Wegschicken dauert länger als Behandeln

04.07.2018

Patient kommt mit Zecke in die Notaufnahme. Es ist kein Notfall. Das weiß er. Das weiß ich. Also muss ich ihm sagen, dass er hier nicht richtig ist und erkläre ihm, wie er die Zecke selbst entfernen kann. Das kostet mich acht Minuten. Zecke entfernen wäre schneller gewesen.

Die Urlaubszeit steht an. Wie jedes Jahr gibt es im Sommer die Zeckenbisse, Insektenstiche, Fremdkörper in Fußsohlen und Fingerkuppen. Und wie jedes Jahr landen diese Patientin in der Notaufnahme. Zusätzlich kommen auch noch viele Patienten, die keinen zeitgerechten Termin (also noch vor dem Urlaubsbeginn) beim Facharzt oder Hausarzt bekommen haben. Die Notaufnahmen brechen unter dieser Belastung beinahe zusammen.

Die neuesten Ideen, dieses Problem zu lösen, sind mal wieder Notfallpauschalen. Die Patienten sollen für die Behandlung in der Notaufnahme eine Gebühr bezahlen. Nur wer ein „echter“ Notfall ist, bekommt sie zurück erstattet. Ein bürokratisches Konstrukt, das in der Umsetzung zu viel Geld verschlingen wird. Wer soll denn das Geld einsammeln? Verwalten? Zurückschicken? Briefe, Zettel, noch mehr Verwaltung. Aber das ist ja nicht das einzige Problem. Wer entscheidet denn, was ein Nofall ist?

Der Selbstversuch

Ein Versuch ist es wert. Erkläre ich also den Patienten heute Nacht einmal, dass sie kein Notfall sind. Das mache ich sonst übrigens auch. Ich erkläre und fordere sie freundlich dazu auf, das nächste Mal bitte auf den Termin beim Orthopäden oder Hausarzt zu warten. Ansonsten gibt es einen Notfalldienst, der sich um Bagatellfälle kümmert. Die „116117“ wird auf einen Zettel geschrieben und mitgegeben. In manchen Teilen Deutschlands gibt es sogar Portalpraxen oder Hausärzte, die sich werktags in der Notaufnahme um Patienten mit leichteren Beschwerden kümmern.

Heute aber werde ich sie tatsächlich nicht behandeln und weiter verweisen. Ich bin gespannt. 

Fall 1: Zecke. Ihm zu erklären, wie er die Zecke selbst entfernen kann, kostet mich 8 Minuten. Resultat? Die Schwester macht es. 

Fall 2: Insektenstich mit geringer Rötung. Soll bitte morgen zum Hausarzt. 6 Minuten Diskussion. Er verlässt wutentbrannt die Notaufnahme. 

Fall 3: Sehr wahrscheinlich eine leichte Sehnenscheidenentzündung nach Überlastung. Es kostet mich 10 Minuten Diskussion, ihr zu erklären, dass sie damit morgen zum Hausarzt muss. Ich werde deshalb am nächsten Tag eine Stellungnahme ausfüllen müssen. Ihre ärgerliche Email landet nämlich direkt bei meinem Chef. Zeitaufwand: weitere 10 Minuten.

Fall 4: Schulterschmerzen seit 4 Wochen, Termin beim Orthopäden erst in 3 Wochen. Aber der Urlaub beginnt am Samstag. 10 Minuten Diskussion um 16.30Uhr, die, trotz aller Besänftigungsversuche meinerseits, seitens des Patienten in Gebrüll ausartet. Die Diskussion hinterlässt einen völlig verstörten, aufgescheuchten Haufen wartender Patienten und Angehöriger, die nun alle mit erhöhtem Blutdruck die Notaufnahme blockieren.

Die Luft im Wartebereich ist nun zum Schneiden. Der Patient wird übrigens um 1 Uhr nachts wiederkommen. Er hatte gehofft, auf einen anderen Arzt zu treffen. Tja, dem ist nicht so. Weitere 10 Minuten. 

Fall 5: Der Holzsplitter im Daumen (der halb aus dem Finger heraus schaut?) nickt versöhnlich, als ich ihn damit zum Bereitschaftsdienst schicke. Den Fremdkörper selbst zu entfernen, traut er sich nicht?! 2 Minuten. 

Fall 6: Ein junges Mädchen mit unspezifischen Rückenschmerzen, die sich bei Bewegung verschlimmern. Sie weigert sich, zu gehen. Sie versichert mir, eine Wartezeit von 6 Stunden sei kein Problem. Besser als die 4 Wochen beim Orthopäden.

Bei den Internisten ist es um einiges Schlimmer. Unwohlsein, AZ-Verschlechterung, Kopfschmerzen, Übelkeit ohne Erbrechen. Die Liste ist grausig.

Die Bilanz

Die Bilanz ist ernüchternd. Die Patienten zu behandeln, anstatt mit ihnen zu diskutieren, hätte mich weniger Zeit und Nerven gekostet. Wer in die Notaufnahme kommt, möchte auch behandelt werden. 

Gefühlte 80 Prozent der Patienten wissen von dem Problem und kennen auch das System. Also ist nicht davon auszugehen, dass sie deshalb in die Notaufnahme gehen, weil sie keine Alternative kennen. Die Alternative in Anspruch zu nehmen, kostet sie jedoch Wartezeit, die sie nicht investieren wollen. Sie möchten eine Diagnose, jetzt, sofort. 

Kleinkindpädagogik

Mit ihnen zu diskutieren, erinnert mich an die Diskussionen mit einem Kleinkind. Sie enden in Tränen. Ihnen zu sagen, dass ihre Beschwerden nicht schlimm genug für die Notaufnahme sind, endet in schauspielerischen Einlagen à la Neymar. Pädagogischen Wert haben sie übrigens nicht. Sie werden auch im nächsten Fall wieder in die Notaufnahme marschieren. 

Ob daran die Notfallpauschale etwas ändert? Sicherlich! Die schauspielerischen Einlagen werden oscarverdächtig, der bürokratische Zettelaufwand in der Notaufnahme wird einen weiteren Regenwald verschlingen. Noch mehr Zeit wird mit nicht medizinschen Tätigkeiten verbraucht. Anstatt Patienten zu behandeln, werde ich diskutieren und Unterschriften einsammeln müssen. 

Lösungsansätze

Die Fallpauschalen werden das Grundproblem nicht lösen. 

Wir brauchen ein Gesundheitssystem, das präventiv und aufklärend arbeitet. Aufklärungskampagnen, die Patienten zur Selbsthilfe anleiten. Apps, die Patienten zeigen, wann sie zum Hausarzt/Facharzt/Notdienst oder in die Notaufnahme müssen. Ärzte, die das „Sofort-Problem“ lösen.

Erste Versuche gibt es zum Beispiel über meinarztdirekt.de. Ein Online-Sprechzimmer, das sicherlich einen guten Anteil der Patientenfragen klären kann, ohne die Sprechstunde zu blockieren.

Ansonsten gibt es nur eine andere Lösung: die Gesellschaft verändern. Eine Gesellschaft zu schaffen, in der die Menschen für sich selbst Verantwortung übernehmen. Die auch mal etwas aushalten und warten können. Eine Gesellschaft, in der sich die Menschen nicht immer auf andere verlassen oder erwarten, dass ein anderer das eigene Problem löst. Eine Gesellschaft, in der die Menschen in ihre Gesundheit investieren wollen, die ihren Körper kennenlernen wollen und sich mit Psyche und Angst beschäftigen. Eine Gesellschaft, in der sich die Menschen selbst informieren.

 

Bildquelle: per Corell, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 04.07.2018.

74 Wertungen (4.74 ø)
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Ich habe eine eigene Praxis (Urologe), habe jahrelang als Honorararzt in einer internistischen Notaufnahme gearbeitet und mache hin und wieder ÄBD-Dienste. Kenne also alle drei Seiten. Am besten funktioniert es in Kliniken mit integrierten ÄBD-Bereitschaftspraxen. Hier könnte man sicherlich die Öffnungszeiten erweitern, die Stundensätze für die Ärzte und Personal anheben etc. Aber dort wo es die Portal-Praxen gibt, funktioniert es doch recht gut.
#7 vor 13 Tagen (editiert) von Waldemar Hanikel (Arzt)
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Student
Der Vorschlag mit dem informierten Patienten gefällt mir sehr, auch ich bin mir oft nicht sicher ob ein Besuch beim Arzt nötig ist (Student 2. Semester HM), in die Notaufnahme würde ich natürlich nicht gehen. Eine App a la Amboss mit einfachen Erklärungen und RedFlags zu den häufigsten Fällen könnte sicher vielen Patienten helfen. (Vielleicht mal an Herrn Spahn und die BZfgA weitergeben) Ignoranz wird man damit leider nicht bekämpfen können, aber hier noch ein Anreiz: gar nicht erst in die Notaufnahme zu gehen reduziert die Wartezeit auf 0min!
#6 vor 13 Tagen von Student (Student der Humanmedizin)
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Gast
Ich bin für den Weg des letzten Absatzes! Das scheint mir unbedingt nötig. Nur: wie kriegt man das Rad zurückgedreht, wo doch schon Jahrzehnte vorher in Wirtschaftsboomzeiten das Versprechen von mehr als Vollversorgung zu solchen regressiven Haltungen in jetzt mehr als einer Generation geführt hat? Die Rund-um-die-Uhr-Direktversorgung per Telefon sorgt wahrscheinlich eher nicht dafür, dass sich die Menschen an Warten und Selbsthilfe und -beruhigung gewöhnen.
#5 vor 14 Tagen von Gast (Arzt)
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@Karen Pelz Vom Prinzip her 100% richtig, leider ist die Notaufnahme in dem Fall auch die falsche Anlaufstelle.
#4 vor 14 Tagen von Emmanouil Papamanolis (Arzt)
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Der letzte Absatz trifft den Kern soooooo gut!
#3 vor 14 Tagen von Dr. med. Andreas Wolff (Arzt)
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Es kristalliert sich heraus, dass viele Patienten in die Notaufnahme gehen, weil sie beim Facharzt erst in 3 - 8 Wochen einen Termin bekommen. Die einzigen Ärzte, die das nicht machen, sind die Zahnärzte, die nehmen Notfälle dran. Wie machen DIE das? Mein Orthopäde bietet übrigens morgens um 8 eine Notfallsprechstunde an . Meine Hausärztin auch um 8 und dann nochmal um 15.00. Könnte man das verpflichtend machen? Durch die Budgetierung hatte meine Hausärztin im Dezember keinen Spielraum mehr für KG . Würde man die wieder rausnehmen, könnte auch der Hausarzt erstmal die Behandlung einleiten, wie im Falle der Patientin unten nötig gewesen wäre( außer Schmerzmittel noch zusätzlich KG)
#2 vor 14 Tagen von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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Ich verstehe Sie sehr gut, kenne aber auch die andere Seite der Medaille. Beispiel: Patientin hat sich verhoben, quält sich drei Tage, geht dann zum Hausarzt und kommt mit der Megapackung Schmerzmittel heim. Die Höchstdosis hilft nicht, am Wochenende fährt der Mann sie in die Bereitschaft Elisenhof München, andere Schmerzmittel werden verschrieben, helfen nicht. Am Montag zum Orthopäden, der gibt ihr einen Termin in 6 Wochen als Kassenpatientin. Die Frau hat drei Kinder, ist selbständig und voll berufstätig - da ist nix mit warten und aushalten. Da hätte es praktische Hilfe gebraucht in Form einen chiropraktischen Griffs, der das verhängte ISG wieder richtet und ein Rezept für den Physio.
#1 vor 14 Tagen von Karen Peltz (Heilpraktikerin)
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