. So schwer ist das nämlich nicht. Zu akademischen Graden, übrigens keine Titel, in der Medizin hat der Wissenschaftsrat 2014 alles gesagt.
#10 vor 44 Tagen von theodor kazienki (Wissenschaftlicher Mitarbeiter (für klinische Studien))
  17
Tja.Die oft eingefordte Anerkennung der Leistungserbringer ist eben ein scheues Reh. Sich über Patienten lustig zu machen,trägt nicht wirklich zur Glaubwürdigkeit der die Verrohung beklagende Ärzteschaft bei. Könnte man auch selbst drauf kommen.
#9 vor 45 Tagen von theodor kazienki (Wissenschaftlicher Mitarbeiter (für klinische Studien))
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Wenn dann im Krankenhaus etwas schlimme(re)s rauskommt, und es immer heißt aber er/sie war doch bisher ganz gesund! Nein, war er/sie nicht, und gerade bei schleichenden Verläufen ging das auch schon länger so, ist nur nicht so richtig augefallen, sollte nicht auffallen. Und es gibt ja auch irgendwie doch immer einen Grund dass man dann irgendwann im Krankenhaus gelandet ist.... Aber generell arbeite ich auch daran, mehr zu schauen was für die Patienten eigentlich gerade das Problem ist, unabhängig von Ärztesicht. Aber was dann eben medizinisch ehrlich notwendig ist, ist dann auch mal so.
#8 am 27.08.2018 (editiert) von Sonja Kupfer (Studentin der Humanmedizin)
  0
@ Autorin: Natürlich. Die Ehefrau denkt, im Gegensatz zum Arzt, dem ja schon zu denken geben sollte, dass der Patient teilnahmslos wirkt und eine Gangstörung hat, eben eindimensional. Sie muss erstmal Trauerarbeit leisten und die Konsequenzen des Befundes verarbeiten. Darüberhinaus sagt die Schilderung des Herganges ja auch etwas über die Machtverhältnisse innerhalb dieser Ehe aus. Danke der, wie wir alle manchmal, etwas derangierten Ärztin für ihren Beitrag und ihre Leistung.
#7 am 25.08.2018 von Herbert Mey (Gesundheits- und Krankenpfleger)
  2
#1 Wie jetzt, Ärzte sind etwa auch nur Menschen und keine Roboter? Wie kann man es sich als Mediziner bloß erlauben, auf dem eigenen Blog, in einem Beitrag kurz etwas über sich oder das eigene Leben zu erwähnen! Ein Ding der Unmöglichkeit... Ungefähr so stelle ich mir Ihren Gedankengang vor, der Sie zu diesem Kommentar verleitet hat. Anstatt sich darüber auszulassen, lege ich nahe das nochmal zu durchdenken und sich zu fragen was genau daran denn so verwerflich sein soll und ob die Autorin das sinngemäß beabsichtigt hat um etwas auszudrücken. Im Gesamtkontext wird dadurch noch eine andere Botschaft übermittelt, die bei Ihnen offensichtlich nicht angekommen ist. Woher Sie stattdessen die Informationen für ihre Interpretation nehmen und die Intention dazu, bleibt für mich schleierhaft. Es sei denn Sie sind auch ein Mensch, dessen eigene Unzufriedenheit sich nun hier in absichtlichem Falschverstehen niederschlägt. Wenn man sonst kein Ventil hat...
#6 am 25.08.2018 von J. Kögler (Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA))
  3
Bisher hatte ich immer allergrößten Respekt vor Ärzten, allerdings gleicht dieses Forum durch Kommentar wie von Dr. Gaarden immer mehr der Kommentarfunktion vom Postillon oder anderer Satire- und Flame-Magazine. "Flame as flame can"? Oder "Wer den abwertendsten beleidigendsten Kommentar postet ist der beste Arzt"? Manchmal erscheint der flapsige Rettungsdienstspruch "Zustand nach Hausarzt" mehr an der Wahrheit als den betreffenden Honorationen lieb ist...
#5 am 24.08.2018 von Oliver Ritzmann (Rettungssanitäter)
  12
Ja, vielleicht hätte der Vorschlag geholfen, sich für eine Einschläferung zu entscheiden...
#4 am 23.08.2018 von Dr. Peter Kornecki-Schatz (Arzt)
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Gast
Kommentar von Herrn Garden: so kommentieren kann nur jemand, der in seiner Notaufnahme Meerschweinchen und Goldfische rettet. Oder vielleicht auch noch "Zocken", denen akutmedizinisch ein korrektes "S" verpasst wird...
#3 am 23.08.2018 von Gast (Arzt)
  20
Gast
Herr Garden, Ihr Kommentar bestätigt das, was ich Ihrem akademischen Titel entnehme. Sie sind kein Humanmediziner, haben somit keinerlei Erfahrung mit der Arbeit in einer Akutklinik für menschliche Patienten. Demnach steht es Ihnen auch nicht zu Gesicht, hier ein fachfremdes und noch dazu derart herablassendes Urteil abzugeben. Wie sagte Dieter Nuhr so schön: „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal....“
#2 am 23.08.2018 von Gast (Arzt)
  19
Mit zwei verschieden farbigen Zocken , schreiendes Kind zu Hause beim Zahnwechsel und dazu noch das Stethoskop vergessen . Welche nennenswerte Samlung von Tragödien , und dann dazu noch GANZE 4 Notfälle ! Welche Katastrophe ! Und dazu noch eine hysterische Frau eines Patientens . Ich denke Sie sind vom Fach ,- Abitur mit Glanz ,- Medizinstudium in „ no time“ , Facharztausbildung über kurz oder lang ,- und dann besitzen Sie noch nicht Mal so viel Götz und ärztliche Moral dass Sie , um diesen armen Ehemann zu helfen , in der Lage sind die Frau in Ruhe alles nochmals zu erklären . Wenn ich in meinem Beruf als Kleintierpraktiker über 45 Jahre , mit meinen Kunden umgegangen wäre würde ich heute unter der Brücke schlafen müssenu . Ich bin empört !
#1 am 23.08.2018 von Dr. med.vet. Öistein Gaarden (Tierarzt)
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