Vitamine schlucken statt Sport treiben?

04.07.2018

Wir Menschen sind schon merkwürdig. Dass man sein Verhalten ändern muss, wenn das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen reduziert werden soll, ist schnell vergessen. Stattdessen greift man lieber zu Nahrungsergänzungsmitteln. Warum mehr Sport treiben oder das Rauchen aufgeben, wenn man einfach Vitamine einnehmen kann?

 Ich frage mich allerdings, wie Apotheker noch in den Spiegel schauen können, wenn Sie ihren Kunden dieses Zeug verkaufen. Vorweg: Wir leben in einer freien Marktwirtschaft und jeder Mensch hat deshalb das Recht, selber zu entscheiden, ob und wie er sich in Sachen Angebot und Nachfrage positioniert. Was er kauft und was er lieber nicht anfasst. Ob er sich online, in der Massendrogerie oder aber beim approbierten Apotheker beraten lässt.

Bei erhöhten Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen empfehlen Ärzte Verhaltensänderungen: mehr Sport, ausgewogene Ernährung, mehr Schlaf und weniger Nikotin. Wenn man diese Punkte ebenso wenig einhalten kann wie die empfohlene Stressreduktion und eine positive Lebensgestaltung, dann bleibt vielleicht der Griff zu Nahrungsergänzungsmitteln. Immerhin sagt man Vitaminen und Co alle möglichen positiven Effekt auf das Herz nach.

NEM: Sinn und Unsinn bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Allerdings hört meine Verständnis beim Thema (Super-)Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel auf. Ausnahmen bestätigen die Ausnahme (z.B. Melatonin bei bestimmten Indikationen). Eine aktuelle Studie im Journal of the American College of Cardiology untersucht nun in einer Metaanalyse den Sinn und Unsinn von Nahrungsergänzungsmitteln wie Vitaminen oder Mineralstoffen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 

Das Angebot und die Verspechungen sind ebenso bunt wie die postulierten Störungsmodelle und Ansätze, die nun die Sterblichkeit reduzieren oder die Vitalität des Herzens und seines Trägers erhöhen sollen. Sei es, dass oxidativer Stress reduziert werden soll oder aber angebliche Diätfehler oder Mangelzustände ausgeglichen werden können. Über das Für und Wider der Vitamin-D-Gabe werden ganze Bücher geschrieben und Streitgespräche geführt.

Vitamine statt ärztlich verordneter Präparaten

Hilfreich ist der Zweifel und die Sorge um die eigene Gesundheit in erster Linie wohl für das Portemonnaie der Hersteller und der Apotheker. Und es ist keinesfalls ein kleiner Markt, der da bedient werden will. Wenn also mehr als die Hälfte der Bevölkerung zu solchen Mittelchen greift, andererseits aber die ärztlich verordneten Medikamente aus Angst vor möglichen Nebenwirkungen in der Schublade lässt, ist es Zeit, sich mit der wissenschaftlichen Evidenz dieser frei verkäuflichen Präparate zu befassen.

Dazu wurden über 179 wissenschaftlich verwertbare Studien eingeschlossen, die sich spezieller mit kardiovaskulären Erkrankungen beschäftigen. Von den am häufigsten eingesetzten Nahrungsergänzungsmitteln (Multivitamin-Präparate, Vitamin D, Calcium oder Vitamin C) konnte – ich würde mal behaupten erwartungsgemäß – kein statistisch signifikanter Effekt auf ein Outcome hinsichtlich Herzkreislauf-Erkrankungen gefunden werden.

Kleinere Effekte konnten dagegen Folsäure oder Vitamin B6 und 12 hinsichtlich der Reduktion von Schlaganfällen zeigen, während wiederum Niacin oder Antioxidantien sogar die Sterblichkeit erhöhten.

Werden diese Ergebnisse etwas bewirken?

Die Effekte liefern in jedem Fall keine überzeugende Begründung für den Kauf dieser Mittel. Gerade dann nicht, wenn man bedenkt, dass die verschriebenen Herz-Kreislauf-Medikamente häufig nicht mehr eingenommen werden.

Werden diese Studienergebnisse nun etwas an der Beratung durch den Apotheker um die Ecke ändern? Vermutlich nicht. Denn letztlich zählt wohl eher der Umsatz und schließlich verlangen die Kunden ja danach ...

Bildquelle: ratsbeyfus, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 10.07.2018.

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Teil 1 Die freie Marktwirtschaft ist längst in Wahrheit eine absolut rücksichtslose, die gesamte Bevölkerung konditionierende Chimäre. Die Fesseln, die den Bürgern per Werbung angelegt werden, sehen Sie perfekt inszeniert in der Vorabendwerbung der öffentlichen Sender: zehn bis 15 Schmerzmittel am Stück in jedem Block und das mehrfach. Das ist klassische Verhaltenskonditionierung und sonst nichts. Wirklich witzig ist aber, dass wir das alles komplett aus unserer Tasche bezahlen. Wäre ich Pharmazeut, würde mir das auch schwerfallen, da nicht mitzuspielen. Bin ich aber nicht, deshalb fordere ich absolutes Werbeverbot für Pharmazie-werbung, Rauchen-Werbung und Alkohol-werbung. Stoppt niemand diesen Konditionierungswahn, kommen wir niemals aus der Falle heraus.
#7 am 12.07.2018 von Karl-Heinz Licht (Medizinjournalist)
  2
Teil 2 Merke: kritische geistige Anstrengung wird massenhafter Konditionierung an jeder Ecke (tanzende Omas etc.) hochprofessionell hergestellt, mit Musik und installierten fröhlichen Gesichtern verfeinert, jede Erläuterung aus dem Hirn spülen, bevor die Welle das Ufer erreicht hat. Das Ufer der Kognition. Fröhlichkeit, Harmonie, glückliche Gesichter und gelöste Lockerheit mit verbalen Überzeugungen unterlegt, dockt in uns an emotionale Synapsen. Das kriegt der so förderlich „Verstand“ genannte Grübelkomplex noch nicht einmal im Ansatz mit. Kinderlächeln und tanzende Omas reichen völlig aus, um Massen in die Irre zu führen und Geldströme zu lenken.
#6 am 12.07.2018 von Karl-Heinz Licht (Medizinjournalist)
  3
#4: „und die Zahl arbeitsloser oder prekär beschäftigter Pharmazeuten nimmt zu.“ Huijujui! Da scheint einer vom Fach zu sein! Ich dachte, der Beruf wäre vor kurzem zum Mangelberuf erklärt worden und als Angestellter Apotheker kann man richtig gut verhandeln. Muss ich wohl schlecht informiert sein...
#5 am 11.07.2018 von Felix Maertin (Student der Pharmazie)
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Gast
Aktuell sieht man überall Reklame von DocMorris und die Zahl arbeitsloser oder prekär beschäftigter Pharmazeuten nimmt zu. Man läuft in den Städten teilweise alle 50 Meter an einer Apotheke vorbei. Dass das nicht so bleiben kann und bleiben wird, ist logisch. Der materielle "Überlebenskampf" in der Apothekerschaft wird wohl noch härter werden. Wer will es den Apothekern verdenken mit dem "Verkaufen (müssen)", vielleicht würde ich es genau so machen.
#4 am 11.07.2018 von Gast (Nichtmedizinische Berufe)
  11
Vitamine sollten ja auch nicht mit der Gießkanne, sondern gezielt substituiert werden. Ich bekomme gegen Polyneuropathie anstatt Pregabalin, was mir doch Nebenwirkungen verursacht hat, u.a Schwindel, was dann bei Gangunsicherheit suboptimal ist, Vitamin B12, Uridine Monophospat und Folsäure , und das hilft mir genauso gut und hat eben keine Nebenwirkungen. Bei Herzkreislauferkrankungen hat die sogenannte Mittelmeerdiät einen positiven Effekt ( vermutlich aber auch die mediterane Lebensweise an sich : Siesta Freunde haben, Sonnenschein und die Freude an gutem Essen in Gesellschaft. Nur Sport machen wie blöde ist gar nicht das, was die langlebigen Völker auszeichnet, das am Rande)). https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/53537/Mittelmeer-Diaet-schuetzt-vor-Herzinfarkt-und-Schlaganfall Anstatt Vitamine zu nehmen, könnte man Patienten ja auch empfehlen, zu kochen wie im Urlaub , beispielsweise mit Olivenöl.
#3 am 11.07.2018 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
  0
Die Überschrift ist eine Zumutung. Positiv gibts nicht. Könnte ja den Anzeigenkunden aus der Mainstream-Medizin verprellen. Es lebe die Jammerlappen-Berichterstattung. Danke.
#2 am 10.07.2018 von Dr. med. Eberhard J. Wormer (Arzt)
  13
Apotheker
Die Erklärungen sind gut und nachvollziehbar aber was soll das Apotheken-Bashing? Ich kenne keine Apothekenmitarbeiter, der die Absetzungen einer ärztlichen Therapie und stattdessen die Einnahme von Vitaminpräparaten empfiehlt. Wenn die Patienten solche Präparate kaufen wollen, dann haben sie die Informationen von irgendwelchen Quacksalberseiten aus dem Internet und Büchern. Ich als Apotheker kann ihnen dann den Quatsch nur schwer wieder ausreden, da Dr. Google doch "mehr Ahnung" hat als ich. Und solange sich die Patienten damit nicht Schaden und ihre verordnete Therapie fortsetzen, sollen sie sich die Vitamine doch zusätzlich einverleiben. Homöopathie wirkt doch auch, obwohl jegliche Studienlage dagegen spricht.
#1 am 10.07.2018 (editiert) von Apotheker (Gast)
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