Causa obscura: Ein sportlicher Fehler

31.07.2018

Eine Patientin stellt sich mit Unwohlsein und Atembeschwerden in einer Klinik vor. Dort erleidet sie plötzlich einen Krampfanfall und ihr Zustand verschlechtert sich rapide. Und alles nur, weil sie im Fitnessstudio eine einfache Regel nicht befolgt hat. Was ist passiert?

Eine 34-Jährige stellt sich mit Kurzatmigkeit, Muskelkrämpfenund generellem Unwohlsein in der Notaufnahme vor. Bei der körperlichen Untersuchung fällt den Ärzten bis auf ein niedriges Körpergewicht nichts Ungewöhnliches auf. Die Frau klagt weder über Brustschmerzen, noch über einen unregelmäßigen Herzschlag oder Erbrechen.

Als die Ärzte ihr eine Kochsalzlösungmit zusätzlich 20 mmol KCl infundieren, erleidet die Patientin einen Krampfanfall. Er hört zwar nach etwa 30 Sekunden genauso plötzlich wieder auf, wie er begonnen hat. Doch ohne Folgen bleibt er offensichtlich nicht: Die Frau ist desorientiert und gibt unverständliche Laute von sich. Auf der Glasgow Coma Scale(GCS) ermitteln die Ärzte einen Wert von 11/15. Hatte die Patientin womöglich einen epileptischen Anfall?

Auf die Intensivstation verlegt

Sofort wird ihr ein Nasopharyngealtubus angelegt und ein CT-Scan des Kopfes angeordnet. Veränderungen im Gehirn, die einen Anfall hätten auslösen können, sind jedoch nicht zu erkennen. Währendessen fällt ihr GCS weiter auf 9. Die Ärzte verlegen ihre Patientin auf die Intensivstation und intubierensie.

Erst die Ergebnisse der Blutuntersuchung bringen Klarheit: Sie leidet an schwerer Hyponatriämie(Serumnatriumkonzentration120 mmol/l, Plasmaosmolalität241,4 mOsmol/kg). Die Ärzte infundieren ihre Patienten nun mit 3 Prozent hypertonischer Kochsalzlösung und ihr Zustand verbessert sich danach zusehends. Nach fünf Tagen hat sie sich vollständig erholt und wird aus der Klinik verlassen. Doch bleibt die Frage, wie es bei der Frau zu einer Hyponatriämie kommen konnte?

Extremsport im Fitnessstudio

Die Patientin berichtet, sie habe am Tag der Einlieferung zum ersten Mal an einem Bikram-Yoga-Kurs teilgenommen. Das Besondere an dieser Yoga-Methode ist die hohe Temperatur, die im Kursraum herrscht: Über 90 Minuten absolvieren die Teilnehmer bei 39 bis 40 Grad teils anspruchsvolle Yogaposen. Die Frau gibt an, während des Kurses extrem stark geschwitzt und anschließend etwa 3,5 Liter Wasser getrunken zu haben. Durch das übereifrige Trinken von reinem Wasser und nicht etwa isotonischen Getränken hat sich ihr Natriumgehalt im Blutserum stark verdünnt.

Laut behandelnder Ärzte ist eine belastungsbedingte Hyponatriämie bei Sportlern relativ häufig. Sie überschätzen den Wasserverlust während des Trainings und glauben diesem durch viel Trinken aktiv entgegenwirken zu müssen. Das führt zu Elektrolytstörungen. Dabei gebe es durchaus ein einfaches Mittel der Vorbeugung: Nicht über den Durst trinken!

 

Quelle:

Exercise associated hyponatraemia leading to tonic-clonic seizure.
Reynolds et al., BMJ Case Reports, doi: 10.1136/bcr.08.2012.4625; 2012
 

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Artikel von Anke Hörster
 
 

 

 


 

Bildquelle: Cohen Van der Velde, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 01.08.2018.

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Statt um eine Anorexie kann es sich aber auch um eine Orthorexie handeln. In vielen sog. "Ernährungsratgebern" wird suggeriert, dass der Verzehr kochsalzhaltiger Speisen und Getränke bei jedem Menschen zu sofortigen schwersten kardiovaskulären Erkrankungen führe.
#4 am 03.09.2018 von Andreas Schweigstill (Mitarbeiter Industrie)
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Sehr niedrieges Körpergewicht, erschöpfender Sport unter "extremen" Bedingungen und Unmengen (kalorienfreies) Wasser trinken. Unabhängig von der Hyponatriämie sollte man da auch an eine Essstörung (Anorexie) denken.
#3 am 04.08.2018 von Dr. rer.nat. Stefan Graf (Biologe)
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Glück gehabt... bei der herzhaften Therapie hätte der Schuss auch nach hinten losgehen können.... (Zentrale pontine Myelinolyse)
#2 am 02.08.2018 von Maja Grigoleit (Studentin der Humanmedizin)
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So einen Quatsch kenne ich auch von einem Nachbarn, der "Hot-Yoga-Kurse" veranstaltet. Die Teilnehmer sind wahrscheinlich auch dehydriert bzw. haben entsprechend Natrium verloren. Die Drinks, die sie wieder auf Vordermann bringen, müssen sie teuer kaufen. Clevere Geschäftsidee.
#1 am 02.08.2018 von Dr. med. Martin Lorenz (Arzt)
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