Zeit für Zeckenpanik

11.06.2018

Die Sonne scheint und wieder kriechen Zecken in Großformat durch alle Apotheken-Schaufenster. Manche Arztpraxen hängen die Werbeplakate der Impfstoffhersteller raus, schön mit knallrot eingefärbten Risikogebieten. Inzwischen haben wir die Mainlinie von Süden her überschritten, sodass man denken möchte, die Invasion käme aus dem Osten und dem Süden.

Wir haben in der Praxis auch schon etliche der Viecher entfernt, vor allem aus Ängstlichkeit der Eltern, weniger aus Unvermögen. Es wird ja gar nicht erst versucht. Dabei kannt man gar nicht viel falsch machen:


Mit Bedacht vorgehen ja, Panik nein

Zecken übertragen Krankheiten, keine Frage. Deshalb sollen sie ja auch raus. Aber Panikmache ist hier nicht wirklich angesagt. Das Robert-Koch-Institut beschäftigte sich 2012 sehr ausführlich mit der Problematik der Frühsommer-Meningoenzephalitis, die durch einen Virus übertragen wird. Kommt es zu einer Infektion, zeigen nur 1030 Prozent der Menschen irgendwelche Symptome, alle anderen bleiben asymptomatisch. Man erkrankt grippeähnlich, es gibt zwei Krankheitsverläufen, mitunter mit schweren Folgeerkrankungen. Daher ist die FSME keine leichte Erkrankung und wir nehmen sie in der Zeckenzeit als Differentialdiagnostik sehr ernst, auch wenn wir sie nicht kausal behandeln können, da viral.

Selten bleibt die Erkrankung trotzdem: Man geht im Landesschnitt von 1,3 Erkrankte auf 100.000 Personen (pro 5 Jahre) aus (mit starken Schwankungen, von 0 Erkrankten in meist städtischen Regionen bis 30 Erkrankten im ländlichen Raum). Zum Vergleich: Die Inzidenz von Masern lag 2017 bei 0,9 Erkrankten auf 100.000 Einwohner (pro Jahr und nicht pro 5 Jahres-Intervall).

FSME und Borreliose

Ein Krankheitshäufung findet sich im mittleren Lebensalter, wohl vor allem bei den Spaziergängern und Freizeitsportlern. Kinder erkranken seltener (oder werden hier die Zecken schneller gefunden?), ebenso wie Senioren (vielleicht wälzen die sich auch weniger im Gras).  Ich erinnere mich in fünfzehn Jahren Niederlassung lediglich an ein Kind mit FSME (typischen Symptomen und nachgewiesenem Titeranstieg im Blut).

Dann ist da noch die Borreliose, die deutlich häufiger auftritt. Man rechnet jährlich mit über 200 Erkrankten auf 100.000, mit deutlichen Jahresschwankungen. Zudem ist die Borreliose im gesamten Bundesgebiet verbreitet und kann sogar in Städten auftreten. Vorteil dieser Erkrankung: Sie ist bakteriell und kann mit Antibiotika recht gut behandelt werden. Das Hauptsymptom ist die Wanderröte, zumindest bei Kindern, auch wenn es Fälle gibt, die diese Hauterscheinung nicht zeigen. Auf die Diskussion rund um chronische Borreliose möchte ich nicht eingehen. Ein in Fachkreisen hoch umstrittenes Thema, das eng mit Pharmainteressen und auch Verschwörungstheorien verknüpft ist. Nichtsdestotrotz gibt es Spätsymptome wie Gelenkentzündungen, die unbedingt auch an eine Borreliose denken lassen müssen.

Den Stich im Auge behalten

Panik wegen der possierlichen Tierchen ist aus kinderärztlicher Sicht nicht gerechtfertigt, dennoch empfehle ich in meiner Praxis die FMSE-Impfung. Ich denke, wenn man einer Erkrankung mit einer gut verträglichen Impfung vorbeugen kann, so sollte man das tun. Ich berate zudem ausführlich über Symptome der beiden Erkrankungen, wenn es zu einem Zeckenstich gekommen ist. Grippesymptome treten natürlich auch ohne Zecke nicht selten auf, da braucht es mitunter differentialdiagnostisches Geschick. Die Wanderröte sollte beachtet werden, deswegen auch einen Zeckenstich markieren oder sich die Stelle wenigstens gut merken.

Anekdoten zum Thema:

Hilfe! Zecke!

Notdienstzecke

Notdienstzecke 2

 

Bildquelle: smellypumpy, pixabay

Artikel letztmalig aktualisiert am 12.06.2018.

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Medizin, Pädiatrie
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Schön wäre es in jedem Fall, wenn das RKI sich zu einer klaren Entscheidung, Impfempfehlung ja oder nein, bewgen ließe. Ich bin kein Impfgegner - Nein!! - Aber bei FSME (gerade bei Kindern) weiß ich wirklich nicht, was ich empfehlen soll!
#2 vor 12 Tagen von Dipl.-Psych. Andrea Kolb (Heilpraktikerin)
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Die Hysterie greift leider bei diesen wie auch anderen vermeintlichen Bedrohungen immer weiter um sich. Hier lassen Eltern ihre Kinder nicht mehr in den Wald aus Angst, dass sie von Zecken und Hundebandwürmern angesprungen werden. Schwangere fordern im Notdienst einen Ultraschall zum Ausschluss von Schäden beim Kind, nachdem sie bei Hund oder Katze eine Zecke entfernt haben... Vor Jahren gab es im Lancet einen beruhigenden Bericht über eine 70%ige Reduktion der Infektionen nach Biss durch nachweislich borrelienbefallene Zecken einfach durch großzügiges Desinfizieren der Bissstelle - in der Versuchsanordnung wurde ein desinfektionsmittelgetränktes Pflaster auf die Stelle geklebt. Das praktiziere und empfehle ich seitdem - sehr beruhigend. Leider finde ich die Quelle gerade nicht.
#1 vor 12 Tagen von Dr. med. Katharina Lüdemann (Ärztin)
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