Darum hören unsere Patienten nicht auf uns

30.07.2018

Unser Verhalten zu verändern fällt schwer – selbst wenn das Leben davon abhängt. Tragen Mediziner zum Gelingen von Veränderung bei oder verurteilen sie die Patienten womöglich ungewollt zum Scheitern?

Es ist kein seltener Anblick: Frisch beinamputierte Patienten sitzen vor der Klinik in ihrem Rollstuhl. Sie genießen die Sonne. Und ziehen an ihrer Zigarette.

Wir sehen fassungslos zu und fragen uns, warum Menschen sich nicht ändern, obwohl die Schäden ihres Verhaltens so offensichtlich sind? Sie scheinen beratungsresistent zu sein, obwohl ihr Leben davon abhängt.

Würden Sie Ihr Verhalten ändern oder lieber sterben? Natürlich würden man sofort alles ändern, das sagen die meisten. Alle Studien sprechen dagegen. Von 10 Patienten, die sich nach lebensbedrohlichen Diagnosen grundlegende Veränderungen vornehmen, gelingt es nur einer Person, eine neue gesunde Lebensweise länger als einen Monat durchzuhalten. 90 Prozent der Menschen scheitern. Selbst Patienten, die nach dem dritten Herzinfarkt eindringlich ermahnt werden, endlich zu handeln, schaffen es meistens nicht.

Auch auf der Führungsetage kommt es vor, dass Warnsignale und wohlgemeinte Ratschläge einfach ignoriert werden. Erste Anzeichen für Burnout? Nicht schlimm, weiter geht’s. Die Kollegen kündigen reihenweise? Kein Grund, mein Verhalten in Frage zu stellen.

Veränderungen dauerhaft erreichen

Es gibt Methoden, mit denen man Veränderungen anhaltend erzielen kann. In einer Studie wurden Patienten untersucht, die kurz vor einer Bypass-OP standen, weil ihr Herz nicht mehr mit Übergewicht, Diabetes und mangelnder Bewegung fertig wurde. 80 Prozent der Teilnehmer konnten dabei grundlegende Veränderungen ihrer Lebensweise erreichen und hatten diese drei Jahre später beibehalten. In der Studie wurde auf viele klassische Vorgehensweisen verzichtet, während andere Methoden zur Anwendung kamen (die drei „R“, siehe unten).

Was können wir tun, um aus den 90 Prozent, die am Veränderungsvorhaben scheitern, eine Erfolgsquote von 80 Prozent zu machen? Was könnten wir im Krankenhaus anders machen? Und was könnten wir im Hinblick auf unser Führungsverhalten und dem Erreichen eigener Ziele daraus lernen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Alan Deutschman in seinem Buch „Change or Die“.

Ein Großteil der Kosten im Gesundheitswesen, so Deutschman, entstehen durch die Behandlung der folgenden fünf Verhaltensweisen:

Die Medizin erspart und Veränderung

Zum Glück hat die Medizin viele Therapien entwickelt, um den daraus resultierenden Problemen zu begegnen. Wir haben Stents erfunden und wissen, wie man Bypässe legt. Wir können den Blutdruck senken, den Magen verkleinern, Insulin spritzen und Hüftgelenke ersetzen. Wozu sollten Patienten da noch ihr Verhalten ändern?

Nach jeder Durchführung dieser Maßnahmen besuchen wir pflichtgemäß den Patienten, um ein ernstes Gespräch mit ihm zu führen. Der Patient liegt zum ersten Mal seit Monaten wieder schmerzfrei im Bett und verehrt den Chirurgen wie einen Halbgott. Und dieser gibt sich alle Mühe, den Patienten für eine gesündere Lebensweise zu gewinnen. Aber nach dutzenden solcher Gespräche glauben die meisten Mediziner selbst nicht mehr an den Sinn ihrer Bemühungen.

In seinem Buch analysiert Deutschman die Gründe, warum Menschen ihre Verhaltensweisen nicht ändern. Wodurch wird Veränderung behindert, wodurch gefördert? Glaubt man den Ergebnissen, tragen wir Mitschuld am Scheitern unserer Patienten.

Dem Tod ins Auge geblickt

In der Notaufnahme begegnen wir Patienten, die nach einem schmerzhaften Herzinfarkt den Tod vor Augen haben. Sie haben Angst und sind bereit, allen Ratschlägen zu folgen. Ärzte, Psychologen und Pflegekräfte nutzen die Gunst der Stunde, um dem Patienten eindrücklich die Auswirkungen ihrer folgenschweren Lebensgewohnheiten aufzuzeigen. Die weiteren Konsequenzen werden dramatisch dargestellt und mit Studien untermauert, um die Motivation zu erhöhen, wirklich etwas zu verändern. Laut Deutschman bewirkt dieses Vorgehen aber das genaue Gegenteil: Es verhindert Veränderung.

Drei Dinge, die Veränderung behindern

Laut Deutschman sind es die drei „F“, die Änderung behindern: Facts, Fear und Force.

Drei Dinge, die Veränderung fördern

Diese bezeichnet Deutschman als die drei „R“: Relate, Repeat und Reframe:

Aufklärungsgespräche oder Patientengruppen folgen viel zu häufig den drei „F“. Statt Fakten zu predigen, Angst zu erzeugen und mit Drohungen zu arbeiten, können wir mehr bewirken, wenn wir anders vorgehen. Wir sollten Patienten ermutigen, sich Selbsthilfegruppen anzuschließen oder Bezugspersonen zu benennen, die bei der Umsetzung von Veränderung unterstützen. Auch „soziale Kontrakte“ können helfen, die Selbstverpflichtung zu erhöhen.

Bei jeder Gelegenheit sollten wir die Vorteile der Veränderung und deren Machbarkeit betonen. Wir müssen die Zuversicht ausstrahlen, dass die Veränderungen gelingen können. „Sie schaffen das!“ muss unsere Botschaft lauten. Natürlich nur, wenn wir auch selbst daran glauben, dass unser Patient es schaffen kann.

Wir sollten Patienten anleiten, überschaubare und konkrete Veränderungen in den Alltag zu integrieren und Routinen aufzubauen. Dabei konzentrieren wir uns auf kurzfristig erreichbare Ziele, die zum Dranbleiben motivieren. Eine kleine Änderung, die durchgehalten wird, ist sinnvoller als der ganz große Plan, der nach einer Woche wieder aufgegeben wird.

Und was können Führungskräfte daraus lernen?

Was für Patienten gut ist, kann für Führungskräfte nicht schlecht sein. Denn auch im im beruflichen Alltag nehmen wir uns Veränderungen vor, die wir dann nicht umsetzen. Wir brauchen nicht warten, bis die Probleme so groß werden, dass wir nur noch im Krisenmodus zum Reagieren gezwungen sind.

Ein Großteil der Kollegen, die ihre Stelle kündigen, tun es aus einem Grund: Sie kommen mit den Führungs- und Kommunikationsstil ihres Vorgesetzten nicht zurecht. Viele Chefs erkennen ihre eigenen Schwächen eigentlich und sie wissen, wie wichtig es ist, Kollegen nicht zu verlieren. Nach dem Besuch des Führungsseminars nehmen sie sich viel vor. Und schon in der nächsten Visite ist alles wieder vergessen. Könnten die Methoden, die 80 Prozent der Herzpatienten geholfen haben, auch bei Führungskräften dauerhafte Veränderungen bewirken?

Weitere Beiträge zu Kommunikation und Führungskompetenz auf strebenswert.de.

 

Bildquelle: Mike Baird, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 31.07.2018.

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Das Problem ist, dass viele der angesprochenen Prozesse (Rauchen, zuviel Essen) unbewusst ablaufen. Mit Argumenten auf der Bewusstseinsebene kommt man daher nicht weit - im Gegenteil: Angst und Zwang erzeugen zusätzlichen Stress, Stress ist aber zB bei Rauchern über die Jahre hinweg verknüpft mit der schädigenden Handlung, Stress erzeugt daher Rauchbedürfnis. Das hat zum einen mit den biochemischen Abläufen um die Acetylcholin-/Nikotinrezeptoren zu tun, zum Teil mit Konditionierung. Das ist auch einer der Gründe, weshalb man auf Lungenstationen nicht nur unter den Patienten sondern auch beim Personal einen nicht unerheblichen Anteil Raucher antrifft. Diesen Teufelskreis aus Stress-Rauchen/Griff zum Snack durchbricht man am besten im Unbewussten. Sicher ist es auch für die einschlägige Fachärzte eine Bereicherung sich mit den entsprechenden Verfahren und Techniken vertraut zu machen. Wichtig ist aber such da: Der Patient muss die Veränderung wollen.
#5 vor 10 Tagen von Ramona Horlitz (Heilpraktiker)
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Gast
Wenn ich wüsste, ich mache in absehbarer Zeit den Abgang, würde ich die Dinge, denen ich verfallen bin nicht aufgeben.
#4 vor 13 Tagen von Gast (Nichtmedizinische Berufe)
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Fortsetzung: Laster und selbstschädigende Verhaltensweisen sind sehr oft eine Anpassung an schlechte, wirklich schlechte Lebensumstände.
#3 vor 14 Tagen (editiert) von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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Der Mensch denkt ja wirtschaftlich. Wenn er sich trotz Lebensgefahr in die oder die Situation begibt, muss als Belohnung etwas winken, was in dem Moment wichtiger ist als eine Gefahr. Mich erstaunt immer , dass so selten die Frage nach dem WARUM gestellt wird. "Sie trinken zu viel" - Kann das sein, dass der Betroffene versucht, sich mit Alkohol selbst zu medizieren, weil er eigentlich eine Depression hat? " Sie rauchen zu viel!" - kann es sein, dass der Stress und die Anspannung gar nicht anders ertragen werden als mit dem Griff zur Zigarette? "Sie essen zu viel" - braucht der Mensch gerade einen Fett- Schutzpanzer? Ist er einsam und Essen sein einziger Freund? Ist sein Leben so traurig , dass Essen ihn tröstet? "Sie bewegen Sich zu wenig?" Ist der Betroffene so ausgelaugt, so traurig , so müde, dass er nur noch die Kraft hat, zwischen Arbeit und Sofa zu pendeln? Hat er Schmerzen? Sind seine sozialen Umstände so bedrückend , dass er wie betäubt ist?
#2 vor 14 Tagen von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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Repetieren mag ja auch Sinn geben, aber: Am leichtesten sind Veränderungen, wenn man selbst aus eigenem inneren Antrieb von ihnen überzeugt ist. Das setzt voraus, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen und eigene Entscheidungen zu treffen. Also: selber Schuld wenn nicht!? Blöd nur, dass der Patient, der Verantwortung für sich übernimmt und eigene Entscheidungen trifft halt äußerst unbeliebt ist. Wieso macht der nicht was Doktor will? Renitent und unbelehrbar: Kriegt sogar nen Eintrag in die Akte. Hat dies nicht genommen und das nicht gemacht. (So laß sich ne Krankenhausakte meines Vaters, selber Hausarzt) Und so bleibt alles beim Alten ;)
#1 vor 15 Tagen von Dipl.phys. Hans-Jürgen Schmitz (Medizininformatiker)
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