Niemand braucht die Terminservicestelle

04.07.2018

Es ist passiert. Nach fast zweieinhalb Jahren habe ich den ersten zugewiesenen Patienten der Terminservicestelle. Ja, ich gebe zu, dass es etwas wehtat. Ich hatte diese gesetzlich installierte Institution schon fast vergessen. Da holte mich die Wirklichkeit ein.

Unmittelbar nach Beendigung der Sprechstunde am Freitag fuhr ich mit meiner Familie über das Wochenende zu meinen Schwiegereltern aufs Land. Wieder einmal hatte ich mir vorgenommen, mich vom Alltag zu lösen und zu entspannen. Kein Internet, keine Emails.

Beinahe hätte ich es auch geschafft. Aber als mir mein Schwager ein lustiges Video schickte, griff ich zum Handy und landete doch in meinem Email-Account. Und da stand sie: die Nachricht der Terminservicestelle (TSS) meiner Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Natürlich konnte ich nicht widerstehen, sie zu öffnen. Ich wurde tatsächlich angewiesen, einer Patientin einen Termin einzuräumen, die sich zur Bestätigung in den nächsten Tagen telefonisch melden würde. Hat sie natürlich nicht.

So viele Fragen

Daraus ergaben sich für mich viele offene Fragen: Warum war der Termin so dringend, dass die TSS eingeschaltet werden musste?

Warum hat der hausärztliche Kollege, der ja die Dringlichkeit mit einem Code bestätigen muss, nicht einfach den Hörer selbst in die Hand genommen? In einem Notfall hätte mir den Patienten sofort angesehen.

Warum kam jetzt der Patient doch nicht?

Wie geht es anderen Kollegen? Haben die auch keine oder nur wenige Zuweisungen?

Erwartet uns nun bald unter dem neuen Minister die nächste „Reform“ oder Verschlimmbesserung, die zwar neue Arbeitsplätze schafft, aber leider nicht im Bereich der Leistungserbringer?

Fakten zum Thema:

Fazit: Terminservicestellen sind ein Rohrkrepierer

Diese Terminservicestellen sind Teil der Reform Gröhe, ein absoluter Rohrkrepierer. Allerdings wird sich keiner aus der Politik trauen, sie wieder abzuschaffen. In der Ära Spahn wird es, wie angekündigt, bald neue und weitere Änderungen geben. Die Ärzte sollen länger und mehr arbeiten. Auch an Samstagen soll es erlaubt sein, Patienten zu behandeln. Von einer Aufhebung der Budgets ist natürlich nicht die Rede. Für die längeren Öffnungszeiten wird mehr Personal benötigt. Also mehr Arbeit für weniger Geld. Sowas sollte man mal der IG Metall und Verdi vorschlagen, wir hätten am nächsten Tag einen unbefristeten Generalstreik.

Letzte Woche war ich übrigens auf einer Veranstaltung für alle niedergelassenen Ärzte der Region. Besonders fiel mir der hohe Altersdurchschnitt der Kollegen auf. Werden wir überhaupt Nachfolger finden, die diese 50- bis 80-Stundenwoche auf sich nehmen wollen? Junge Ärzte stellen sich ihr Berufsleben anders vor.

Wir brauchen mehr Therapeuten, nicht Termine

Ein Psychiater erzählt mir dort ganz entspannt, dass die Terminservicestellen für ihn vollkommen sinnlos seien. Mit einem kurzen Termin sei es in den wenigsten Fällen getan, sodass die positive Wirkung einer Vermittlung schnell verpuffe. Helfen könne nur eine höhere Anzahl an Therapeuten, die aber nicht in Sicht sei.

Ich antwortete, dass es auch eine gesellschaftliche Aufgabe für uns alle sein sollte, die Ursachen des Bedarfs an Psychotherapieplätzen zu erkennen und zu beseitigen. Aber in einer egoistischen und globalisierten Welt sei das wohl eine Illusion.

Der Psychiater lächelte mich daraufhin etwas mitleidig von der Seite an.

 

Bildquelle: Kecko, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 05.07.2018.

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Medizin, HNO
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Terminvergabe wegen AP Beschwerden über die KV hatte nicht geklappt , erst als sich der Hausarzt nochmal für eine Terminvergabe beim Kardiologen einschaltete, klappte es noch am gleichen Tag. Das rechne ich den beiden Ärzten hoch an. #8 Auch mein Hausarzt ( älter) konnte noch Blutdruck messen und EKG schreiben und lesen. Terminvergabe über KV hat noch nie in meinem Bekanntenkreis etwas gebracht. Kommunikation unter den Arzt- Kollegen ist wichtiger. Auch Ärzte haben ein Recht auf Freizeit und Erholung, umso besser und entspannter können sie auf Patienten eingehen.... und bleiben dem Patienten zb als guter Hausarzt erhalten
#10 am 10.07.2018 von Birgit Howe (Krankenpflegehelfer)
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Teil 2 Auch der Patient kommt heute, mehr als früher, mit großer Erwartungshaltung in die Praxis und gibt die Verantwortung für seine Gesundheit gleich mit der Versichertenkarte an der Anmeldung ab. Nottermine beim Facharzt, wenn es denn welche sind, werden von unserer Praxis ausgemacht und das klappt dann auch.
#9 am 06.07.2018 von Nadja Pfau (Heilpraktikerin)
  2
Ich habe 1982 den damals noch schönen Beruf der Arzthelferin beim Hautarzt gelernt, danach Orthopädie. Es gab damals bei uns nicht mal die Hälfte an Fachärzten und wir hatten immer innerhalb von ein zwei Wochen Termine frei. Wie kommt dieses „Patientenaufkommen“ zustande? Die Bevölkerung hat nicht in dem Maße zugenommen wie Facharzt Kassenzulassungen/ sitze in unserer Gegend. Damals hat allerdings der Hausarzt vieles noch selber behandelt / behandeln können und nur im Notfall bzw. Zweifelsfall zum Facharzt überwiesen. Ich arbeite stundenweise noch bei einem Hausarzt „alter Schule“ der noch weiß wie man abhört abklopft palpiertes usw. Man muss nicht wegen jedem Zipperlein zum Facharzt und nicht jeder Orthopäde / Chirurg muss gleich arthroskopieren und operieren. Aber nur so verdient er Geld und das ist unsäglich.
#8 am 06.07.2018 von Nadja Pfau (Heilpraktikerin)
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Bitte auch daran denken, daß Patienten, die keinen zeitnahen Termin beim FA bekommen, stattdessen häufig in die Notaufnahme gehen, was ein Grund für die häufig beklagte Überlastung der Notaufnahmen ist. Will man also die Terminvermittlung abschaffen, dann bitte nicht einfach streichen, sondern durch eine bessere Lösung ersetzen.
#7 am 06.07.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  2
Krankenkassenkundin
Auch ich habe die offizielle Terminvermittlung der KV noch nicht in Anspruch genommen aber wie #4 gute Erfahrungen mit der der Krankenkasse gemacht. Manche Ärzte sind überhaupt nicht zu erreichen, andere nehmen keine neuen Patienten auf, dritte nur noch Privatpatienten und bei den übrig gebliebenen erhält man einen Termin in einem Jahr, was oft zu spät ist. Ich habe den Service bisher ausschließlich für Fachärzte für meine Tochter in Anspruch genommen, weil ich solche Wartezeiten insbesondere für ein Baby / Kleinkind zu lang finde. Wenn ich die mühsame Arbeit des Herumtelefonierens "outsourcen" kann, dann nehme ich das gerne in Anspruch.
#6 am 06.07.2018 (editiert) von Krankenkassenkundin (Gast)
  4
"Niemand braucht die Termin-Servicstelle".....das ist leicht zu fordern, sagen Sie es den 125 000 (!) Menschen, die so zu einem Arzt-Termin gekommen sind und ebenso den 854 (!) Menschen allein aus Mecklenburg-Vorpommern, die um einen Termin baten. Es muß sich halt immer alles rechnen..... Ich selbst sollte bei einem akuten Geschehen trotz Fürsprache des Hausarztes 2 Monate auf einen Neurologen-Termin warten – da war ich doch recht dankbar für die Termin-Vermittlung durch die KV-Stelle....
#5 am 06.07.2018 von HP Brigitte Jürgensen (Heilpraktikerin)
  2
Die Terminservicestelle der KV habe ich zwar noch nicht gebraucht, aber doch die Facharztvermittlung über meine Krankenkasse. Immerhin habe ich so einen Termin beim Kardiologen innerhalb von 4 Wochen bekommen, während man mir in den Praxen vorher entweder gar keinen Termin oder einen Termin in frühestens einem Jahr geben wollte- oder ich nach einer halben Stunde in der telefonischen Warteschleife aufgegeben habe...…. Der Service der Krankenkasse hätte mir gereicht, aber dass es irgendeine Stelle gibt, die Termine vermittelt, finde ich schon sinnvoll. Wer noch nie bei zig Ärzten abgewimmelt wurde, kann das natürlich nicht verstehen.
#4 am 06.07.2018 von Anja Kömpel (Tierärztin)
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Psychotherapeutin
Teil 2 Trotz Absprache Ausfallhonorar und Zustimmung im eingetretenen Fall Riesendiskussionen, oft recht aggressiv geführt, bis hin zu Schmähungen und Drohungen. Trumpen und Seehofern ist weit verbreitet.... Ja, ich könnte vor dem allerersten Termin einen Vertrag an die -potentiellen- Pat. schicken, wirkt sich aber auf therapeutische Beziehung aus und ist kein optimaler Einstieg. Durch die vielen wechselnden Patienten wegen Psychotherapeutischer Sprechstunde und Akuttherapie passierte es mir erstmals, dass ich nicht mehr wusste, wer da vor mir saß, ganz schlecht in der PT, unbefriedigend für Beide. Ist mir vor der Änderung der Richtlinien nie passiert. - Nein, und es liegt ganz sicher nicht am Alter! ;-) -
#3 am 05.07.2018 von Psychotherapeutin (Psychotherapeut)
  5
Psychotherapeutin
Sehe ich ebenso. Meine Erfahrung: Zusätzliche Arbeit, weil ich Termin bei Pat. bestätigen muss (Honorar bei PP reichen für Angestellte nicht), dabei wäre Buchung klar, da freie Termine bei TSS eingestellt werden müssen (zusätzlich. Aufwand, auch bei Veränderungen). Ergebnis: Mindestens die Hälfte erschien nie zum Erstgespräch, irgendwann bin ich dazu übergegangen, doppelt einzubestellen. Waren Beide da, unerquickliche Situation für alle Beteiligten. Insgesamt Frustration groß, weil Sprechstunde und Akutbehandlung (die mal gut in Ferienzeiten oder Klinikzeiten anderer Patient*innen eingeschoben werden können) nicht gleichbedeutend mit Therapieplatz ist. Insgesamt hat sich allerdings aus meiner Sicht eine Mentalität verbreitet, die ich so von noch vor 2 Jahren nicht kenne: Viele Ausfälle bei Ortsgesprächen, auch wenn ich sie persönlich ausmache (allerdings weniger als über TSS), meistens ohne (!) vorherige Absage.
#2 am 05.07.2018 von Psychotherapeutin (Psychotherapeut)
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Absolut richtig. Die Terminservicestellen sollten abgeschafft werden, und mit ihnen muss auch die Budgetierung fallen. Gleichzeitig brauchen wir mehr Medizinstudienplätze und bessere Anreize für die Niederlassung. Es ist und bleibt ein langer steiniger Weg. Aber wir arbeiten daran! Und wir freuen uns über jeden Kollegen, der mitmacht: https://www.nav-virchowbund.de/berufspolitik.php.
#1 am 05.07.2018 von NAV-Virchow-Bund (InSite)
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