Demenz: Workout, Wortspiele oder was?

19.06.2018

Sport hilft gegen Demenz. Oder doch nicht? Zahlreiche Studien legen nahe, dass man den kognitiven Abbau durch Training verhindern oder zumindest abschwächen kann. Jetzt behaupten Forscher: Sport macht fit, aber gegen Demenz hilft er nicht. Wer hat Recht?

Etwa 50 Millionen Menschen leiden weltweit an Demenz. In Deutschland sind rund 1,6 Millionen Patienten von der Diagnose betroffen. Aufgrund der zukünftigen Alterstruktur der Bevölkerung könnte sich die Zahl bis zum Jahr 2050 auf bis zu 3 Millionen verdoppelt haben. Die meisten Formen wie Alzheimer oder vaskuläre Demenz können bislang nicht geheilt werden. Doch immer wieder gibt es Ansätze den kognitiven Verfall zumindest ein wenig aufzuhalten. Neben Denksportaufgaben für das Gehirn ist auch das körperliche Training im Kampf gegen das Vergessen in letzter Zeit immer populärer geworden. Doch hilft Sport wirklich bei Demenz?

Internist Dr. Kurz ist überzeugt von der gedächtnisunterstützenden Wirkung körperlicher Bewegung. Er erklärte in einem kürzlichen DocCheck-Videointerview: „Jede Form der körperlichen Aktivität hat ein korrespondierendes Areal im Gehirn, das durch Sport an Volumen und Verknüpfungen gewinnt.“ Damit lasse sich eine bessere Plastizität und Gedächtnisreserve erreichen, so der Mediziner. Vor allem der frontale, temporale und parietale Kortex, aber auch der für das Gedächtnis entscheidende Teil des Hippocampus sollen laut Dr. Kurz durch Muskelaktivitäten stimuliert werden können. Dabei soll es unerheblich sein, ob man Ausdauer- oder Krafttraining betreibe, jedoch könne letzteres dem Muskelschwund im Alter besser vorbeugen.

Gedächtniskünstler Insulin

Neuere Forschungsergebnisse weisen daraufhin, dass die Demenzentwicklung mit dem Insulinhaushalt der Betroffenen in Verbindung stehen könnte. So hat man herausgefunden, dass eine Insulinresistenz das Demenzrisiko erhöht und kognitive Beeinträchtigungen auslösen kann. Insulin spielt eine wichtige Rolle bei der Ausbildung und dem Umbau von Synapsen im Gehirn. Außerdem soll es neuromodulatorische Aktivitäten haben, die bei der Gedächtnisbildung und Freisetzung von Neurotransmittern, allen voran Acetylcholin und Noradrenalin, mitwirken. Auch ein verbesserter zerebraler Glukosestoffwechsel in Gehirnregionen, die für Lernprozesse notwendig sind, wird dem Hormon zugeschrieben. Eine Insulinresistenz hat also nicht nur Auswirkungen auf kardiovaskuläre und metabolische Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Diabetes, sondern wird zunehmend auch in Verbindung mit Symptomen der Demenz gebracht. Dr. Kurz erläutert, dass Sportarten, die eine verbesserte Wirkung von Insulin an seinen Rezeptoren bewirken, auch bei Erkrankungen wie Alzheimer-Demenz helfen können.

Eine kürzlich erschienene Studie von britischen Forschern im Fachblatt BMJ (British Medical Journal) behauptet allerdings, dass Sport nicht bei Gedächtnisproblemen helfen könne. Die Untersuchung an knapp 500 Patienten mit Demenz zeigte, dass Aerobic und Krafttraining nicht dazu beitragen können kognitive Beeinträchtigungen hinauszuzögern. Die Patienten sollen laut den Autoren zwar eine bessere körperliche Fitness aufweisen, doch sie zeigten einen genauso schnellen geistigen Abbau wie die Kontrollgruppe ohne Sport. Das ist erstaunlich, da die meisten bisherigen Untersuchungen von einem gegenteiligen Effekt ausgehen. So zeigte beispielsweise die finnische FINGER-Studie (Finnish Geriatric Intervention Study to Prevent Cognitive Impairment and Disability) eine Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten bei intensiver Betreuung von älteren Patienten um 25 Prozent. Die Behandlung dieser Personen mit erhöhtem Demenzrisiko bestand aus ausführlicher Ernährungsberatung, intensivem körperlichem Training und kontinuierlichem Denksport. Probanden mit Intensivbetreuung bauten im Vergleich zur Kontrollgruppe innerhalb von zwei Jahren kognitiv nicht so stark ab. Das Risiko einer kognitiven Verschlechterung verringerte sich um 30 Prozent. Auch eine vor einem Jahr erschienene Untersuchung von amerikanischen Wissenschaftlern konnte nachweisen, dass körperliches Zirkeltraining in Kombination mit kognitivem Training zur Verbesserung der Denkleistung bei demenzkranken Patienten beitrug.

Die Vergleichbarkeit von Studien ist schwierig

Doch schaut man sich die Studien einmal genauer an, sieht man, dass eine einfache Gegenüberstellung nicht so ohne Weiteres möglich ist. Die meisten Untersuchungen, die einen positiven Effekt von körperlicher Aktivität bei Demenz nahelegen, kombinieren Sport mit anderen Ansätzen wie Denksport oder Ernährungsumstellungen, sodass es schwierig ist den Effekt einzelner Elemente des Trainingsprogramms auf die geistige Fitness zu messen. Eine Cochrane-Analyse, die dazu alle randomisierten kontrollierte Studien verglich, stellte außerdem fest, dass die existierenden Untersuchungen ziemlich heterogen in Bezug auf Art und Schwere der Demenz der Studienteilnehmer sowie Art, Häufigkeit und Dauer des körperlichen Trainings waren. So schloss die Studie der Briten beispielsweise 494 Teilnehmer mit milder bis moderater Demenz nach DSM-IV ein, während die finnische Untersuchung 1200 noch nicht erkrankte ältere Patienten mit einem leicht erhöhten Demenzrisiko laut ihrem Wert auf der CAIDE-Skala untersuchte und die amerikanischen Wissenschaftler 100 Personen ab 55 Jahren mit leichter kognitiver Beeinträchtigung auswählten. In Bezug auf die sportliche Betätigung wurden die Teilnehmer der britischen Studie mit einem viermonatigen Aerobic und Krafttraining an zwei bis drei Tagen in der Woche zum Schwitzen gebracht, während die finnischen Patienten ein bis zwei mal pro Woche Muskelaufbau und zwei mal pro Woche aerobes Training für mindestens sechs Monate absolvierten. Die Teilnehmer der amerikanischen Studie durchliefen dagegen für sechs Monate an zwei bis drei Tagen pro Woche ein Zirkeltraining. Dies macht einen eindeutigen Vergleich der Ergebnisse naturgemäß schwierig.

Die Cochrane Meta-Analyse von 17 eingeschlossenen Studien mit insgesamt 1067 Patienten kam zu dem Schluss, dass demenzkranke Patienten bei sportlicher Betätigung keinen Vorteil in Bezug auf die Verbesserung ihrer kognitiven Fähigkeiten zu erwarten haben. Zwar konnten sechs Untersuchungen zeigen, dass die Studienteilnehmer bei alltäglichen Aktivitäten wie selbständigem An- und Auskleiden oder Waschen teilweise besser zurechtkamen – durch die starke Heterogenität sollen diese Ergebnisse aber vorsichtig interpretiert werden. Auch die häufig mit einer Demenz einhergehenden neuropsychiatrischen Symptome und Depressionen konnten laut der Cochrane-Analyse durch körperliche Aktivität nicht verbessert werden.

Vorbeugende Wirkung von körperlicher Aktivität

Allerdings wurden nur Studien eingeschlossen, die den Effekt von Sport bei bereits erkrankten Patienten untersuchten. Die Frage, ob körperliche Aktivität eine vorbeugende Wirkung auf kognitive Einbußen im höheren Lebensalter hat wurde dagegen nicht betrachtet. Damit haben sich andere Studien bereits beschäftigt und sie konnten einige Hinweise darauf finden. Eine finnische Untersuchung an Zwillingsgeschwistern zeigte beispielsweise, dass der sportlich aktivere Zwilling im Alter seltener an Demenz erkrankte. Eine prospektive Untersuchung von Forschern der Universität Washington stellte außerdem fest, dass Gebrechlichkeit und körperliche Schwäche mit einem höheren Risiko für Demenzerkrankungen im Alter assoziiert ist. Die 2011 veröffentlichte wissenschaftliche Stellungnahme der American Heart Association empfiehlt bereits ab einem Alter von etwa 40 Jahren vermehrtes physisches Training, um sich vor späteren kognitiven Abbau zu schützen.

Bei Menschen mit alzheimertypischen Veränderungen im Gehirn unterscheiden sich bereits symptomatisch Betroffene von Patienten mit normaler kognitiver Funktion vor allem durch die Größe des Hippocampus und bestimmter Kortexarealen. Größere Gehirnvolumina scheinen vor Gedächtnisverlust zu schützen, selbst wenn bereits charakteristische Beta-Amyloidplaques und Tau-Neurofibrillen nachweisbar sind. Untersuchungen deuten daraufhin, dass vor allem eine gute kardiorespiratorische Fitness mit einem geringeren Rückgang der grauen Hirnsubstanz in frontalen, temporalen und parietalen Arealen assoziiert ist. Je mehr ein Mensch sich bewegt, desto geringer sind diese altersbezogenen Veränderungen und desto geringer ist das Demenzrisiko, schreiben die Forscher.

Dabei spiele vor allem auch die Durchblutung eine Rolle. Körperliche Betätigung lässt das Herz schneller schlagen und erzeugt eine größere kardiale Auswurfleistung, sodass letztlich auch der Blutfluss im Gehirn steigt – selbst wenn der mittlere arterielle Blutdruck dabei konstant bleibt. Besser durchblutete Hirnareale führen wiederum zu einer gesteigerten Aktivierung von Neuronen. Die Forscher vermuten, dass Sport einer vaskulären Dysfunktion vorbeugt, die über bisher noch unverstandene Mechanismen zu Neurodegeneration und kognitivem Abbau führen kann.

Sport und ein ganzheitliches Konzept zur Prävention nutzen

Welchen Ratschlag sollen demenzkranke Patienten nun befolgen? Fast alle Studienautoren sind sich einig, dass Sport den Betroffenen gut tut. Denn selbst, wenn körperliche Aktivität keinen direkten Effekt mehr auf die kognitive Funktion bei Erkrankten haben sollte, so hat sie doch einen positiven Einfluss auf Fähigkeiten wie Körperbalance, Muskelkraft und Mobilität. Regelmäßige Bewegung mindert das Sturzrisiko und damit verbundene Folgen wie Immobilität und Folgeerscheinungen von Operationen. Außerdem bleiben die Muskulatur und die Funktionstüchtigkeit der Gelenke erhalten. Hierdurch können Schmerzen verringert werden und die Selbständigkeit im Alter bleibt länger erhalten. Auch kann die Bewegung bei einigen Patienten über die Ausschüttung von Glückshormonen wie Serotonin und Dopamin einen positiven Einfluss auf die Stimmungslage bewirken. Zusammen mit einem ganzheitlichen Konzept, das Denksportaufgaben, Änderung von ungesunden Lebensgewohnheiten und soziale Förderung einschließt, kann Sport also durchaus helfen die Lebensqualität der Betroffenen deutlich zu steigern.

Angesichts der Tatsache, dass bisher noch kein Mittel gegen Demenzerkrankungen gefunden wurde, ist die Prävention mit solchen Maßnahmen vermutlich der beste Weg dem geistigen Abbau gegenüberzutreten. Auch Dr. Kurz erklärt: „Die Demenz ist eine Erkrankung, bei der uns drastisch vor Augen geführt wird, dass wir mit unserer bisherigen Versuchen der Reparatur bereits bestehender Schäden, nicht sehr weit kommen. Ist die Krankheit einmal ausgebrochen, sind wir schon zu spät.“ Hier komme es vor allem darauf an schon im mittleren Lebensalter mit Gegenmaßnahmen zu beginnen, um einer Entstehung vorzubeugen. Und das schließe ausreichend Bewegung genauso wie gesunde Ernährung und ausreichend geistige Anforderungen mit ein.

 

 

Bildquelle: Hey Paul Studios, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 26.06.2018.

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das ist Pseudo-Ganzheitlichkeit, wenn man immer wieder auf Sport als Allheilmittel kommt. Ich empfehle, mal das Buch des Neurobiologen Gerald HÜTHER(Raus aus der Demenzfalle!) zu lesen, der sich auf Studien an Nonnen beruft, die offenbar derart kreativ leben, dass sich bei Ihnen der Atersabbau nicht auf der geistigen Ebene manifestiert! Das ist pure Empirie, was Hüter da bietet, denn es beruht nur auf Beobachtung und Statistik, und nicht auf so genannter "Wissenschaftlichkeit" , die doch immer bloß die gerade favorisierten Paradigmen herunterbetet und damit auf einer Plausibilität aufbaut, die nichts mit der Realität zutun hat.
#3 vor 46 Tagen von Heinz Brettschneider (Arzt)
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Es ist davon auszugehen ,dass die Neuroplastizität von Nervennetzen und Transmittern frühkindlich in mo - torischen, limbischen und präfrontalen Regionen jeweils unterschiedliche Formen annimmt. Infolge extremer Störfaktoren (induziertes Trauma) reift Dopamin exzessiv in limbische und suppressiv in präfrontale Regionen ein. Derart destabile Bedingungen werden im hippocampa - len Dentatus durch disfunktionale Neuro- und Synapto - genese und im Stirnhirn durch Fehlanpassungen von GABA und Glutamat kompensiert, was eine Diskonnek - tion des großen limbo-präfrontalen Schaltkreises auslöst (Psychose). Die lebenslange Plastitzität des limbischen Systems bietet sich idealerweise auch im Erwachsenen - alter für die Stress- und Trauma,Demenz-therapie an . Natürlich können auch Viren u.Borrelien Einfluß nehmen
#2 vor 47 Tagen von dr. med.dent. Wolfgang Stute (Zahnarzt)
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Sport schön u. gut :wenn die Mitochodrientätigkeit eingeschränkt ist u. nicht unterstützt ,kann die erhöhte sportliche Tätigkeit kontraproduktiv sein . Bisher galt die Trias ....keine silent inflammation , keine Schwermetall- u. Kunststoffbelastung( Zahn-Kiefer-situation optimieren ) , Hormone bioidentisch substituieren n. Labordiagnose :::: n.den letzten Untersuchungen von Prof. Teuchert-Noodt,Prof. Manfred Spitzer ,Barrie Trower (Mikrowellenexperte d. Brit. Geheimdienstes ). und mit dem Einbringen dieser Technik in den Schulischen Lernbereich versündigen wir uns noch mehr an unseren Kinder ,
#1 vor 47 Tagen von dr. med.dent. Wolfgang Stute (Zahnarzt)
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