Fatale Altlasten

07.08.2018

Über mehrere Wochen hinweg verliert ein 63-Jähriger immer mehr an Seh- und Hörvermögen. Während die Ärzte über die Ursache rätseln, geht es dem Patienten immer schlechter. Bald fällt ihm das Atmen schwer und sein Herz schwächelt. Was passiert mit dem Mann?

Seit einigen Wochen verschlechtert sich das Seh- und Hörvermögen eines 63-Jährigen. Außerdem spüre er seit etwa einem Jahr immer wieder ein schmerzhaftes Kribbeln im Fuß, so der Mann in der Klinik. Er ist bereits wegen einer Lumbalkanalstenose und Hypertonie in Behandlung.

Bei der körperlichen Untersuchung stellen die Ärzte schwere Seh- und Höreinschränkungen fest sowie fehlende Reflexe und teilweise Gefühlsstörungen in seinen Waden und Füßen. Auf MRT-Aufnahmen sind verdickte Sehnerven zu sehen, was auf eine Neuritis hindeutet. Im Gehirn sind keine Läsionen erkennbar.

Diagnose? Unklar

Die Laboruntersuchungen zeigen erhöhte Thyrotropin- und erniedrigte Thyroxin-Werte sowie erhöhter Eiweißgehalt im Liquor cerebrospinalis. Weil die Ärzte keine klare Diagnose stellen können, behandeln sie ihren Patienten mit hochdosierten Steroiden und führen einen Austausch des Blutplasmas, die therapeutische Plasmapherese durch.

Das bringt aber keinerlei Besserung. Vier Monate nach seiner ersten Untersuchung kommen neue Symptome hinzu: Er berichtet von Schmerzen und Engegefühl in der Brust. Außerdem bekomme er bei Anstrengung schlechter Luft. Das Echokardiogramm zeigt eine verringerte Auswurffraktion des Herzens, sie liegt nur noch bei 20 Prozent. Die Ärzte diagnostizieren eine nicht-ischämische Kardiomyopathie.

Während sich seine Symptome stetig verschlechtern suchen die Ärzte fieberhaft nach der Ursache. Als sie erneut die Akte des Patienten studieren, erregt eine sieben Jahre alte Operation plötzlich ihre Aufmerksamkeit. Damals wurde ihm ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt.

Ungewöhnliche Vergiftung

In der Literatur finden sich im Zusammenhang mit dem Einsatz künstlicher Gelenke Berichte über Seh- und Hörverlust, Neuropathien und Kardiomyopathien. Die Ursache: Eine Cobalt-Vergiftung. Die Legierungen von Metallprothesen, die unter anderem aus Cobalt bestehen, können sich durch Abrieb lösen und in das umliegende Gewebe wandern.

Zwei Jahre bevor sich der Mann wegen der aktuellen Symptome in der Klinik vorstellte, wurden zwei Nachoperationen wegen des Hüftgelenks nötig. Im Rahmen der Revision wurde schwarz gefärbtes Gewebe durch Metallabrieb festgestellt, sogenannte Metallose. Damals waren die Cobalt-Werte im Blut bereits erhöht (280 ng/ml bis 779 ng/ml, Normwert 1,5 ng/ml). Ein Austausch des Gelenks zu einem Keramikgelenk sollte das Problem lösen.

Die Hilfe kommt zu spät

Auf MRT-Aufnahmen ist ein Pseudotumor am Hüftgelenk erkennbar. Dieser entstand vermutlich aufgrund der Metallose. Die Ärzte entscheiden sich für eine Operation, das Gelenk sollte sofort ausgetauscht und umliegendes Gewebe entfernt werden.

Doch dazu kommt es nicht. Der Patient verstirbt aufgrund seiner Kardiomyopathie, bevor die Ärzte weitere Schritte unternehmen können.

Die Ärzte verweisen darauf, dass eine schwerwiegende Cobaltvergiftung zwar selten auftritt, in den letzten Jahren bei Patienten mit künstlichen Hüftgelenken aber häufiger vorkam. Sie raten zu erhöhter Wachsamkeit, denn eine Cobalt-Vergiftung wie in diesem Fall kann, wenn sie zu spät erkannt oder unbehandelt bleibt, tödlich enden.

 

Quelle:

Hearing and Vision Loss in an Older Man.
Ho et al., JAMA Neurology Clinical Challenge, doi: 10.1001/jamaneurol.2018.1868

 

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Artikel von Anke Hörster
 
 

 

 

 

Bildquelle: Pamela, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 08.08.2018.

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In den 70ger Jahren wurden in den USA Kobaltverbindungen zur Schaumstabilisierung bei Bier verwendet (was an und für sich bereits "krank" ist). Das tiefstgekühlte Bier in USA hat Schwierigkeiten überhaupt eine Schaumkrone zu bilden, mit der Folge von verbreitetem "Herzversagen" bei regelmäßigen Biertrinkern
#5 am 14.08.2018 von Dr. Hans Stange (Naturwissenschaftler)
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Einen ähnlichen Fall hat vor einigen Jahren eindrucksvoll Prof. Jürgen Schäfer von der Uni Marburg beschrieben, der durch ein Folge von "Dr. House" auf die Fährte mit der Metallvergiftung gekommen war. Der Patient konnte seinerzeit gerettet werden. Derartige Fälle unterstreichen die Bedeutung detektivischer Ursachenforschung.
#4 am 14.08.2018 von Dr. Stefan Bruhn (Naturwissenschaftler)
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Ein
#3 am 14.08.2018 von Dr. Stefan Bruhn (Naturwissenschaftler)
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Gast
War die Prothese auch von De Puy?
#2 am 11.08.2018 von Gast (Arzt)
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Hotelfachpfleger
Eine dazu passende Erfahrung: Ich habe 20 Jahre in verschieden Rehakliniken als Krankenpfleger gearbeitet, viele Jahre davon in orthopädischen. Ich erinnere eine Patientin, bei der eine Rötung im Operationsgebiet nach einer Hüft TP auch noch in der Reha weiterbestand, obwohl sie schon längst hätte abgeklungen sein müssen. Die OP-Wunde war gut verheilt, Narbenbildung hatte bereits eingesetzt, insgesamt reizlos. Aber die Ärzte und wir konnten tun was wir wollten, die Rötung blieb bestehen. Schlussendlich wurde die Dame zurückverlegt, erhielt ein anderes Fabrikat einer Hüft TP und nachdem sie wieder bei uns in der Reha war verlief der Genesungsprozess wie gewünscht. Als Ursache wurde eine Metallallergie diskutiert.
#1 am 08.08.2018 von Hotelfachpfleger (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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