Der Griff in die verbotene Schublade

10.07.2018

Einjeder kann sich wahrscheinlich ziemlich genau an den ersten realen Kontakt zu Drogen erinnern. Und ich meine jetzt nicht die gesellschaftlich akzeptierten wie Drogen Alkohol, Nikotin und Koffein, sondern die harten Dinge. Jene Substanzen, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben, weil man dann ganz schnell in der Gosse landet. Und da will ja keiner hin.

Man landet in der Gosse oder man wird Arzt.

Mir wurde diese Angst vor Drogen so oft eingebimst, dass ich regelrecht schockiert war, als ich das erste Mal mitbekam wie eine Kommilitonin offen über ihren Kokainkonsum sprach: Vor Prüfungen, um noch etwas mehr Stoff pauken zu können und allgemein leistungsfähiger zu sein. So erklärte sich auch, warum sie in manchen Vorlesungen lethargisch in der Ecke hing und in anderen übereifrig engagiert den Finger für Zwischenfragen hob und stenografisch mitschrieb. Hatte sie da schon wieder? War das noch? Nach den Klausuren wurde dann zum Feiern gekokst. Endlich geschafft, die Welt gehört mir.

Klara: Schlief nie mehr als drei Stunden

Ach, und dann war da noch Klara, Stipendiatin aus allerbestem Hause. Zu Hause wurde die Tochter in den höchsten Tönen gelobt. Zwischen den Zeilen wurde sie sehr unter Druck gesetzt, alles andere als Spitzenleistungen wurden nicht geduldet.

Spitzenleistungen erreichte sie unter anderem, weil sie nachts nie mehr als drei Stunden schlief. Ich hätte es selbst nicht geglaubt, wenn ihre Mitbewohnerin es nicht hätte bezeugen können. Drei Stunden, niemals mehr. So viel zu lesen, so viel zu lernen. Das ging ganz gut mit der Hilfe von Ritalin. Das machte sie wach, half ihr bei der Konzentration. Vor den Klausuren war sie dann oft so aufgedreht, dass sie einen ß-Blocker zur Beruhigung nahm.

Und weil nach der Klausur ja bekanntlich vor der Klausur ist, stand sie eigentlich unter einer Dauermedikation, aber das hätte sie sich selbst so niemals eingestanden. Über Monate nahm sie gegen ihre Krankheitsanfälligkeit außerdem Kombinationspräparate zum Beispiel mit Coffein und Ibuprofen, um sich fit zu halten. Weil das aber so auf den Magen schlug, ergänzte sie das Repertoire um Protonenpumpeninhibitoren. Das erzählte sie mir alles ganz offen bei einem Mittagessen in der Kantine. Eigentlich wollte sie nur wissen, wie ich den Stress so aushalten würde und ob ich denn gar keine Medikamente nehmen würde.

Marian: Bediente sich am BTM-Schrank

Außerdem gab es noch Marian, ein Kommilitone der wohl bereits im Studium ein erhebliches Problem mit verbotenen Substanzen entwickelte. Ich denke, es ist jedem klar, dass jede Drogenkarriere auch seine Gründe hat. Das will ich hier aber nicht thematisieren. Marian trieb den Missbrauch mit einer hohen Selbstzerstörung voran und machte vor gar nichts halt.

Er besorgte sich Morphin und morphinähnliche Substanzen, unter anderem Fentanyl und Piritramid, indem er sich seinen weißen Kittel anzog und direkt in die Stationszimmer ging. Dort nahm er sich entweder unbeobachtet etwas aus dem BTM-Schrank oder er gab sich als Medizinstudent aus, der für Tierversuche BTMs benötige. Offensichtlich war er mit dieser Masche sehr erfolgreich, denn man konnte später, nachdem seine Tricks dann doch irgendwann aufgeflogen waren, anhand der BTM-Bücher sauber rekonstruieren, dass er so seinen Bedarf über fast zwei Jahre – teilweise oder gänzlich – decken konnte. Die Anonymität einer Universitätsklinik macht es möglich.

Schließlich flog er doch auf

Erwischt wurde er, als er sich mithilfe eines Butterflys über eine Fußvene mehrere Ampullen Piritramid spritzte. Blöderweise fand ihn eine Pflegekraft, bei der er sich ein paar Tage vorher mit oben genannter Masche BTMs erschlichen hatte.

Dass er sich auch direkten Zugang zum BTM-Schrank verschafft hatte, bemerkte man, weil hier erhebliche Mengen an BTM fehlten, die jeweils im BTM-Buch als „Glasbruch“ korrigiert worden waren. Zerbricht eine Ampulle, muss dies auch im BTM-Buch notiert werden, damit die Anzahl wieder stimmt.

Hier zerbricht aber viel Glas …

Als ich dann selbst in der Klinik arbeitete, stellte ich fest, dass auch hier an manchen Stellen recht häufig von dem Glasbruch-Eintrag Gebrauch gemacht wurde. Eigentlich muss jede Auffälligkeit im BTM-Bestand gemeldet werden, um einen Missbrauch frühzeitig zu erkennen. Weil es aber so einfach ist und sich unbequeme Fragen so vermeiden lassen, wird eben „Glasbruch“ eingetragen und die Differenz so angeglichen.

In der Klinik wurde ich außerdem mehr als einmal – übrigens meist von Chirurgen – gefragt, ob ich als Anästhesist nicht was zum Schlafen hätte. Zwinker zwinker. Ich könne da doch bestimmt was empfehlen. Die Arbeitsbelastung, der Schichtdienst, der Schlafmangel, die hohe Dienstfrequenz, da komme der Schlafrhythmus schon mal durcheinander und da freue man sich doch, wenn man mit einfachen Mittelchen nachhelfen könne.

Wer sollte da besser Bescheid wissen als der Schlafwagenschaffner aus dem OP?

Oberärztin auf dem Weg ins All

Im Laufe der Zeit begegnete ich außerdem einer leitenden Oberärztin, die sich irgendwann auf dem Weg zum Weltraum befand. Nachts im Aufzug machte sie einer Pflegekraft der Intensivstation klar, dass sie jetzt sehr dringend zum Terminal müsse, ihre Rakete würde nicht mehr länger warten. Dabei summte sie und war offensichtlich guter Laune. Die Kollegin dachte an einen Schlaganfall, es wurde das Notfallteam alarmiert, die Kollegin gab noch allerlei wirre Dinge von sich, das CT war unauffällig, das Drogenscreening umso deutlicher.

Eine Mischintoxikation allerfeinster Couleur war hier der Anfang vom Ende für die Kollegin. Tatsächlich war es ein Zufall, dass ihre Abhängigkeit überhaupt auffiel, da sie schwerpunktmäßig seit längerer Zeit Disoprivan (als Propofol bekannt) konsumierte, was häufig unbemerkt bleibt.

Max wirkte stets wie alkoholisiert

Der nächste in der Liste: Max, wirkte in den Diensten manchmal merkwürdig fahrig. Auch die Zunge schien ihm von Zeit zu Zeit sehr schwer zu sein. Er wirkte wie alkoholisiert, eine Fahne bemerkte man nie. Eines Samstagmorgens wollte er den Notarztfunk übernehmen und die abgebende Kollegin wandte sich vertrauensvoll an uns, da sie den Kollegen offensichtlich nicht für dienstfähig hielt.

Der Kollege wurde daraufhin mehrere Monate krank geschrieben und machte einen  Entzug. Danach erhielt er seine zweite Chance. Er kam also nochmal wieder und wurde nach nicht mal einem Monat erneut auffällig was dann auch das Ende seines Beschäftigungsverhältnisses bei uns bedeutete.

Träger des goldenen Vertrauensordens

Ergänzend muss man dazu sagen, dass genau dieser Kollege über Jahre das allerhöchste Ansehen genoß. Er war der Facharzt, den sich die Kollegen als Anästhesisten aussuchten, wenn sie selber operiert werden mussten. Nicht der Oberarzt, nicht der Chef, nein – Max war der Träger des goldenen Vertrauensordens am Bande. Er wurde von der Belegschaft als Arzt des Vertrauens ausgewählt.

Das blieb auch so, nachdem seine Probleme bekannt wurden. Er war ein exzellenter Mediziner, der leider große persönliche Probleme mit sich durchs Leben trug und sich nicht anders als mit Medikamentenmissbrauch zu helfen wusste.

Christian: Persönlicher Schicksalschlag mit Folgen

Und dann erinnere ich mich noch an Christian. Facharzt für Anästhesie, alle Zusatzbezeichnungen, ein tragischer Unfall in der Familie, es folgte die Trennung von seiner Frau, beruflich wirkte er zunehmend unkonzentriert. Das kam auch zur Sprache, wurde zeitweise besser.

An einem nebligen Montagmorgen fand man ihn tot in der Nähe der Klinik auf einem Parkplatz. Er hatte versucht, die Schieflage seines Lebens mit einem Griff in die Schublade seines Anästhesiewagens zu kompensieren. Er hatte wohl erheblich unter Schlafmangel gelitten und zunächst mit Benzodiazepinen, schließlich mit Disoprivan (Propofol) einfach nur zur Ruhe kommen wollen. 

Das fiel vor allem deswegen lange Zeit überhaupt nicht auf, weil diese Medikamente aus mir nicht verständlichen Gründen nicht bilanziert werden. Überhaupt gar nicht.
Vielleicht hätte man in diesem einen und in vielen anderen Fällen somit Differenzen früher bemerkt und zumindest die Chance gehabt, einem Hilfebedürftigen Hilfe anzubieten.

Augen auf, diese Kollegen brauchen Hilfe!

Wenn ich überlege, mit wieviel hunderten Kollegen ich bisher zusammengearbeitet habe, dann relativiert sich die Anzahl der Ereignisse zwar. Ich bin mir aber auch sehr bewusst, dass die Dunkelziffer abhängiger Mediziner sicher um einiges höher liegt.

Aktuell werden ausschließlich Opioide (starke Schmerzmittel wie Fentanyl, Sufentanil, Piritramid und andere) bilanziert und protokolliert, nicht jedoch starke Sedativa wie die Benzodiazepine und Propofol oder auch Substanzen, die in der Drogenszene weit verbreitet sind wie zum Beispiel das Ketamin.

Wünschenswert wäre ein System, dass ohne zu viel Bürokratie (bitte nicht noch 20 Protokoll-Bücher mehr) den Ist-Verbrauch und den Soll-Verbrauch miteinander vergleicht.

Und trotzdem: Die Mitarbeiter, die in dem System arbeiten, kennen immer Mittel und Wege, genau diese Kontrollen zu umgehen, das gehört wohl leider dazu. Aber gerade deshalb sind genau diese Mitarbeiter, die nicht erwischt werden wollen, auf aufmerksame Mitarbeiter angewiesen, die sie retten, bevor es zu spät ist. Klingt komisch, ist aber oft die einzige Lösung. Christian hätte das vielleicht gerettet, vielleicht aber auch nicht.

 

Glossar:

BTM - Betäubungsmittel, hierunter fallen starke Schmerzmittel wie Fentanyl (auch als Pflaster), Piritramid, Sufentanil und andere

BTM-Schrank - ein Tresor oder Safe in dem die BTMs gelagert werden, den BTM-Schlüssel hat meist die schichtführende Pflegekraft

BTM-Buch - ein Register in dem der Zugang und Abgang aller BTMs sorgfältig protokolliert werden muss, jede Entnahme muss mit dem Namen des Patienten, der verwendeten Menge etc. aufgeschrieben werden
 

Bildquelle: (nutmeg), flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 11.07.2018.

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Gast
Erlebnis auf einer Intensivstation für Polytraumatisierte, irgendwo in Deutschland, vor vielen Jahren: Ein Patient war, relativ unerwartet, verstorben. Der Bettplatz war aufgeräumt worden. Im Pflege- und Utensilienwagen des nun leeren Bettplatzes fand ich drei Fläschchen Fentanyl zu je 50 ml und 0.05 mg/ml. Sie waren schlicht vergessen worden. Leichte Verwunderung bei der Stationsleitung, als ich das Zeug zum Kollegen brachte,mit der Bitte, mit zwei Unterschriften es wieder in den Tresor zu sperren. Konsequenzen:keine.
#10 am 21.09.2018 von Gast (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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Gast
Die Bilanzierung/Protokollierung von Medikamentenbeständen nützt nichts. Wer im System drin ist, kennt die Schwachstellen und kann sie ausnutzen. Das ist sehr simpel.
#9 am 21.09.2018 von Gast (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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Es geht hier nicht um Verbote, sondern darum, daß manche Mediziner auf Droge sind während sie Patienten behandeln. Das hat nicht das geringste zu tun mit den aktuellen Debatten um den zukünftigen Umgang mit derzeit verbotenen Rauschmitteln.
#8 am 17.07.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
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Auch Mediziner sind nur Menschen und haben die gleichen Probleme wie alle anderen, wer an bestimmte Substanzen heran kommen will, der kommt auch heran - soviel ist sicher - mit oder ohne Bilanzierung! Ich muss an ein Paar sehr junge Menschen in meiner Nachbarschaft denken, welche sehr frühzeitig ihr Leben verloren, da sie einfach etwas ausprobieren wollten, was sich als unsichere und nicht ausprobierte Designerdrogen erwiesen haben die quasi als neuer Ersatz für altbekannte Stoffe dienten - da ist doch besser ein paar sichere Substanzen im Petto zu haben, welche nicht so stark mit Mortalität belastet sind!? Ja ich weiß, auch Propofol kann töten, aber etwas was noch nicht bekannt und nicht getestet wurde umso mehr.. Es ist immer ein Zweischneidiges Schwert von dem was man mit Verboten erreichen will und führt nicht immer zum Ziel.
#7 am 16.07.2018 von Alexander Schütz (Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technischer Assistent)
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Die Arbeitgeber haben durchaus Möglichkeiten, ihre Mitarbeiter auf Drogenkonsum zu testen, was bislang nur in sehr geringem Umfang genutzt wird. Man könnte fast meinen, da wird lieber weggesehen, so lange man wegsehen kann, um nicht reihenweise Mitarbeiter beurlauben oder entlassen zu müssen. Hauptsache, die Leistungsbilanz ist gut.
#6 am 14.07.2018 (editiert) von Annika Diederichs (Tierärztin)
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Gast
Zu diesem und dem thematisch identischen Leitartikel selten so viel keine Kommentare der betroffenen Berufsgruppe Arzt/Ärztin gesehen. Woran liegt es denn ?
#5 am 12.07.2018 von Gast (Biochemiker)
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Götter in Weiß. Berufslang Autorität - als Aussender von Weisheit - für andere zu sein, hat Auswirkungen auf das Selbstverständnis. Durch Gewöhnung im Arztalltag erhöht sich die innere Position in der Selbstbewertung. Dieser veränderte hohe Grad der intellektuellen Expertise entwandert allmählich dem evolutionären schwächlicher repräsentierten "Ich" durch tägliche Übung. Kein Wunder, dass der "Heiler" sich dann selbst heilen zu können, mehr als zutraut.
#4 am 12.07.2018 von Karl-Heinz Licht (Medizinjournalist)
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Vielen Dank für diese offenen Worte. Nach Schätzungen der Bundesärztekammer entwickeln sieben bis acht Prozent der Ärzte einmal im Leben eine Suchterkrankung. Noch fataler: Sie suchen sich nur selten Hilfe. In Deutschland wird noch viel zu wenig über Ärztegesundheit gesprochen. Das muss sich dringend ändern. Der NAV-Virchow-Bund will das Tabu brechen. Als Verband der niedergelassenen Ärzte setzen wir uns dafür ein, dass Ärztegesundheit intensiv erforscht wird. Solche Erfahrungsberichte wie Ihrer sind sehr hilfreich, um das Thema stärker ins Bewusstsein der Ärzteschaft zu rücken. Danke.
#3 am 12.07.2018 von NAV-Virchow-Bund (InSite)
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Der Artikel ist erschreckend, es ist aber so, das kann ich nach über 35 Jahren in der Anästhesie sagen und bestätigen. Doch es ist sehr schwer, eine Abhängigkeit zu bemerken und zu handeln. Dabei kann man leicht ins Fettnäpfchen treten, das kann man nicht alleine machen. Das geht nur mit Mittarbeitern, die nicht gleich das Kind mit dem Bad ausschütten. An erster stelle steht, dem betroffenen Mitarbeiter zu helfen.
#2 am 11.07.2018 von Herr Rudolf Goeb (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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Gast
Ritalin macht nicht smarter. Es bewirkt, dass der ADHS-Patient das vorhandene Potential abrufen kann, mehr nicht. Entgegen anderslautender Berichterstattung aus der verkaufsorientierten Presse kann man aus einem Dummkopf damit auch kein Genie machen, zumal Ritalin bei normalen Menschen eine Wirkung nur wenig stärker als Kaffe hat. Der Hype um Hirndoping ist verkaufsorientierte Fabelwelt der Massenmedien. Fast sämtliche der sogenannten Hirndoper sind zudem folgendes: nämlich undiagnostizierte ADHSler. Dieses Hirndoping als verkappte Therapie der ADHS gibt es außerdem mindestens seit Mitte der 60er Jahre, wahrscheinlich eher 50er Jahre. Damals lief das aber alles ab unter der Oberfläche.
#1 am 11.07.2018 von Gast (Nichtmedizinische Berufe)
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