Norbert, 53 J., Beinschmerzen und Luftnot

13.06.2018

Norbert griff sich filmreif an die Brust und hätte eigentlich einen Seufzer ausgestoßen, dafür war aber nicht genug Luft in seinen Lungen. Also verkniff er nur das Gesicht und schnappte das berühmte Fisch-auf-dem-trockenen-Lied. Zwei Minuten später lernten wir uns kennen. „Guten Tag, Narkosearzt mein Name, wir reanimieren dann mal.“

Das war an einem nicht zu sonnigen Montag um 14:15 Uhr.

Am Mittwoch war Norbert unterwegs zu seiner Schwester. Norbert wohnt da, wo man viele Berge sehen kann, seine Schwester wohnt da, wo man viel Nichts und viel Wasser sehen kann. Bei seiner Schwester angekommen, musste er erstmal einen langen Spaziergang mit dem Hund machen, weil ihm die lange Autofahrt doch ungewöhnlich stark zugesetzt hatte. Irgendwie schmerzte auch das Bein. Muss das Wetter sein. Außerdem: Was von selbst kommt, geht auch von selbst. Vielleicht morgen mal zum Arzt. Vielleicht.

Trotz der frischen Seeluft hatte er das Gefühl, gar nicht richtig durchatmen zu können und legte sich viel früher als sonst hin, weil der erste Tag an der See ja sowieso immer ganz müde macht. Norbert fuhr ausnahmsweise schon am Samstag nach Hause. Am Montag musste er wieder zur Arbeit und da wollte er sich noch ein wenig ausruhen, so zu Hause.

Erstmal bisschen die Beine vertreten

Am Sonntag tat ihm das Bein weh. Am Montag ging Norbert mit dem Hund und seinem wehen Bein raus, obwohl er so schlecht Luft bekam.

Im Park brach Norbert dann zusammen. Eine Passantin, die Heldin der Geschichte, eilte zu ihm hin, rief den Rettungsdienst und blieb bei Norbert. Als der RTW ankam (ohne Notarzt) ging es Norbert schon besser. Er wolle nicht ins Krankenhaus, sagte er. Es gehe schon wieder, alles halb so schlimm. Der RTW fuhr weg, Norbert bekrabbelte sich und wollte weitergehen. Nach wenigen Metern brach er erneut zusammen. Erneuter Anruf unserer Heldin bei den Leuten des Feuerwehr-Call-Centers, die darauf etwas genervt reagierten. Schließlich wäre bereits ein RTW vor Ort gewesen. Die Passantin blieb aber hart. Der RTW kam erneut, diesmal mit Notarzt, der Patient wurde – immer noch gegen seinen Willen, aber mit viel gutem Zureden – ins Krankenhaus gebracht. Dort kam er nach der Aufnahme zunächst auf die Überwachungsstation, ein CT sollte im Verlauf erfolgen. Dazu kam es nicht mehr. Dafür lernten wir uns dann kennen.

Das fahrende Reanimations-Team

Norbert jappste nur noch als ich ihn sah, hatte aber noch einen schwach tastbaren Puls. Auf dem Weg zum CT wurde Norbert pulslos, also brachen wir das Vorhaben ab und bogen unter Reanimation (im Bett!) links auf die Intensivstation ein. Es war das erste und bisher einzige Mal, dass wir einen Patienten fahrend reanimiert haben. Sah bestimmt filmreif aus, wie in einem echten Krankenhaus.

Auf der Intensiv erwartete uns eine doppelte Intensivbesetzung (Schichtwechsel) und wir konnten uns mit sechs Leuten abwechseln. Norbert hatte in Millisekunden sämtliche Katheter in sämtlichen vorhandenen und nicht vorhandenen Körperöffnungen und es lief eine Reanimation nach Lehrbuch, das ERC wäre stolz auf uns gewesen. Im Notfallecho sah man einen riesengroßen rechten Ventrikel, die Klinik und die Anamnese ließen nur einen Schluss zu: Rescue-Lyse. Dabei wird ein Medikament gegeben, was sehr teuer ist, dafür aber auch Blutgerinnsel auflösen kann und zwar pronto. Dafür kann man schon mal mehrere 100 Euro ausgeben.

60 Minuten Reanimation

Wir haben Norbert 60 Minuten reanimiert, danach gekühlt (schützt das Gehrin), aufgewärmt und nach zwei Tagen den Beatmungsschlauch entfernt. Am vierten Tag konnte er die Intensivstation verlassen, ging direkt in die Reha (mit Marcumar) und schon bei der Verlegung gab es keine erkennbaren neurologische Defizite. Kein Hirnödem, keine Wortfindungsstörungen, keine Schluckstörungen. Norbert war komplett der Alte. Und wollte erstmal ’nen Kaffee.

Leider haben wir Norbert nie mehr wiedergesehen, eine Intensivschwester traf ihn aber mal beim Einkaufen. Ich glaube, er war sich gar nicht bewusst darüber, wie viel Glück er gehabt hat. Wäre er auf der Wiese im Park reanimationspflichtig geworden, so wäre wahrscheinlich ein Wachkomapatient. Wenn überhaupt.

Norbert blieb in drei Jahren Tätigkeit auf dieser Intensivstation der einzige Patient, den ich erlebte, der eine Reanimation ohne neurologisches Defizit überlebte und wieder ohne Abstriche ganz der alte wurde.

 

Bildquelle: MabelAmber, pixabay

Artikel letztmalig aktualisiert am 14.06.2018.

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Danke für diesen interessanten Fallbericht, und auch Ihnen, Frau Kollegin Diederichs, für die Falldarstellung. Lungenembolie und SCD, letzteres in bezug auf die beiden Fälle schlimmer, da so fulminant. Ich werde nie den sportlichen und hübschen jungen Mann vergessen, der im Pathokurs vor uns lag, tot umgefallen beim Joggen, hat mir vorübergehend einige hypochondrische Befürchtungen beschert ...
#2 am 14.06.2018 von Sylvia Robinson (Ärztin)
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Hmmm ... da war doch schon mal was mit einem Anfang Fünfzigjährigen, der plötzlich kollabiert ist - neulich im Park auf der Wiese (http://www.doccheck.com/de/ask/question/view/id/593580/). l
#1 am 14.06.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
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