Auch Ärzte dürfen sich beklagen

06.08.2018

Sobald irgendwo erwähnt wird, dass die Arbeit in der Klinik kräftezehrend sein kann, reagieren viele Menschen mit Gehässigkeit. Immerhin verdienen Ärzte doch so viel. Und außerdem haben wir uns diesen Beruf selbst ausgesucht. Ja, das ist so. Und trotzdem ist es manchmal hart.

Geht es um die Arbeitszeit oder die Entlohnung von Ärzten, dann begegnet einem in Artikeln und Diskussionen häufig eine Mischung aus Neid und Gehässigkeit, zumindest empfinde ich das so. Ja, ich habe mir das Studium selbst ausgesucht und mir geht es sehr gut.

Ich wohne in einer trockenen, warmen Wohnung, habe genug zu essen und fahre ein- oder zweimal im Jahr in den Urlaub. Vor kurzem habe ich mir spontan ein neues Rad gekauft, einfach weil es mir gefiel.

Ich bin sehr dankbar für das, was ich habe. Und trotzdem denke ich, dass es deshalb nicht verpönt sein sollte, wenn man sich für gute Arbeitsbedingungen und das Einhalten von Arbeitszeitgesetzen einsetzt. Oder sich schlicht und einfach ab und zu über den Stress auf der Arbeit beschwert. Und ja, auch die Pflege hat es oft hart und stressig, wie viele andere Berufsgruppen auch.

Der Arztberuf kann hart sein

Ich bin der Meinung, dass solche Debatten oft am fehlenden Grundverständnis für den ärztlichen Beruf scheitern. Mein Mann arbeitet in einem nicht medizinisch-klinischem Bereich, aber trotz seiner Tätigkeit in einem Spital habe ich oft das Gefühl, dass ich nicht einmal ihm wirklich erklären kann, was es bedeutet, täglich diesem emotionalen und handwerklich-technischen Stress in Verbindung mit stundenlanger Büroarbeit ausgesetzt zu sein. In Wochen mit maximaler Auslast sprechen wir teilweise von mehr als 80 Stunden pro Woche.

Der ärztliche Realtität in einem öffentlichen Spital liegt jenseits von Golfspielen mit güldenen Bällen, Privatjet oder lustigem Scrubsalltag. Tagtäglich wechselt man im Minutentakt zwischen sofort, gleich oder später sterbenden Menschen, schockierenden Blutungen, eingebildeten Krankheiten, traurigen Hinterbliebenen und einfachen Appendektomien hin und her. Das schlägt trotz Routine und starkem Charakter gelegentlich auf die eigene Laune und Psyche.

Wir haben viel zu verarbeiten

Man versucht die nahezu täglich vorkommenden Traumata – tote 14-Jährige auf dem Tisch aufgrund Leberruptur nach Skiunfall, 30-Jährige mit Hirnblutung nach Frontalkollision im Rahmen eines Suizidversuches, metastasiertes Rektumkarzinom bei einer jungen Mutter mit einem einjährigen Sohn, Ruptur eines vorher nicht bekannten Aortenaneurysmas eines 40-Jährigen und so weiter und so fort – zu verarbeiten ohne durchzudrehen.

Währendessen werden die „hochnäsigen, schnöseligen Ärzte“ in den Kommentarspalten unter Artikeln gemobbt, in denen es um Stress im Arztberuf geht, ohne jegliche Empathie.

 

Bildquelle: Pete Birkinshaw, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 06.08.2018.

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Gast
Wer 80 Stunden die Woche arbeitet, muss sich dagegen wehren. Alles andere ist Raubbau an der eigenen Gesundheit und aber auch an der Fitness bei der Behandlung der Patienten. Es kann nicht angehen, dass in Krankenhäusern u.a. ärztlichen Einrichtungen eine 80 Stunden Woche geduldet wird.
#6 vor 12 Tagen von Gast (Sonstige)
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Da fast jeder Mensch irgendwann mal Schüler oder Patient war, glaubt auch jeder, über die Arbeitsbelastung von Lehrern und Ärzten urteilen zu können. Mein Mann ist Physiker....DEM passiert das NIE......
#5 vor 13 Tagen von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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Arzt zu sein ist vielleicht der schönste Beruf der Welt. Aber er kann an die Substanz gehen. Die Selbstmordrate bei Ärzten ist bis zu 3,4-mal höher als bei anderen Bürgern, bei Ärztinnen sogar 5,7-fach höher. In Deutschland wird noch viel zu wenig über Ärztegesundheit gesprochen. Das muss sich dringend ändern. Wir als Verband der niedergelassenen Ärzte setzen uns dafür ein, dass Ärztegesundheit intensiv erforscht wird. In diesem Zusammenhang möchten wir auf einen anderen Blogbeitrag hier bei DocCheck hinweisen: http://news.doccheck.com/de/blog/post/7702-der-arzt-der-suizid-und-das-tabu/
#4 vor 14 Tagen von NAV-Virchow-Bund (InSite)
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Vielen Dank. Sehe und beobachte ich genau so. "Wenn Du nicht 1000 Meilen in den Mokassins des anderen gegangen bist, hast Du kein Recht, über ihn zu urteilen." Gilt hier wie auch überall anders im Leben. Es geht ja gar nicht drum, einen Wettbewerb aufzumachen, wer ärmer dran ist. Ich denke jeder Mensch hat eine vernünftige Lebensqualität verdient. Aber, ganz ehrlich: wenn wirklich jeder exakt wüsste, was einen in dem Job später erwartet, hätten wir sicher deutlich weniger Ärzte (für Mensch und Tier...). Das heisst nicht, dass die, die es trotzdem machen, nur aus Angst vor Veränderung oder Bequemlichkeit in ihrem Beruf bleiben. Nein, ich liebe meinen Beruf sehr und er macht mir große Freude. Ich wüsste trotzdem nicht sicher, ob ich ihn mir nochmal so aktiv aussuchen würde, wenn ich ganz genau 'erfühlt' hätte, welche Opfer dafür wirklich notwendig sein werden. Und so geht es zahlreichen Kollegen, das weiß ich aus erster Hand.
#3 vor 14 Tagen von Dr. Anna Webel (Tierärztin)
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Gast
Da ist es wieder: Das allgegenwärtige Apotheker-Gejammer.
#2 vor 14 Tagen von Gast (Nichtmedizinische Berufe)
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Keiner sollte über den Job eines anderen urteilen. Das gilt aber auch für Ärzte, die auch sehr gerne über Apotheker oder Lehrer oder andere herziehen.
#1 vor 14 Tagen (editiert) von Nadja Malmberg (Apothekerin)
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