Sunja-Marie isst nichts. Nur eine Flasche Kuhmilch.

04.07.2018

Sunja-Marie ist ein Sorgenkind. Am Wochenende hat sie zweimal erbrochen, kurz danach kaum gegessen. Zur Sicherheit fahren die Eltern direkt mal in die Kinderklinik. Samstag und Sonntag. Auch heute kann sich Sunja-Marie nicht erholen, weil sie zu Gast in meiner Praxis ist.

Sunja-Marie, zweieinhalb Jahre alt, hat am Samstagnachmittag zweimal erbrochen. Die Eltern fuhren mit ihr daraufhin in die nahegelegene Kinderklinik, trafen dort – schließlich war es schon 23:23 Uhr – auf den diensthabenden Arzt der Kinderklinik.

Untersuchung des Kindes. Eintrag des Kollegen: „Guter AZ, Gastroenteritis. Kind weint viel bei Untersuchung. Keine spezifische Therapie.“
Die Eltern fahren nach Hause. Sunja-Marie liegt um kurz vor 1 Uhr nachts in ihrem Bett.

Das Kind isst „nichts“!

Am nächsten Tag, Sonntag, isst sie „nichts“, so die Eltern. Auf genaueres Nachfragen trank sie morgens eine Flasche Kuhmilch. Aus der Flasche. Kuhmilch. Noch im Bett. Bis zum Mittag wollte sie nichts essen. Das Mittagessen verschmäht sie. Sie bekommt noch ein Flasche Milch.

Da das Kind auch am Abend „nichts“ gegessen hat, denken die Eltern, man könne mal Fieber messen. Ergebnis: „Achtunddreißigzwo, im Po“. Man fährt wieder in die nahegelegene Kinderklinik, diesmal etwas früher am Abend, immerhin 20:15 Uhr. Sie treffen auf die diensthabende Kollegin aus der Niederlassung.

Untersuchung des Kindes. Eintrag der Kollegin auf dem Vertretungsschein: „Kind esse nicht. Erbrechen am Vortag. Brüllt während der gesamten Untersuchung. Kein pathologischer Befund. Temperatur normal.“ Die Eltern fahren nach Hause. Schlafen gegen 23 Uhr.

Zorn und Abwehr der Sunja-Marie

Montag. Die Eltern fahren mit Sunja-Marie in unsere Praxis. Ohne Termin. Hier verbringen sie zwei Stunden, da zwischen 9 Uhr und 11 Uhr am Montagmorgen üblicherweise in Kinderarztpraxen der Punk abgeht. Allerdings mit geplanten Terminen. Die Eltern berichten alles, wie oben beschrieben. Auf meine Frage, was ich heute für sie tun kann, da schon zwei Kollegen am Wochenende das Kind gesehen haben, antworten sie: „Sie hat heute morgen nur ein halbes Toast gegessen. Und eine Flasche Milch. Außerdem nochmal checken, ob alles in Ordnung ist.“

Untersuchung des Kindes. Nicht angenehm für Sunja-Marie. Sie möchte keine Ärzte mehr sehen, möchte nicht mehr untersucht werden. Sie macht einen sehr vitalen (also abwehrigen, brüllenden, zornigen) Eindruck. Ich finde nichts Pathologisches an ihr.

Gespräch mit den Eltern über Krankheitsverläufe bei Kleinkindern, mangelndem Appetit, Fehlernährung im Kinderkrippenalter und Versicherung, dass das Kind vermutlich kerngesund sei.

Vater: „Dann kommen wir vielleicht am Mittwoch nochmal. Zur Sicherheit.“


 

Bildquelle: Your Best Digs, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 09.07.2018.

59 Wertungen (4.56 ø)
19675 Aufrufe
Medizin, Pädiatrie
Um zu kommentieren, musst du dich einloggen. Einloggen
Gast
#1 Zitat: .."Und nein, den Zauberstab zum wegzaubern haben sie mir an der Uni leider nicht gegeben"... Der Satz hat mich jetzt wirklich schockiert. Mit Empathie hat das nun so gar nichts zu tun. Besorgte Eltern mit einem solchen Satz abzubügeln..... :( Ich will als Patientin und schon gar nicht als besorgtes Elternteil solche unsäglich dümmlichen Aussagen hören. Vielleicht ergibt es sich in Ihrem Studium ja, dass ein paar Einheiten "Patientengespräche" als Lehrinhalt vermittelt werden. Schaden wird Ihnen das ganz sicher nicht. So richtig sauer ich bin
#12 am 16.07.2018 von Gast (Nichtmedizinische Berufe)
  21
Naja, so ganz unschuldig sind die Kinderärzte da aber auch nicht. Mein Kleiner ist mal abends auf den Hinterkopf gefallen, ließ sich danach aber gut trösten und war auch sonst gut beieinander, also habe ich ihn nur engmaschig überwacht - zu Hause. Am nächsten Tag ging es ihm weiterhin gut, aber er war minimal verändert in seinem Verhalten, ein klein bißchen weniger lebhaft, ein klein bißchen mehr müde, ein klein bißchen weniger gut konzentriert usw. - ergo minimale neurologische Softsigns. So reifte bis zum Ende des Tages der Entschluß, ihn vorsichtshalber doch mal in der Kinderchirurgie vorzustellen, aber nicht so spät am Abend, lieber am nächsten Tag, wenn er ausgeschlafen ist. Am nächsten Tag dann dort angerufen, ja, wir sollen vorbei kommen, Anamnese mit kritischen Fragen, Untersuchung o.b.B. Allerdings war dies aufseiten der Klinikärzte keineswegs Anlaß zur Freude, sondern Anlaß für scharfen Tadel, weil wir wegen der kleinen Beule nicht sofort in die Kindernotaufnahme geeilt sind.
#11 am 10.07.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  6
Gast
Ja, liebe "Kinderärztin"... das kann gut gehen, das geht sogar meistens gut. Und wenn es nicht gut geht, dann war's halt doch was schlimmes. Klar, ich hab gut reden... an der Uniklinik kommt das an, was halt doch nicht nur "hysterische Eltern" war, sondern die nekrotisierende Encephalitis, der Hirntumor, die Meningitis und weiß der Kuckuck was noch. Ex post kann man dann immer triumphieren, dass entweder die Eltern hysterisch sind, oder aber der Kinderarzt geschlafen hat... ex ante sieht's oft anders aus. Und dann wünscht sich der Laie vielleicht ne "Expertenmeinung"... ich hab als Kind auch ganz viele Brechdurchfälle mit Kotzkübel am Bett überlebt. War halt nie ne Meningitis oder ein Hirntumor dabei bisher. Übrigens: das Kind mit der nekrotisierenden Encephalitis war von der Mutter bei 2 Notdiensten vorgestellt worden. Antwort 1 (telefonisch): das geht grad rum. Antwort 2: Paracetamol oder so was in der Richtung. Arztkontakt 3 war dann der Notarzt unter Reanimationsbedinungen.
#10 am 10.07.2018 von Gast (Studentin der Humanmedizin)
  19
Kinderärztin
es ist durchaus spannend zu sehen, wie WIR alle ticken. Wieso ist ein Kind, das zweimal erbricht, überhaupt KRANK im Sinne von BEHANDLUNGSBEDÜRFTIG? Hier wird von Eltern unser Gesundheitssystem mehrfach in Anspruch genommen, weil das Kind 2x erbrochen hat!!! Und laut allen Kollegen, die es untersucht haben, war es fit und hat massive Abwehrreaktion gezeigt. Hieran krankt unser System: wir haben so sehr internalisiert, daß 2x Erbrechen = behandlungsbedürftig und krank ist und haben tausend Behandlungstips und denken und rechnen... Vor nicht allzu langer Zeit, jedoch auch jetzt nur ein paar hundert Kilometer weiter, würde man einen Eimer neben das Bett stellen, das Kind betüddeln und am nächsten Morgen wäre alles gut. Hier wird das Kind von einer Notaufnahme in die andere gezerrt, anstatt schlafen zu dürfen. Wir alle, nicht nur die Eltern, haben den Maßstab verloren. Alles, was nicht 100% ig in Ordnung ist, ist krank und behandlungsbedürftig... Das vermitteln auch wir im Gesundheitssystem...
#9 am 10.07.2018 von Kinderärztin (Ärztin)
  4
Öhm, ich wäre dann doch überrascht, wenn der kleine Schluckspecht tatsächlich jeden Morgen einen ganzen Liter Vollmilch verputzt, denn nur so käme der Wonneproppen auf stolze 680 kcal pro Flasche. Zum Vergleich: Bei 30%iger Schlagsahne müßte sie immer noch rund 230 g runterbringen um auf 680 kcal zu kommen. Realistischer wäre anzunehmen, daß der Zwerg nicht mehr als eine große Pulle mit 300 ml Vollmilch zu 3,8 % Fett bekommt - das wären dann "nur" ~ 200 kcal.
#8 am 10.07.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  2
Gast
Warum nur verunsicherten Eltern etwas "raten", anstatt dazu gleich einen schriftlichen Fahrplan mit Ernährungsvorschlägen für die Zeit einer Gastroenteritis mitgeben, an denen sie sich halten können? So haben es vor ein paar Jahrzehnten bereits die Kinder- und Hausärzte gehalten - da gab es noch keinen PC und Drucker, der wurde fein säuberlich mit der Schreibmaschine aufgesetzt und vervielfältigt....
#7 am 10.07.2018 von Gast (Pharmazie-Ingenieurin)
  2
Ich glaube eher, es geht darum, dass diesen Eltern gar nicht bewusst ist, dass Milch ein Nahrungsmittel ist und kein Getränk. Nehme mal an, es ist so eine Biovollmilch mit 3,8 % Fett, dann hat die Süße mit ihrem Fläschlein schon morgens ca. 680 kcal weggenuckelt. Gehen wir davon aus, dass der tägliche Kalorienbedarf bei ca. 1250 Kalorien. liegt, dann hat Sunja- Marie mit zwei Flaschen den abgedeckt. Kein Wunder, dass sie nix isst bzw dass ihr sogar übel ist.
#6 am 09.07.2018 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
  8
Gast
Das mit der Verunsicherung durch "mangelnde Familienstrukturen" wird immer wieder behauptet. Aus meiner Erfahrung mischen die Großmütter kräftig mit bei der Panikmache. Immer wieder berichten Mütter, dass sie sich schon gedacht hätten, dass es nur ein kleiner Infekt sei, aber die (Schwieger-) Mutter habe zum Arztbesuch gedrängt. Ich glaube, dass die heutzutage immer verfügbaren Weisheiten aus dem Internet an der großen Verunsicherung schuld sind. Wer googelt, stößt immer auf irgendetwas Horrormäßiges, das scheinbar zu den Symptomen passt. Das ist wie beim Horoskop, das passt auch immer irgendwie......
#5 am 09.07.2018 von Gast (Ärztin)
  4
Naja, vielleicht deutet sich da eine beginnende Laktosunverträglichkeit an? So oder so ist es schon eine eher blöde Idee, ein reiherndes Kleinkind mit literweise Kuhmilch abzufüllen. Ich hätte für die nächsten Tage eine kuhmilchfreie Diät verordnet und ein detailliertes Protokoll bzgl. Aufnahme und Ausscheidung fester wie auch flüssiger Komponenten angefordert. Offenbar haben die Eltern viel Zeit ...;)
#4 am 09.07.2018 (editiert) von Annika Diederichs (Tierärztin)
  10
Gast
Ohja, das kennt man! Wäre interessant zu wissen, ob wirklich keiner der Kollegen was zum Thema "Diät" bei GE gesagt hat (von wegen dauernd Kuhmilchflasche)....Ich versuche auch immer, die Eltern dahingehend zu beraten, auf was sie achten sollen und wann (und möglichst NUR DANN) nochmals wiederzukommen. Das mit der "Sicherheit" ist natürlich Käse. Mit "Sicherheit" kann man sagen, dass eine Kinderarztpraxis der ideale Ort ist, um sich vor der geplanten Urlaubsreise noch schnell einen Infekt aufzugabeln, wenn man sein eigentlich gesundes Kind dort "sicherheitshalber" nochmals vorstellt.....
#3 am 09.07.2018 von Gast (Ärztin)
  3
Hallo Kinderdok, nach der Lektüre bleibt für mich unklar, was die Botschaft des Artikels ist. Weisen Sie darauf hin, wie problematisch es in unserer Gesellschaft ist, wenn die klassischen Familienstrukturen nicht mehr bestehen? Früher wohnten Eltern und Großeltern gleich nebenan und die hätten in so einer Situation ihre Erfarhungen an die völlig verunsicherten jungen Eltern weitergegeben. Heute geben die besorgten Eltern die Symptome eher in eine Suchmaschine ein. Sie lesen die möglichen Ursachen und machen sich sofort auf den Weg in die Notaufnahme! Oder plädieren Sie für mehr Kommunikationstraining für Ärzte? Denen ist es am Wochenende jedenfalls nicht gelungen, nach der Untersuchung des Kindes so auf die Ängste der Eltern einzugehen, dass diese sich wrklich beruhigt fühlten und auf den Rat der Ärzte vertrauen konnten.
#2 am 09.07.2018 von Dr. Christopher Dedner (Arzt)
  34
Ihr Kind ist ein bisschen krank, sowas gibt es bei Kindern schonmal.... Es könnte sogar sein dass ihr Kind morgen immer noch ein bisschen krank ist! Und nein, den Zauberstab zum wegzaubern haben sie mir an der Uni leider nicht gegeben.
#1 am 09.07.2018 von Sonja Kupfer (Studentin der Humanmedizin)
  32
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Mutter: „Wir waren ja auch schon mal beim Osteopathen. Die hat auch gesagt, das Kind sei völlig in mehr...
Die Tüte Eis wäre zumindest bei sommerlichen Temperaturen eine vertretbare Ausnahme. Aber das Nonstop-Gefuttere mehr...
Heute hatte ich folgende Patienten bei mir in der Praxis. Was haben sie alle gemeinsam gehabt? Dreijähriger mit mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2018 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: