Ich trage Helm. Punkt.

21.06.2018

Ein Fahrradhelm auf dem Kopf sieht nicht so richtig gut aus und er zerstört die Frisur. Das sind die Top-Einwände von Helmverweigerern und ja, sie sind wahr. Dennoch ist meine Meinung zum Thema Helmtragen: Ich bin Arzt. Ich bin dafür.

Wer seinen Helm beim Fahrradfahren richtig aufzieht (keine Mütze oder Tuch drunter, mittig sitzend, nicht zu weit vorne oder hinten, logisch: richtige Größe, ein Finger Luft zwischen Kinnriemen und Kiefer – auch mit einem Sicherheitsgurt im Auto kann man sich strangulieren usw.), hat für seine persönliche ureigene egoistische Sicherheit mehr getan, als ohne zu fahren. Punkt.

Einwände gibt es genug

Dass eine Helmpflicht eventuell manchen Leuten den Spaß am Radfahren verdirbt (ja, es sieht auch Schiet aus und die Frisur ist hinüber), kann ich nachvollziehen, auch die Studien (Australien? aber wohl ohne „Kontrollgruppe“, dürfte schwierig sein) verstehe ich. Ich konnte auch die gesamtgesellschaftliche Rechnung verstehen, dass ein Rückgang der Fahrradfahrer bei Einführung der Helmpflicht zu einer erhöhten Anzahl an Gefäßerkrankungen und Adipositas führen würde, d.h. die Gesamtgesundheit sinke – geschenkt. Denn schließlich gibt es noch andere Sportarten, und wer es ernst meint mit der Gesundheitsvorsorge, der wird sich anderweitig betätigen oder doch einen Helm tragen.

Risiko ist Risiko

Es geht um das persönliche Risiko. Und die persönliche Vermeidung schwerer Schädel-Hirn-Traumata, in der Unfallaufnahme siehst du genug von dem Zeugs. Für unsere Kinder denken wir weiter, sie können das für sich noch nicht entscheiden, also „verordnen“ wir ihnen in der Regel einen Helm. Meine Kinder argumentieren manchmal „ich fahre nur kurz zur Steffi“ oder „ich fahre schon vorsichtig“ – auch das, geschenkt. Es sind immer die anderen, die dämlich und gefährlich fahren, davor schütze ich meine Kinder.

Regeln aufstellen und sie selbst ignorieren

Da Kinder aber besser kapieren, wenn die Eltern das gleiche machen, trage ich einen Helm. Ich möchte nicht, dass meine Kinder rauchen, also rauche ich nicht. Ich möchte, dass meine Kinder sich gesund ernähren, also esse ich auch gesund (jaaa, mit all den süßen Sünden, die auch dazugehören). Meine Kinder dürfen im Auto hinten sitzen und hatten altersentsprechende Rückhaltesitze, für ihren eigenen persönlichen Schutz. Sie tragen Helme und Protektoren beim Inlinern (wie übrigens sicher 80 % der Inlinerfahrer, nicht repräsentative Zählung im Schloßpark vor fünf Wochen).

Es gibt keine Helmpflicht, aber es gibt die Vernunft

Es gibt also keine Helmpflicht, auch keine indirekte durch die soeben gekippte Mitschuld bei Unfällen ohne Helm. Das ist für mich in Ordnung. Denn wenn man daran rührte, dann müssten wir auch über erhöhte Versicherungsbeiträge für Skifahrer, Fallschirmspringer, Raucher und Säufer nachdenken. Im Haushalt gilt ähnliches. Es ist sehr schwierig, hier die richtige Grenze zu ziehen. Bei der Helmpflicht für Motorradfahrer und der Anschnallpflicht hat man das schließlich auch getan.

Also denke ich an mich persönlich und meine Schutzbefohlenen. Denn ich bin Arzt. Daher trage ich selbst Helm, sage das meinen Kindern, empfehle das den Kindern meiner Praxis und lächele über die Eltern, die das nicht tun und sich wundern, wenn sie mit ihren Kindern streiten müssen.

 

Bildquelle: Les Chatfield, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 02.07.2018.

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Medizin, Pädiatrie
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@ #15: Ihnen muß schon klar sein, daß Fahrradfahren für Kinder von Helikoptereltern nur bei gutem Wetter und angenehmen Temperaturen infrage kommt. An allen andern Tagen nimmt man aus Sicherheitsgründen natürlich den adrett gepanzerten SUV für sämtliche Strecken >50 m.
#16 am 10.07.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  5
Gast
Zitat: "Dennoch ist meine Meinung zum Thema Helmtragen: Ich bin Arzt. Ich bin dafür. Wer seinen Helm beim Fahrradfahren richtig aufzieht (keine Mütze oder Tuch drunter, mittig sitzend, nicht zu weit vorne oder hinten, logisch: richtige Größe, ein Finger Luft zwischen Kinnriemen und Kiefer – ..." Weshalb keine Mütze oder Tuch (oder/und Stirnband) darunter.....? Schon einmal bei eisigem Wind gefahren?
#15 am 10.07.2018 (editiert) von Gast
  3
Nah dran. Kinder müssen nicht per se Helme tragen, aber deren Eltern müssen entscheiden, ob sie es sollen.
#14 am 04.07.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  1
Dr. Peveling verstehe ich so, dass er die solidarisierten Kosten für Akutbehandlung, Reha, Hilfsmittelversorgung usw. meint, die evtl. durch das Tragen eines Helms verhindert werden könnten. Das ist auch richtig. Aber dann müssten andere selbstgewählte Risiken auch sanktioniert werden, was aber zum Glück nicht geschieht. Skiunfälle, Sprünge in den See, abgelenkt Auto fahren und dergleichen mehr. Kinder können die Verantwortung nicht übernehmen und sind ablenkbarer. Sie müssen Helme tragen.
#13 am 04.07.2018 von Sylvia Robinson (Ärztin)
  1
Gast
...Ich trage Helm und meine Kinder auch
#12 am 04.07.2018 von Gast (Medizinphysiker)
  0
Richtig, darum dürfen Sie auch jederzeit einen Helm tragen, wenn Sie das wünschen; gerne auch jetzt, in diesem Augenblick.
#11 am 04.07.2018 (editiert) von Annika Diederichs (Tierärztin)
  14
Gast
Mit meiner Freiheit als Einzelner ist es vorbei wenn ich behindert bin weil ich keinen Helm trug.
#10 am 04.07.2018 von Gast (Medizinphysiker)
  6
Bevor wir also daher gehen und ein riesen Geschrei anfangen, weil jemand seinen eigenen Kopf nicht mit einem Fahradhelm schützt, weil er dann ja ganz eventuell zusätzliche Kosten im Gesundheitssystem verursachen könnte, sollten wir erst mal dort hinsehen, wo Menschen ihre Freiheit derart "asozial" ausnutzen, daß sie andere Menschen regelmäßig in akute Lebensgefahr bringen. Denn das Gekreische um Fahradhelme u.ä. lenkt von den sehr viel gefährlicheren Problemen ab. Wer einen Helm tragen möchte, kann das tun, wer es nicht tun, bringt nur sich selber in Gefahr. Will man also "einzelne dieser Risiken durch geeignete Maßnahmen reduzieren", dann doch bitte erstmal solche, durch die andere gefährdet werden. Solche Maßnahmen, mit denen der einzelne vorwiegend sich selber schützt, sollten nur in Ausnhamefällen zur Verpflichtung werden, weil die Freiheit des einzelnen im Regelfall höher zu gewichten ist, als potentielle volkswirtschaftliche Folgen einer selbstgewählten Selbstgefährdung.
#9 am 04.07.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  7
Selbstverständlich kann man "einzelne dieser Risiken durch geeignete Maßnahmen reduzieren". Darum geht es gar nicht, sondern darum, ob diese Maßnahmen freiwilig ergriffen werden oder ob eine Maßnahme aufgezwungen wird. Selbstredend kann man auch bei jeder denkbaren Maßnahme argumentieren, daß eine Nichteinhaltung zu einer "Mehrbelastung Dritter" führen könnte. China bspw. setzt dieses Prinzip im großen Stil um, da steht das Wohl der Gesamtbevölkerung weit über der Freiheit des Einzelnen. Bei uns ist es das genaue Gegenteil, da rasten die Menschen schon aus, wenn eine Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen diskutiert wird. Und beim Thema Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen geht es nicht um kleinkrämerhafte Gedanken um eine potentielle "Mehrbelastung Dritter" durch imaginierte Kostensteigerungen im Gesundheitssystem, wenn jemand seinen eigenen Kopf nicht mit einem Fahradhelm schützt. Beim Thema Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen geht es darum, daß Raser andere Menschen töten.
#8 am 04.07.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  4
Gast
Die Frau Dietrich schnallt sich im Auto nicht an und fährt auch bei rot über die Ampel?
#7 am 03.07.2018 von Gast
  10
#4: Selbstredend kann man allen Lebensrisiken selbst durch maximale Schutzmaßnahmen nicht entkommen. Aber man kann sehr wohl einzelne dieser Risiken durch geeignete Maßnahmen reduzieren. Verzichtet man bewusst auf solche Maßnahmen, resultiert nicht nur eine vermehrte Gefährdung des Einzelnen, sondern oftmals auch eine Mehrbelastung Dritter. Ich hoffe, das war nun verständlicher ...
  7
@#4: Sowas nennt man Lebensrisiko, das ist immer da und dem kann man selbst durch maximierte Schutzmaßnehmen nicht entkommen, weshalb der Staat auch keine maximalen Schutmaßnahmen vorschreibt. Wollte man alle potentiellen Lebensrisiken ausschließen, bliebe am Ende kein Leben übrig. @#1: Oha, gleich mal die Keule rausgeholt, anstatt zu argumentieren. Nunja, jeder wie er kann.
#5 am 03.07.2018 (editiert) von Annika Diederichs (Tierärztin)
  13
@#2 Es geht in diesem Beitrag nicht um Zwang, sondern um eine vernünftige Empfehlung. Wer solche "Kommentare" wie #2 abgibt hat überhaupt keine Ahnung, welches Elend sich in Unfallkliniken abspielt!
#4 am 03.07.2018 von Ulrich Sallen (Arzt)
  6
@#3 Scheint mir, als wäre der Artikel nicht richtig verstanden worden. Focus liegt auf Vernunft und eben nicht auf Zwang.
#3 am 02.07.2018 von Anne-Katrin Diedszun (Mitarbeiter Industrie)
  6
Gast
Zwangshelm, Zwangsimpfung, Zwangsvorsorgeuntersuchung, Zwangsmedikamenteneinnahme, Zwangsoperation, Zwangsneurose, Zwangsjacke Protektoren für Fußgänger, Helme für Fußgänger und natürlich auch zu Hause... sonst zahlt die Versicherung nix falls man vom Stuhl fällt... Wohin manövriert uns die "wir Meinens doch nur gut - Entmündiger" ??? So wie die Staaten durch die EU entmündigt werden und alle die neuen Grenzwerte von USA zu schlucken haben und noch ein bisschen Statine... etc. der Blutdruck ist mittlerweile auch zu hoch bei 120/70 ??? Arme Verunsicherten, so kommt nie Sicherheit und Ruhe in euer Leben.
#2 am 02.07.2018 von Gast (Physiotherapeut)
  73
Keinen Fahrradhelm zu tragen ist „asozial“, und zwar (im Schadensfall) der Solidargemeinschaft gegenüber.
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