Frau Lange in Love

05.06.2018

Oft erfahre ich sie eher zufällig, manchmal erzählt man sie mir selbst. Die persönlichen Schicksale, Tragödien und schönen Lebensgeschichten der Patienten machen einen großen Teil unserer Arbeit aus. Eine Liebesgeschichte ist mir besonders in Erinnerung geblieben.

Die Geschichte von Frau Lang in Zimmer 19 mit dem gebrochenen Oberarmkopf ist meine Lieblingsgeschichte diesen Sommer. Sie ist über 80 Jahre alt und eine freundliche geduldige Frau. Nach einem Sturz im Haushalt kam sie zu uns. Der gebrochene Oberarmkopf sollte operiert werden.

Konservativ statt OP

Leider war der OP-Plan voll, sodass der Eingriff zweimal verschoben werden musste. Zum gegebenen OP-Zeitpunkt kam leider ein neu aufgetretenes Herzgeräusch dazwischen, sodass es schlussendlich sieben Tage dauerte, bis wir sie hätten versorgen können. Da kam doch irgendwer auf die schlaue Idee, ein neues Röntgenbild zu machen. Die gute Stellung veranlasste uns dann tatsächlich dazu, der Dame ein weiteres konservatives Vorgehen vorzuschlagen. 

Leider kam sie zwei Wochen später wieder zu uns. Sie war erneut gestürzt, der Oberarmkopf ein Trümmerhaufen und die inverse Prothese wurde implantiert. Eigentlich keine besonders schöne Geschichte. 

Die Liebesgeschichte

Die schöne Geschichte ist die Beziehung zu ihrem 83-jährigen Freund. Der jeden Tag an ihrem Bett sitzt, ihr die Zeitungen bringt und umblättert, die Telefonkarte auflädt und das Wasserglas füllt. Den sie mit Mitte 70 im Gottesdienst kennen gelernt hat. Als ihr Mann bereits 3 Jahre tot war. Den sie lieben lernte, aber nicht heiraten möchte. Der jeden Tag eine Strecke von 50 km fährt, um sie zu sehen, um ihr etwas zu kochen, mit ihr spazieren zu gehen, mit ihr zu beten und für sie die Briefe zu schreiben. Der sich rührend um sie kümmert, für sie wäscht, backt und putzt. Der ihr beim Anziehen hilft und sie an den Anruf bei ihrer Tochter erinnert. Der sie gerne geheiratet hätte, mit Ende 70. Ihm reicht aber auch ihre spürbare Liebe, eine Beziehung ohne Trauschein zu akzeptieren. Obwohl es bedeutet, dass er jeden Tag die 50 km fahren muss. Denn übernachten ohne Trauschein – das gehört sich wohl nicht mit Anfang 80.

Bildquelle: Benedikt S. Vogler, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 08.06.2018.

166 Wertungen (2.79 ø)
12998 Aufrufe
Um zu kommentieren, musst du dich einloggen. Einloggen
Kranke Schwester
Es gibt Patienten, die berühren einen einfach. Im positiven Sinn. Und die vergisst man auch nie! Bei mir war's ein Patient, der MIR unaufgefordert seine Rasierklingen abgab, nachdem ihn der Chirurg mitten in der Nacht genäht hatte und der Patient auf dem Weg auf die Intensivstation war.
#2 am 10.06.2018 (editiert) von Kranke Schwester (Gast)
  12
N.D.
Rührende Geschichte, seltsamerweise sind mir solche Begebenheiten auch schon einige Male widerfahren. Immer wenn ich denke, es geht nichts mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her. Lieben Dank an das Universum
#1 am 08.06.2018 von N.D. (Arzt)
  0
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Die Geräuschkulisse im Krankenhaus ist beeindruckend. Insbesondere auf der Intensivstation, auf der ja eigentlich mehr...
„Nein, ich nehme keine Elternzeit. Ich möchte mit meiner Weiterbildung fertig werden. Ja, ich weiß, dass ihr mehr...
Ich bin ein Kopfmensch. Alle Ideen, Zielsetzungen, Entscheidungen werden in meinem Kopf zerkaut, bis ich eine mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2019 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: