Die Patientin hat noch einen Tag

16.08.2018

Die heutige Visite wird ganz sicher ein Horrortrip. Der Chefarzt ist dabei und der Sozialdienst war länger krank. Viele Patienten bewegen sich gefährlich nah an der oberen Grenzverweildauer, einige haben sie längst überschritten. Bis Zimmer 6 hält der Chef es aus, dann brüllt er mich an.

Der Chefarzt begleitet heute Mittag die Visite. Vor jedem Zimmer bekommt er ein kurzes Briefing von mir, damit er weiß, welcher Patient sich im jeweiligen Zimmer befindet. Wir werden von einer größeren Gruppe begleitet. Sozialdienst, Physiotherapie, weitere Assistenzärzte, PJler, Bettenmanagement. 

Sollten sich Fragen ergeben, weiß jeder sofort die richtige Antwort. Ich bin für die Fragen zum medizinischen Hintergrund zuständig, der Sozialdienst für Fragen zu Hilfsmittel oder Kurzzeitpflege, die Physiotherapie kümmert sich um die Beweglichkeit und das Bettenmangement und um die Verweildauer. 

Der Chef braucht heute starke Nerven

Die Visite wird ein Horrortrip der Extraklasse werden. Der Sozialdienst war krank und es gab keine Vertretung. Alle Patienten, die nicht über Angehörige versorgt werden und eine veränderte Pflege brauchen, wurden nicht zeitgerecht versorgt. Ich stelle mich schon mal auf Wutausbrüche ein.

Spätestens in Zimmer 5 wird unser Chef auf dem Flur ausflippen. Denn in Zimmer 1 hat die Patientin ihren Termin für die Reha zwei Tage zu spät vereinbart. In Zimmer 3 bekommen wir erst in 4 Tagen einen Platz in der Kurzzeitpflege und in Zimmer 5 sprengen wir jegliche obere Grenzverweildauer. Vergessen habe ich die Patientin in Zimmer 2, die mit ihrer Entlassung gegen ärztlichen Rat auch noch die untere Grenzverweildauer unterschreitet. 

Und dann kommt der Wutausbruch

Er schafft es bis Zimmer 6. Dann platzt die Bombe. Ein Schauspiel des modernen Bluthochdrucks. 

„Frau Dr. Müller. Die Patientin eben hat noch einen Tag! Einen Tag, um die Grenzverweildauer nicht zu überschreiten! Warum denkt sie dann, dass sie noch bis Ende der Woche bleibt? Sie geht! Und zwar morgen! Es interessiert mich nicht, dass der Platz im betreuten Wohnen nicht frei ist. Sie geht. Raus. Weg. Sonst gebe ich Ihnen einen Tag – einen Tag, an dem Sie entscheiden müssen, welcher ihrer Kollegen gehen muss, wenn Sie es nicht selbst sein wollen. Was denken Sie denn, wie ich diese Abteilung führen soll? So nicht!“

Danach schafft er es noch bis Zimmer 15. Dann bricht er die Visite ab. Die Zahlen verursachen ihm deutlich sichtbare Schmerzen.

Am Folgetag steht die Dame vom Bettenmanagement mit einem Gruß vom Chef vor mir. Sie übergibt mir die ohnehin schon erwartete tägliche Liste der Verweildauern. Untere, mittlere und obere Grenze. Die Verweildauer der Patienten wird ihnen nämlich noch nicht am Aufnahmetag auf die Stirn tätowiert. Neu ist allerdings ein neonpink markiertes Datum bei einigen Patienten. Da steht ab sofort: „NOCH 1 Tag!“

 

Bildquelle: geralt, pixabay

Artikel letztmalig aktualisiert am 16.08.2018.

75 Wertungen (4.73 ø)
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Medizin, Chirurgie
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Krankheiten halten sich halt nicht immer an Grenzverweildauern. Der Chef sollte mal ernsthaft darüber nachdenen ob er wirklich noch als Arzt geeignet ist...und vielleicht für eine zweite Kollegin vom Sozialdienat sorgen. Er kann ja gerne die demente Oma zu sich nach Hause mitnehmen, um in der Zeit zu bleiben. Bei uns werden Patienten zwar nicht auch ewig aufbewahrt, aber - Ökonomie hin oder her - entlassen wenn es medizinisch vertretbar ist und die Patienten sozial versorgt sind.
#11 am 17.08.2018 von Dr. med. Jan Schiefer (Arzt)
  4
@ #7 ("Er hat mal einen Eid geschworen, ...") ... wahrscheinlich nicht: Aber Irrtümer über den Eid des Hippokrates sind weit verbreitet. Auch ich habe ihn bewusst nicht abgelegt, da er in Form und Inhalt von modernen ethischen Standpunkten halt doch zu sehr abweicht. Den darin erstmals dokumentierten Gedanken, eine ärztliche Ethik zu vereinheitlichen und bindend für jeden Arzt zu machen respektiere ich jedoch sehr und fühle mich persönlich zu entsprechendem ärztlichen Handeln (nach heute an ärztliche Ethik anzulegenden Maßstäben) hoch verpflichtet. Wer aber als Arzt heutzutage diese Verpflichtung nicht spürt und nicht danach handelt, der bekommt voraussichtlich über kurz oder lang forensische Probleme ...
#10 am 17.08.2018 von Werner Schmidt (Arzt)
  3
Muss eine Klinik/das Gesundheitswesen gewinnorientiert arbeiten, wie ein Wirschaftsunternehmen? Was wäre, wenn man bei Polizei, Feuerwehr und Schulwesen den gleichen Gewinn/Verlust Maßstab anlegte - also nur Einsätze, welche Gewinne abwerfen, oder nur Schüler mit Potenzial fördern?
#9 am 17.08.2018 von Herr Ulrich Bresch (Gesundheits- und Krankenpfleger)
  2
Gast
Ganz klar, dem Chef bleibt noch genau 1 Tag um sich einem professionellen Führungskräftetraining oder Coaching zu unterziehen bevor man ihm die Last der Mitarbeiterführung und Patienten nimmt.
#8 am 17.08.2018 von Gast (Studentin der Humanmedizin)
  4
Gast
Auch die Ärzte, hier Chefarzt müssen handeln. Er hat mal einen Eid geschworen, unterwirft sich aber jetzt dem Geldzwang.
#7 am 17.08.2018 von Gast (Nichtmedizinische Berufe)
  4
Und zu aller Letzt würde sich der Chefarzt wahrscheinlich auch persönlich strafbar machen nach §221 und ggf. §225 des StGB (Ausetzung und Vernachlässigung Schutzbefohlener) - da stehen Knast für mind. 6 Monate drauf. Eine anschließende Verurteilung wegen Berufsunwürdigkeit mit Approbationsentzug ist danach nicht unwahrscheinlich. Also liebe Assistenzärzte: lasst Euch von den Ober- und Chefärzten nicht zu sittenwidrigem Verhalten knechten; die Chefärzte bekommen Druck von den Kaufmännern, aber das ist keine Entschuldigung, sein Gewissen abzugeben...
#6 am 16.08.2018 von Dr. Walter Mildenberger (Arzt)
  7
Obendrein würde eine Entlassung ohne gesicherte Weiterversorgung dem geltenden Gesetz eines Entlassmanagements (§ 39 Abs. 1a Satz 9 SGB V i.V.m. § 118a Abs. 2 Satz 2 SGB V) widersprechen und somit der Sozialgesetzgebung widerlaufen, das Krankenhaus würde sich somit schadensersatzpflichtig machen - sicher nicht billiger als die Abschläge der OGV.
#5 am 16.08.2018 von Dr. Walter Mildenberger (Arzt)
  4
Ja, es ist abartig, und es ist abartig, dass ein Chefarzt sich diesem so willen- und widerstandslos unterwirft! Der Arztberuf ist ein freier Beruf, es ist berufsordnungswidrig, sich Anweisungen von Nicht-Ärzten (den kaufmännischen Leitern) zu unterwerfen -- es könnte ein berufsrechtliches Verfahren gegen den Chafarzt nach sich ziehen.
#4 am 16.08.2018 (editiert) von Dr. Walter Mildenberger (Arzt)
  7
@Florian Burkhart: Das ganze Theater ist in der Tat sehr tragisch, mit einem staatlichen Gesundheitssystem ist das aber auch nicht viel besser (siehe NHS in England). Da gibt es naemlich auch nicht genug Geld...
#3 am 16.08.2018 von Sören Krauss (Rettungssanitäter)
  5
Gast
Auch abartig, dass sich ein Arzt- zudem Chefarzt - dem unterwirft. Oder Herr Burkhart?
#2 am 16.08.2018 von Gast (Nichtmedizinische Berufe)
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Es ist abartig wie kommerzialisiert das Gesundheitswesen geworden ist, auf Kosten der Patienten. Zu verdanken haben wir es weltfremden Fallpauschalen und einer zunehmenden privatisierung im Gesundheitswesen. Die Politik muss handeln und das Gesundheitswesen wieder in die öffentliche Hand eingegliedert werden. Denn der Raubtierkapitalismus macht keinen Halt vor einzelnen Patientenschicksalen.
#1 am 16.08.2018 von Florian Burkhart (Student der Humanmedizin)
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