Hochintelligente Internistenleistung

30.07.2018

„Also“, sagte der frischgebackene Neurologe, dessen Oberarzt ihn am Abend in der Notaufnahme alleine zurückgelassen hatte, „ich habe jetzt diesen Patienten so neurologisch untersucht. Und ich finde aber keine neurologische Ursache für seine allgemeine Verlangsamung und Müdigkeit. Vielleicht hat er ja ein internistisches Problem?“

„Uh“, sagte ich und blätterte durch die 20-seitigen Unterlagen, die der Patient vom Pflegeheim mitbekommen hatte und die genaustens auflisteten, wann der Hausarzt in den letzten zehn Jahren welche Medikamente an- und wiederabgesetzt hatte, wie sich der Patient seinen Sterbetage vorstellte und in welchem Rhythmus der Blutdruck gemessen werden sollte.


„Öh, hier steht, dass der Patient einen 50-fach erhöhten Entzündungswerte und 39 °C Fieber hat. Vielleicht ist das ja das Problem?“

„Hmhm“, sagte der Neurologe, er habe da auch schon geschaut verschiedene Untersuchungen angeordnet. Der Patient habe aber im Röntgen keinen Infekt und im Urin keinen Infekt und im Magen-Darm-Bereich auch nicht.

An diesem Punkt stellte ich fest, dass ich vermutlich doch von meinem Stuhl aufstehen musste. Dies tat ich dann selbstverständlich voller Energie und trat zu Herr Gimbitz in die Kabine. Herr Gimbitz, ein etwas dementer älterer Herr, döste friedlich vor sich hin.

Kluge Internistenfragen beantworte er nicht und ließ sich allenfalls zu einem grummeligen „Meh.“ hinreißen. Ich konnte nachvollziehen, dass der Neurologe sich irgendwie schwer tat und schritt nun zur Super-Internistenuntersuchung. Lunge, Herz und Bauch präsentierten sich unauffällig. Ich entschloss mich noch zu einem Routineblick auf Herrn Gimbitz Beine, auch wenn ich da jetzt keine Wassereinlagerungen erwartete – denn das ist eigentlich der Hauptgrund, warum Internisten Beine so vehement betrachten und energisch versuchen, Dellen in die Unterschenkel zu drücken.

Herr Gimbitz Beine waren allerdings wie erwartet recht wassereinlagerungslos, also bis auf das rechte Bein, an dem ein großer, roter Fleck prangte, der auch weh zu tun schien. Erysipel oder Wundrose nennt man das. Deswegen auch der Infekt mit Fieber und erhöhten Entzündungswerten und deswegen war Herr Gimbitz auch so müde und verlangsamt.

Ich stelle mir jetzt vor, dass der Neurologe von dieser intelligenten Internistenleistung hochbeeindruckt war. Vermutlich aber nicht. Die restliche Nacht musste er nämlich helfen, banale, aber neurologische Probleme internistischer Patienten zu lösen.

 

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Bildquelle: Privatbild Zorgcooperations

Artikel letztmalig aktualisiert am 01.08.2018.

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Tja ... eigentlich hätte die Rötung beim Klopfen der PSR und ASR auch dem Neurologen auffallen können, aber Vorsicht: Fachärzte haben oft eine aufs Fach eingeengte Sicht. Ist mir auch schon passiert: ich wollte einem Patienten schon eine Pseudologia phantastica anhängen, weil er in zwei Gutachten sehr unterschiedliche Angaben zum Lebenslauf gemacht hatte - dabei war eines der Gutachten unter falschem Namen abgespeichert und übermittelt worden. Klärte sich zum Glück später auf.
#3 vor 11 Tagen von Sylvia Robinson (Ärztin)
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Lieber #1, das ist mir als passioniertem Dr-Zorg-Fan auch sofort aufgefallen. Paßt aber besser als der Pferdeschwanz - meine verehrte Frau Großmutter pflegte zu sagen: Krause Haare, krauser Sinn. Nun, wie ist die Prognose des armen Rochens? Zum Ichthyotherapeuten mit ihm oder gleich in die Pfanne...? Die unvermutete Aggression läßt auf eine multiple, akute Ichthyophthiriose schließen. Das ist sehr bedenklich und erfordert auf jeden Fall stationäre Aufnahme, und zwar in der Dermatologie...
#2 vor 12 Tagen von Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann (Nichtmedizinische Berufe)
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Unfallchirurg
Ohhh... was muss ich sehen: Die sehr geschätzte Kollegin hat eine neue Frisur :-o .. dabei hatte ich mich so an den schönen Pferdeschwanz gewöhnt!
#1 vor 12 Tagen von Unfallchirurg (Arzt)
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