Medizin per Fernstudium Malta

17.07.2018

Vor recht genau zwei Wochen passierte etwas merkwürdiges. Ohne Vorwarnung flimmerte eine Meldung durch die üblichen Kanäle. Medizin könne man jetzt auch im Fernstudium studieren. Ich war irritiert, las mich ein bisschen ein, prophezeite empörte Reaktionen der üblichen Standesvertreter, wartete gespannt darauf, aber nichts geschah.

So plötzlich und unerwartet wie die Meldung kam, so wenig wurde sie auch zur Kenntnis genommen. Dabei ist das Thema hoch spannnend.

Die Digital Education Holdings (DEH), eine Firma, über die man nur die recht oberflächlichen Selbstbeschreibungen à la „21st century, hands-on, innovation, future, …“ im Netz findet, ist vor Kurzem als maltesische Hochschule akkreditiert worden. Der theoretische Anteil des Studiums soll in ihrem Studiengang über interaktive Lernplattformen abgehalten werden. Der praktische Anteil der Ausbildung erfolgt an einigen Klinikstandorten des Helios-Konzerns in Deutschland. Außerdem möchte man noch weitere Lehrkrankenhäuser hinzugewinnen. Als Abschluss winkt zunächst ein „Bachelor of Medicine“ und im weiteren Verlauf ein „Master of Medicine“. Durch das EU-Recht soll dieser in Deutschland bisher unübliche Abschluss für Medizin ohne weitere Prüfung anerkannt werden können.

Ein interessantes Curriculum …

Die Website der DEH gibt einen kleinen Einblick in das Curriculum. Innerhalb mehrerer Modulblöcke werden nacheinander bestimmte Themengebiete, wie etwa „Notfallmedizin/Anästhesie“ oder „Mental Health & Psychiatrie“ behandelt. Jeder Themenkomplex besteht aus klinischen Anteilen, biomedizinischen (vorklinischen) Elementen und nicht-technischen Fähigkeiten, wie etwa „Critical Thinking“ oder „Leadership Skills“. Die scheinbar recht intensive Einbindung der letztgenannten Inhalte ist in meinen Augen ein herausragendes Merkmal dieses neuartigen Studiengangs.

Die Module sind so angelegt, dass jedes von ihnen eine vierwöchige klinische Rotation umfasst, bereits ab dem ersten Modul. Das ist für mich ein positiver Aspekt des Fernstudiums. Eine solch enge Theorie-Praxis-Verzahnung im Studium ist goldwert. Viele Menschen stellen sich das Medizinstudium als Fachstudium vor, vergleichbar etwa mit Psychologie oder Physik. Es erfüllt aber deutlich mehr Kriterien einer Berufsausbildung als die eines wissenschaftlichen Grundlagenstudiums. Und Berufsausbildungen profitieren nunmal von didaktischer Parallelität.

Auch die Idee, medizinische Inhalte über Onlineplattformen zu unterrichten, ist in unserer vernetzten Welt nicht sehr abwegig. Und seien wir mal ehrlich: Anatomie zum Beispiel ist ein wunderbares Fach, aber ob man einen Histokurs nun am Mikroskop in der Uni oder am PC zu Hause durchführt, ist vermutlich didaktisch relativ gleichwertig. Vorausgesetzt, dass der Unterricht von qualifizierten Dozenten begleitet wird.

… und trotzdem habe ich Bauchschmerzen

In der von mir einst heißgeliebten BBC-Serie „Hustle“ begleitet man eine Bande Trickbetrüger, deren Motto lautet, dass ein Angebot, das zu gut ist, um wahr zu sein, vermutlich auch nicht wahr ist. Jedes potenzielle Opfer der Gruppe, dass diese Regel beherzigt, bleibt von ihren Betrügereien verschont.
Und auch beim neuen internationalen Fernstudiengang der Medizin stolpert man über mehr Fragen als Antworten:

Skeptisch macht mich, dass die Hochschule ausgerechtet auf Malta ist. Ich habe vor einem Jahr einige Wochen dort verbracht und den Inselstaat sehr schätzen gelernt. Allerdings habe ich auch mitbekommen, dass Malta ein großes Problem mit Korruption zu haben scheint. Diese mündete im Dezember 2017 sogar in der Ermordung der bekannten investigativen Journalistin Daphne Caruana Galizia. Sie recherchierte insbesondere zur Verstrickung von Politik und Wirtschaft. Vor ihrem Tod hat sie kaum ein gutes Haar an Evarist Bartolo, dem Minister für Bildung und Arbeit gelassen, der den Studiengang akkreditiert hat. Das ist natürlich keine substanzielle Kritik und schon gar kein Vorwurf, denn ich weiß zu wenig über maltesische Politik im Allgemeinen und Herrn Bartolo im Speziellen. Ich weiß aber, dass mir mehrere Punkte an diesem Medizinstudium im Kern suspekt sind: Zum einen, dass es von einer Privatuni auf einem offenbar recht korrupten Inselstaat angeboten wird. Zum anderen, dass das Studium in Deutschland vom größten privatwirtschaftlichen Klinikkonzern Europas praktisch begleitet werden soll.

19.500 Euro pro Studienjahr

Die praktische Ausbildung selbst ist der nächste kritische Punkt: Aus der Forschung zur beruflichen Bildung ist bekannt, dass eine Verzahnung von Theorie und Praxis nur dann gelingt, wenn die Ressourcen vor Ort eine enge Begleitung der Lernenden zulassen. Eben diese Ressourcen haben private Klinikbetreiber im Regelfall nicht, so dass unklar bleibt, wie genau die Macher des Studienganges sich die Organisation vorstellen. Im Studienhandbuch der DEH steht dazu lediglich:

„You will be assigned by the Module Coordinator to a Module Clinical Teacher who you accompany throughout your four-week clinical rotation.“

Wie der Betreuungsschlüssel ausfällt und ob überhaupt genug qualifizierte „Clinical Teacher“ zur Verfügung stehen, wird nicht explizit angesprochen. Würde ich 19.500 Euro pro Studienjahr ausgeben, würde mir diese Information nicht ausreichen. Die Summe ist nämlich zu viel, um sie mal eben nebenbei zu bezahlen, aber eben zu wenig, um eine kostendeckende und vor allem qualifizierte Betreuung in Kleingruppen zu gewährleisten.

Und zu guter Letzt bin ich skeptisch, inwieweit sich non-technical Skills in einer digitalen Lernumgebung vermitteln lassen. Gerade bei Fertigkeiten wie Führungskompetenz oder Teamkommunikation geht es darum, seine eigene Rolle und die Rollen der anderen in einer Gruppe zu erfassen und kritisch zu reflektieren. Oder noch allgemeiner: Es geht darum, sozial zu interagieren, damit man soziale Fähigkeiten erwerben kann. Das bekommen Präsenzunis im Regelfall schon kaum hin. Wie man das im Rahmen einer rein plattformbasierten Unterrichtsmethodik ermöglichen will, erschließt sich mir nicht.

Das Gute im Schlechten

Für mich ist der Studiengang also mehr als kritikwürdig. Ich lehne ihn ab. Trotzdem glaube ich, dass die deutsche Ausbildungscommunity von dem Modell an sich viel lernen kann.

Von einer stärkeren Einbindung digitaler Lerninhalte könnten auch deutsche Universitäten profitieren. Eine Möglichkeit sind Blended-Learning-Elemente, die zum Beispiel Versuchsaufbauten in der Biochemie digital verdeutlichen oder das Bearbeiten interaktiver Fälle ermöglichen. Dabei sind allerdings immer klare Qualitätskriterien zu beachten. Digitales Lernen einfach mal als kleines Projekt an der Uni anzubieten, wie es derzeit oft mit Mitteln der EU-Förderung gemacht wird, ist nur wenig zielführend.

Die Umstellung auf das Bachelor/Master-Modell war für die meisten Studienfächer in Deutschland eine Katastrophe. In der Medizin würde es aber die Lücke für diejenigen schließen, die nicht die vollen sechs Jahre durchhalten und dann zumindest mit einem „kleinen Abschluss“ von der Uni abgehen könnten. Ob man das Kind nun Bachelor nennen muss, weiß ich nicht. Eine Art Zwischenabschluss ist aber in jedem Falle keine schlechte Sache. Auch der praktische Patientenkontakt bereits zu Beginn des Studiums ist unfassbar wichtig. Hier würde ich mir mehr Mut seitens deutscher Universitäten wünschen.

Medizin ist nun mal keine reine Naturwissenschaft. Sie lebt davon, dass Menschen menschliche Probleme lösen und das geht immer noch am besten, wenn sie einander in der wirklichen Welt begegnen.

Bildquelle: Vicki Burton, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 18.07.2018.

56 Wertungen (3.59 ø)
13071 Aufrufe
Um zu kommentieren, musst du dich einloggen. Einloggen
billige multiple-choice-lernmethode,wo ein eigenständiges formulieren aus dem wahrheiterkennen nicht statthaben muss.:was bringt das, wenn gründlichkeit der seinserkenntnis angesagt ist:das konnte noch nie wirklich gereicht haben
#9 am 21.09.2018 von Thomas Günther (Nichtmedizinische Berufe)
  0
Nunja, die Franzosen machen es vor. Dort studieren Mediziner, Zahnmediziner, Pharmazeuten, Hebammen und Physios im ersten Jahr gemeinsam. Vollkommen anderes System und auch nicht das, worauf ich hinaus will, aber "es klappt nicht, weil es nicht klappt" ist immer ein recht schwaches Argument. Außerdem weiß ich jetzt auch nicht genau, wie KrankenpflegeSCHÜLER jetzt ins Spiel kommen. Ich rede von Studenten. Wie dem auch sei. Leider kann ich das nicht ausdiskutieren, weil ich ab jetzt für einige Wochen ohne Internet im Urlaub sein werde. Ich wünsche Ihnen allen einen schönen August! Bis bald
#8 am 28.07.2018 von Tobias Sambale (Rettungsassistent)
  5
"Für mich ist der Studiengang also mehr als kritikwürdig. Ich lehne ihn ab. Trotzdem glaube ich, dass die deutsche Ausbildungscommunity von dem Modell an sich viel lernen kann." ...nicht alles was neu ist, ist automatisch schlecht. Ich glaube es gibt auch fertige Ärzte mit Doktor-Titel, die für Ihren Beruf wenig geeignet/qualifiziert sind. Das entscheidende ist doch, dass am Ende eine sehr qualifizierte und hervorragend ausgebildete Person den Dienst am Menschen verrichtet. Sowohl theoretisch, als auch praktisch, menschlich und professionell. Diese Studiengänge sollten nur nicht mit dem Hintergrund eingeführt werden, das hier private Krankenhausträger weniger qualifizierte Fachkräfte (Bachelor/Master statt Ärzte) einstellen um Ihre Personalkosten zu senken. Das würde sicher zu Lasten der Patienten gehen. Der Qualitätsanspruch darf dabei nicht sinken, es geht um Menschen-(leben). Bin sehr gespannt, wie sich das noch entwickelt.
#7 am 25.07.2018 von Sascha Jung (Gesundheits- und Krankenpfleger)
  0
Gemeinsamer Unterricht ist nicht möglich, weil die Unterschiede zwischen den Gruppen zu groß sind. An den Universitäten wird schon alle zusammengelegt, was geht, aber meistens geht es nicht, weil die Studieninhalte und auch die geistigen Kapazitäten der Studenten zu stark divergieren. Es ist bspw. nicht einmal möglich, angehende Chemielehrer in Grundkurse für Studienanfänger in Chemie einzubinden, weil die Lehramtler dem Stoff nicht folgen können und würde man man die Chemiestudenten in das Tempo der Lehramtler runter zwingen, würden sie zu langsam vorankommen. Die Unterschiede zwischen Medizinstudenten und Pflegeschülern sind noch weit größer, da wäre jeder Versuch eines gemeinsamen Grundstudiums sozialromatischer Unfug und am Ende wären alle unglücklich. Was man allenfalls gemeinsam durchführen könnte wären fakultative Veranstaltungen außerhalb des Lehrplans,
#6 am 24.07.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  2
Alle von Ihnen genannten Gesundheitsberufe im ersten Jahr gemeinsam zu unterrichten halte ich nicht für sinnvoll und auch nicht für durchführbar, trotzdem wäre es meiner Ansicht nach nicht verkehrt diese Fächer in den jeweiligen Unterricht mit einfließen zu lassen. :)
#5 am 23.07.2018 von Nadja Pfau (Heilpraktikerin)
  2
Hallo Frau Pfau, es gibt tatsächlich in DE keinen "kleinen Abschluss" in Medizin. Das würde vor dem Hintergrund des derzeitigen Studiumsaufbaus auch nur wenig Sinn machen. Auch ist die Frage, ob ein Bachelor/Master-Abschluss eine gute Idee wäre. Vermutlich nicht. Aber wenn man den Gedanken einer Studienreform etwas weiter denkt, könnte man zum Beispiel über ein gemeinsames erstes Jahr aller akademischen Gesundheitsberufe nachdenken. So könnten angehende Pflegekräfte, Hebammen, Physiotherapeuten, etc. und Mediziner in gemeinsamen Kursen unterrichtet werden. Beispiele hierfür wären Kurse in medizinischer Statistik, medizinischer Ethik, medizinischer Soziologie etc. Dies hätte neben einer stärkeren Einbindung dieser etwas vernachlässigten Fächer den enormen Vorteil, berufsgruppenübergreifende Netzwerke zu schaffen und zu verdichten.
#4 am 23.07.2018 von Tobias Sambale (Rettungsassistent)
  5
Es gib keine kleinen Abschluß in Medizin! Das war und ist nicht mehr als ein Teil des Wunschdenkens des Herrn Tobias Sambale.
#3 am 20.07.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  8
Vielleicht hab ich da was nicht verstanden, aber was ist ein kleiner Abschluss in Medizin und was macht man dann damit?
#2 am 20.07.2018 von Nadja Pfau (Heilpraktikerin)
  3
Es gab im Zuge des Bologna Prozeßes zurecht heftigen Widerstand und zahlreiche schlagkräftige Argumente gegen eine Einführung des Bachelor/Master Systems in den medizinischen Studiengängen. Wer "die vollen sechs Jahre" nicht durchhält, kann und sollte möglichst frühzeitig den Studiengang wechseln. Es gibt keinen Grund, diese vor Jahren mit eindeutigem Ergebnis beendete Diskussion jetzt wieder von vorne zu beginnen. Es wurde in der Vergangenheit bereits ausreichend dargelegt, daß ein Zwischenabschluß in Medizin keine gute Sache wäre. Die Medizin ist zwar keine reine, aber eine angewandte Naturwissenschaft. Zentrale Aufgabe der modernen Schulmedizin ist die Behandlung von Erkrankungen unter Zuhilfenahme wissenschaftsbasierter Methoden. Der überaus schwammige wie rührselige Ausruck "menschliche Probleme", welche "durch Menschen zu lösen seien" wird dem mitnichten gerecht.
#1 am 18.07.2018 (editiert) von Annika Diederichs (Tierärztin)
  18
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Eines meiner persönlichen Herzensthemen ist der Zugang zu Gesundheitsleistungen. Krankheit kostet Geld und kranke mehr...
Besonders interessant sind dabei bestimmte Schlagworte, die man immer wieder liest. Wir neigen offenbar dazu, Dinge mehr...
Spöttisch bezeichnet ein befreundeter Arbeitsmediziner die Zeitumstellung als „Jetlag des Proletariats“ und mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2018 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: