Der Chef im Schlafanzug

19.06.2018

Ab und zu müssen Krankenhausbesuche sein. Denn natürlich freut sich die frisch operierte Omi über Abwechslung im Klinikalltag. Allerdings sollte wohl überlegt sein, wen man da am Krankenbett besucht. Oder möchtet ihr euren Chef in Schlabberpyjama und ohne Unterhose sehen?

Ich komme dich besuchen … oder lieber doch nicht? Manchmal tut man gut daran, zu Hause zu bleiben und von einem Krankenhausbesuch abzusehen.

Wieso, fragt ihr euch? Wieso soll man jemanden, der frisch operiert auf seinem Zimmer liegt, nicht besuchen? Ist es nicht der Dienst am Menschen? Am Freund, am Kollegen oder am Kumpel? Jemanden in Stunden der Not zu besuchen und Geschenke mitzubringen? Ein Pläuschchen? Ein verstohlenes Zigarettchen in der Raucherecke? Einen kleinen roten und meistens geschmacklosen Tee gemeinsam schlürfen? Gute Besserung wünschen und dann wieder heim?

Der Chef und seine Bildzeitung

Unlängst hatte mich der Facebook-Post einen Freundes dazu angespornt, ihn im Krankenhaus zu besuchen. Dabei hatte ich mir schon vor Jahren geschworen, derartige Besuche nicht mehr so leichtfertig anzugehen.

Folgendes war passiert: Mein Arztchef wurde operiert. Und aus all den oben genannten Gründen besuchte ich ihn. Als ich ins Zimmer trat, freute er sich sichtlich. Meine Freude hingegen verflog schlagartig.

Er saß im ausgeleierten Schlafanzug mit Bildzeitung am Tisch und legte die dicke Brille ab.

Seit wann liest mein Chef Bild? Wieso hat er einen Schlafanzug an, der schlabbert und unendlich Raum für Körperstudien lässt? Und wieso – verdammt noch mal – trägt er keine Unterhose? Wo kommt diese grottenhässliche Brille auf einmal her?

Zu viel ungeschminkte Wahrheit

All das wollte ich nie, nie sehen! Das war zu viel. Aber wenn man schon mitten im Raum steht, ist es zu spät für jegliche Art von Fluchtgedanken. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken.

Zu nah. Zu eng. Zu viel ungeschminkte Wahrheit. Zu wenig Herzensmensch. Bei denen erträgt und erduldet man viel und hat – liebesbedingt – meistens eine unendliche hohe Toleranzschwelle.

Hier war es aber kein Herzensmensch, sondern der Arztchef. Nett und bestimmt sehr besuchsbedürftig, aber ohne enge Bindung. Deshalb gilt hier: Obacht!

Ich gewann Einblicke, auf die ich im Leben nicht gefasst war. All meine Bilder im Kopf vom klugen, smarten, adretten Arztchef zerronnen wie Butter in der Pfanne. Wenn ihr Menschen in diesen intimen Momenten seht, müsst ihr auf alle Eventualitäten vorbereitet sein.

Und wenn eure Kranken – ob Herzenmensch oder nicht – sagen: „Au ja. Komm bitte. Ich freue mich und sterbe vor Langeweile. Ich brauche Liebe und Abwechslung“, dann geht hin. Natürlich geht ihr dann hin. Aus Liebe und Barmherzigkeit. Aber seid bereit für das, was ihr möglicherweise nicht sehen wollt.

Checkliste für Krankenhausbesuche

Und wo wir gerade beim Thema sind, hier noch eine kleine Krankenhausbesuch-Checkliste:


Und sollten euch noch mehr Supertipps für einen gelungenen Krankenhausbesuch einfallen: Immer her damit.

 

Bildquelle: Blue Mountains Library, Local Studies, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 19.06.2018.

53 Wertungen (4.23 ø)
7944 Aufrufe
Um zu kommentieren, musst du dich einloggen. Einloggen
Gast
Tja , wenn man Klugheit an Äußerlichkeiten festmacht. Schon eine heftige Kränkung wenn der Chef nicht im maßgeschneiderten Edekfummel in einer Premium Zeitunga den Nachruf auf Baron von und zu Guttenberg studiert, sondern seinen Zinken in die Bild-Zeitung steckt .Bei manchen Schlafanzügen mache ich die Hose mit einer Sicherheitsnadel am Oberteil fest ( Schlafanzugbänder sind einfach immer ausgeleiert . Vielleicht ist der Gummizug das teuerste Teil am Schlafanzug und fällt regelmäßig der Gewinnoptimierung zum Opfer.) Hmh, der Penis, vielleicht hat der Chef ja unbewusste exhibitionistische Neigungen.
#4 am 21.06.2018 von Gast (Arzt)
  2
Schon amüsant, daß eine Krankenschwester davon überrascht ist, eine Patienten in seinem Krankenzimmer in einem solchen - m.E. in dem Kontext durchaus üblichen - Zustand anzutreffen.
#3 am 20.06.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  2
Dass man sich vorher ankündigt, wäre für mich eine Selbstverständlichkeit. Nicht, dass er noch auf der Bettpfanne sitzt . Ansonsten gilt ....ja, wir sind Menschen - und wir sind/haben - je nach religiöser Ausrichtung - Körper : hutzelig, runzlig, faltig, nicht immer wohlriechend, krank, hilfebedürftig und keinesfalls so wie inach der Bildbearbeitung. Ich würde den Chef auch mit anderen Augen sehen: menschlicher danach. Er liest Bild? Da braucht wohl einer eine intellektuelle Pause.... Sein Schlafanzug schlabbert?...wie süß.....
#2 am 20.06.2018 (editiert) von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
  1
Na. Der Chef ist ein Mensch, Überraschung? Kann passieren, ist menschlich. Der Chef wohl auch, wer besucht schon einen unfreundlichen (Arzt)Chef? Ja, ein nachdenklich stimmender Artikel... ;-)
#1 am 19.06.2018 von Hildur Bohland (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
  2
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
1. Gelassenheit Was man definitiv lernt und auch lernen muss, ist Gelassenheit. Gelassenheit im Umgang mit mehr...
1. Also ich könnte das ja nicht! Och – geht schon! Wisst ihr, was ich nicht könnte? Stundenlang an mehr...
Jens mag für andere Menschen der Herr Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sein, für mich ist er Jens. Ich darf ihn mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2018 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: