Mechthild, 86 J., widerspenstig

13.08.2018

Mechthild, mit h. Wie Mechthild von der Pfalz. Das war der Patientin wichtig, als wir uns kennengelernt haben und sie legte Wert darauf, dass ich ihren Namen korrekt notierte. Überhaupt wollte Mechthild, die ich eigentlich als „Frau Mergen“ angesprochen habe, das Zepter ungern aus der Hand geben.

Mechthild mit h. Wie Mechthild von der Pfalz. Das war der Patientin wichtig, als wir uns kennengelernt haben und sie legte Wert darauf, dass ich ihren Namen korrekt notierte. Überhaupt wollte Mechthild, die ich eigentlich mit Frau Mergen angesprochen habe, das Zepter ungern aus der Hand geben.

Denn das hatte sie bereits seit 86 Jahren in der Hand und würde es sich nicht von so einem jungen Hilfsarzt aus der Hand nehmen lassen. Wo käme man denn dahin.
Mechthild war 36 Jahre die Stationsleitung auf der B2 gewesen, internistisch. Mechthild hat drei Chefärzte kommen und gehen sehen. Klare Ansagen sind ihr Ding. Damals, heute, morgen.

„Ich weiß, was Bluthochdruck ist, der geht schon die ganze Zeit so rauf und runter. Nein, da muss man jetzt nichts machen. Ja, ist das denn jetzt ein Herzinfarkt? Ich habe doch aber so Schmerzen im Arm, die ins Herz ausstrahlen (sic!). Aha, das EKG ist also in Ordnung, sagen Sie? Sagen Sie! Ja gut, dann können Sie ja auch wieder fahren. Nein, ich bleibe hier. Natürlich weiß ich, was wir für einen Tag haben. Ja, wir sind hier im Altenstift St. Johannis. Meine Tochter wird Ihnen das erklären. Ich würde eine Kapsel Adalat nehmen. Wieso haben sie sowas nicht in ihrem Auto? Was haben Sie denn dann überhaupt dabei, wenn Sie schon mit zwei Autos kommen? Ich nehmen kein Spray. Sie legen mir keine Infusion an! Unter-ste-hen-sie-sich! Nein, das möchte ich nicht. Das lehne ich ab.“

Frau Mergen wollte nicht, trotz Risiken

Frau Mergen hatte einen Blutdruck von 248/161mmHg und Angina Pectoris. Per Defintion ist das nicht mehr nur eine hypertensive Krise (RR > 230mmHg), sondern ein hypertensiver Notfall (RR > 230mmHg + Organschaden). Und eine glasklare Notarztindikation. Schön wäre es gewesen, wenn ich ihr zum Beispiel mit Urapidil etwas den Blutdruck hätte senken dürfen. Nifedipin haben wir ja nicht in unserem spartanisch ausgerüsteten Automobil. Ich hätte auch Clonidin genommen. Oder Lasix. Oder Nitrospray, nur ein bisschen.

Frau Mergen war zur Person, zum Ort, zur Zeit und zur Situation voll orientiert und auch wenn ihre verharmlosende Einschätzung nicht der medizinischen Realität entsprach, durfte sie eine Therapie ablehnen. Frau Mergen wusste um die Risiken einer Hirnblutung, eines Herzinfarkts, einer Aortendissektion, eines Lungenödems … Nein Horst isch möschte nischt!

Ins Krankenhaus und zurück

Wir haben Frau Mergen nach einigem hin und her überzeugen können, mit ins Krankenhaus zu fahren. Ich habe ihr in der Ambulanz eine Adalatkapsel aufgetrieben. Sie wollte es so.

Am Nachmittag habe ich vom Kollegen erfahren, dass Frau Mergen sich gegen ärztlichen Rat nach Hause entlassen hat. Sie wollte es so. Allzu hart bin ich mit ihr vor Ort nicht ins Gericht gegangen und werde es auch hier nicht tun. Denn ich weiß, ich werde mal genauso sein.

 

Bildquelle: Piotr, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 13.08.2018.

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Gästin
"Mechthild, mit h. Wie Mechthild von der Pfalz. " - eine der Namen mit der "hild" oder "hilde" = Kampf, ich wusste nicht, dass eine Form ohne H existiert. :D
#3 vor 34 Tagen von Gästin (Nichtmedizinische Berufe)
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ja, genauso bin ich auch. Ein alter Hase, immer mit Leib und Seele exam Krankenschwester gewesen.
#2 vor 35 Tagen von Barbara Schlomann-Schmitter (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Das ist eben die Selbstbestimmung einer 86 jährigen Patientin was man respektieren muß. Der Dame ist sicher ganz genau bewußt, was sie noch erreichen kann, in Würde sich in ihrer gewohnten Umgebung , wenn ihre Zeit gekommen ist, sich zu verabschieden....... so wie sie es möchte !!!
#1 vor 36 Tagen von Herr Rudolf Goeb (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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