Harter Aufprall nach Elternzeit

20.06.2018

Nach einem Jahr Elternzeit ist heute mein erster Arbeitstag. Und zwar in einer neuen Klinik. Vereinbart ist: Eine Arbeitszeit von 80 Prozent, maximal 12-Stunden-Dienste, eine anfängliche Schonfrist. Fakt ist: Eine Kollegin ist ausgefallen. Es gibt jetzt einen neuen Dienstplan.

Ich bin fast noch motivierter als zu Beginn meiner Assistenzarztzeit. Ich habe nun einen konkreten Plan. Meine Ziele und Prioritäten sind klar.

Mein Kind ist zum Teil in einer Kita versorgt. Außerdem werden mein Mann und ich beide mit 80 % zurück in unsere Berufe starten und die Großeltern sind fest mit eingeplant. Ein organisationsreiches Konstrukt, das wochenweise geplant, verworfen und verändert werden muss. Aber alles andere wäre auch mit einem Kleinkind nicht zu erwarten.

Den Dienstplan habe ich schon einen Monat im Voraus bekommen, die ersten paar Wochen werden mir eine „Schonfrist“ eingeräumt, um mich mit dem System und der Klinik vertraut zu machen. Statt der 24-Stunden-Dienste werden mich hier am Wochenende maximal 12-Stunden-Dienste erwarten, unter der Woche beginnen die Nachtdienste erst am Nachmittag. Eine Variante, mit der ich leben kann.

Anders als erwartet

In der Morgenbesprechung werde ich freudig begrüßt. 

„Frau Müller, schön, dass Sie da sind. Sie werden bereits erwartet. Leider ist eine Kollegin kurzfristig abgesprungen und bei einem weiteren Kollegen konnten wir die Probezeit nicht verlängern. Somit gibt es akutell ein paar Löcher zu stopfen. Aber mit Ihrer Erfahrung sollte das kein Problem sein.“

Da ist er. Der erste Aufprall. Als der Assistentensprecher noch mit dem nun veränderten Dienstplan (Schonfrist?) auf mich zukommt, sind meine hohen Erwartungen auf dem Boden der Tatsachen zerplatzt. 

Ich bekomme vom Kollegen eine 30-minütige Einweisung in das Computersystem und die Passwörter der „abgesprungenen“ Kollegin. Die mit 35 Mann belegte Station gehört heute mir. 

Ohne Hilfe geht es nicht

Mein Gesicht muss tausend Bände sprechen, als ich in das Stationszimmer einlaufe. Mit einem Übergabe-Fresszettel und den notwendigsten Informationen über die Patienten stehe ich vor der Stationsleitung und den erwartungsvollen Gesichtern der Schwestern. 

„Ich bin Dr. Lieschen Müller. Ihr dürft gerne ‚Du‘ sagen und heute ist mein erster Tag hier. Heute werde ich für die Station zuständig sein, aber ohne Hilfe werde ich das nicht schaffen.“

Ich bekomme ohne zu fragen einen Kaffee in die Hand gedrückt. Die Leitung erklärt mir in kurzen Sätzen den Ablauf des Tages. Die Schwestern werden die Visite begleiten, einen Blick mit auf die Labore werfen. Sie markieren mir die anstehenden Entlassungen in Grün. Die roten Punkte auf der Liste sind die Problemfälle. Die Schwestern retten mir heute (mal wieder) den Hintern. Sie informieren mich über Elektrolytentgleisungen und über ein fehlendes Röntgenbild vor Entlassung. Außerdem hinterfragen sie die Marcumardosierung eines Patienten, der gar keines haben sollte. Weitaus mehr, als das, was sie eigentlich tun müssten.

Plötzlich ist es Nachmittag

Und dann ist plötzlich der Tag vorbei. In einem Arbeitstempo, das ich mir selbst nicht zugetraut hätte, wird eines nach dem anderen erledigt. Schritt für Schritt. Ich bin mir sicher, dass ich sehr vieles vergessen oder übersehen haben muss, aber im Großen und Ganzen war es irgendwie (pausenlos) machbar. Als um 14 Uhr30 der Oberarzt aus dem OP anruft und fragt, ob ich den gebrochenen Radius operieren möchte, stimme ich liebend gerne zu. Ich genieße die Ruhe im OP und meine Hände scheinen die bekannten Griffe nicht verlernt zu haben. Der Oberarzt ist zufrieden.

In der Nachmittagsbesprechung zerfällt allerdings das letzte Stückchen Hoffnung. Die abgesprungene Kollegin hat sich für die nächsten 3 Wochen krank gemeldet, den Vertrag gekündigt. Die Assistenten wollen sich um 16 Uhr 30 zusammen setzen und einen Plan ausarbeiten. 

Tja. Prioritäten. Um 17 Uhr muss ich bei der Oma das Kind holen, da sie heute selbst einen Termin hat. Also muss ich mich entschuldigen. Ich bitte die Kollegen allerdings, mir trotz allem eine Zeit zur Einarbeitung einzuräumen. Denn mein Gehirn scheint nun vor lauter neuen Eindrücken zu platzen. 

Der letzte Aufprall kommt von links

Auf der Heimfahrt scheint mein Kopf zu explodieren. Einen geordneten Gedankengang bekomme ich nicht mehr hin. Vielleicht geht es dem Autofahrer links von mir ebenso. Denn er übersieht mich als Abbieger und kracht in meine Hinterseite.

Als die Personalien getauscht und die Bilder gemacht sind, fahre ich mit einer 45-minütigen Verspätung zur Oma. 

Eines wird mir am ersten Tag klar. Der Weg wird hart. Welcome back to reality.

Bildquelle: Gerry Kichok, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 03.07.2018.

53 Wertungen (4.74 ø)
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Medizin, Chirurgie
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#2 Fr. Prof. Flügel. aus heutiger Sicht bestimmt, damals war die Besetzung der Stationen und die Arbeitsdichte im Vergleich zu heute noch eine andere. Wir gingen regelmäßig gemeinsam essen, heute ist man froh, wenn man eine Pause machen kann, um nur 1 Beispiel zu nennen. Auch wenn so schnell arbeiten nach der Geburt eines Kindes sicher nicht sinnvoll ist. Und ohne aufmerksame Schwestern wäre heute und aucht schon früher manches noch mehr im Argen
#11 am 08.07.2018 von Birgit Scheck (Ärztin)
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#9 Nene. Es handelt sich um Hand in Hand arbeiten, berufsgruppenübergreifende Zusammenarbeit. Die PatientInnen profitieren davon und das Pflege- und Ärzteteam. Kommunikation ist etwas fantastisches, ja, auch auf Augenhöhe. Ich arbeite lieber in einem solchen Team bzw würde auch lieber auf einer solchen Station liegen als auf einer anderen.
#10 am 05.07.2018 von Hildur Bohland (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Bestimmt alles nicht so einfach. Aber ich möchte nicht auf einer Station liegen auf der eine Ärztin (praktische?) den ersten Tag Dienst nach einem Jahr Elternzeit schiebt und von den Schwestern gesagt bekommen muss worauf man zu achten hat....
#9 am 04.07.2018 von Nadja Pfau (Heilpraktikerin)
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Lieschen natürlich :-)
#8 am 04.07.2018 von Sylvia Robinson (Ärztin)
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Zunächst muss Liedchen doch ihren Facharzt bauen! Dann geht auch eine Niederlassung. Allgemein empfehle ich aus eigener Erfahrung für Kolleg/inn/en, die geregelte Arbeitszeiten ohne Dienste und bei wirklich gutem Gehalt möchten, die Ärztlichen Dienste der Arbeitsagentur. Die Angebote sind mangels guter Stellenausschreibungen viel zu wenig bekannt.
#7 am 04.07.2018 von Sylvia Robinson (Ärztin)
  0
Schon mal über eine Niederlassung nachgedacht? Da lassen sich die Arbeitszeiten üblicherweise sehr viel besser mit der Familie in Einklang bringen. Unabhängig davon muss sich natürlich auch in den Kliniken etwas ändern.
#6 am 04.07.2018 von NAV-Virchow-Bund (InSite)
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Schade, wenn der erste Tag so beginnt. Aber immerhin scheint die Klinik bemüht, gute Strukturen zu schaffen (Diensplan im voraus, Schonzeit) und auf Weiterbildung (OP am ersten Tag) zu achten. Hoffentlich war wenigstens der Kaffee trinkbar.
#5 am 03.07.2018 von Christopher Dedner (Arzt)
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Wie schaffen Sie so etwas? Die Belastung unter der Ärzte heute offenbar stehen, ist für mich unfassbar.... Respekt vor der Ärzteschaft die Conclusio
#4 am 03.07.2018 von Oliver Roth-Obertopp (Heilpraktiker)
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Und da wundert sich noch einer über Ärztemangel?
#3 am 03.07.2018 von Andreas Göttsch (Arzt)
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... war es besser, als (ich habe 2 Kinder) wir nach 8 Wochen wieder mit der Arbeit beginnen mußten und Teilzeit in der Chirurgie undenkbar war? (ich war die einzige Frau unter fast 80 männlichen Assistenten).
#2 am 03.07.2018 von Prof. Dr. Margita Flügel (Ärztin)
  31
Alte Pflegerin
Willkommen zurück und alles Gute im neuen Job! Ist das Jahr wirklich schon vorbei?
#1 am 03.07.2018 von Alte Pflegerin (Altenpflegerin)
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