Appendektomie: Wenn der Patient nachts googelt

04.06.2018

Nachtdienste find ich immer etwas mühsam. Man muss den Tag-Nacht-Rhythmus umstellen, wechselt anschließend direkt von dem Nacht- in den Tagdienst. Und die Notfälle sind nachts etwas spezieller als tagsüber. Das kommt mir zumindest so vor.

So kommt es also, dass ich um vier Uhr morgens zur Notaufnahme schlurfe. Verdachtsdiagnose: Appendizitis. Es ist ein junger, ansonsten gesunder Herr, ich untersuche ihn, erkläre ihm die Blutwerte und führe einen Ultraschall durch. Die Diagnose ist einfach und klar. Die Therapie und somit die Lösung des Problemes auch. Schritt für Schritt erkläre ich dem Patienten die laparoskopische Appendektomie.

Für mich ist der Fall klar, aber nachdem ich ihm die Operation erklärt habe, fragt er mich nach einer medikamentösen Therapie mittels Antibiotika. Innerlich seufze ich kurz. Aber es ist ja eigentlich eine sehr berechtigte Frage, weswegen ich ihm die Vor- und Nachteile beider Optionen erläutere. Ich erkläre ihm auch, warum ich zur Operation rate und dass ich das nicht tue, nur weil ich Chirurgin bin und sonst zu wenig zu tun wäre. Plötzlich hält er mir sein Handy hin. Ich blicke fragend in sein Gesicht.

Aber es gibt hier diesen Artikel …

„Können Sie sich bitte kurz Zeit nehmen und sich den Artikel durchlesen?“

Ich glaube, ich seufze nun nicht mehr nur innerlich. „Ich habe mich schon genug in das Thema eingelesen …“

Doch er hält mir noch mal sein Telefon hin. Es ist vier Uhr morgens. Ich bin hundemüde. Auf der Station müssen noch einige Patientinnen begutachtet werden. Herr H. ist hypoton, Frau P. blutet aus dem Stoma, ich habe seit Stunden nichts gegessen …

Aber um die ganze Geschichte abzukürzen, nehme ich sein Telefon in die Hand. Irgendein gegoogelter Artikel über die antibiotische Therapie einer Blinddarmentzündung. Ich überfliege ihm zuliebe den Text, lege sein Telefon zurück auf das Notfallbett und fasse noch einmal kurz zusammen, warum ich ihm zur Operation rate und sage ihm, dass ich ihn natürlich zu nichts zwinge. Letztendlich frage ich, warum er meinen Vorschlag ablehne.

„Ich halte nichts von Operationen.“

 

Bildquelle: Japanexperterna.se, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 05.06.2018.

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Kranke Schwester
Keine 15 Beiträge und es kommt schon wieder ein "Deutschlehrer"-Kommentar. Läuft hier! Niveau ist keine Hautcreme... Ich mag die "FACHLICHEN" Diskussionen hier mit Berufskollegen und anderen Fachleuten aus dem Bereich... Wer Ironie findet, darf sie behalten. Jaaa, der Spruch ist abgenutzt, ich weiß. Edit nur wegen Tippfehler. Ist ja gefährlich hier, welche stehen zu lassen...
#11 am 06.06.2018 (editiert) von Kranke Schwester (Gast)
  22
Hallo Herr Bräuer, als Student der Humanmedizin sollte man wissen, wie man Weisheit schreibt. Na dann gute Fuhre ....
#10 am 06.06.2018 von Dr. rer. nat. habil. Willibald Schliemann (Biochemiker)
  31
@Bräuer Vielen Dank für Ihren Beitrag. Hoffentlich bleiben Sie auch nach Ihrem Examen so vernünftig - morgens 4 Uhr nach inzwischen 20 Stunden im Dienst? Generation Y? Quatsch, schafft der nie :-)
#9 am 05.06.2018 von Lydia Wolf (Ärztin)
  12
@Bräuer Vielen Dank für Ihren Beitrag. Hoffentlich bleiben Sie auch nach Ihrem Examen so vernünftig .
#8 am 05.06.2018 von Dr. Kinga Gerber (Biologin)
  7
Kranke Schwester
"Wasch' mich, aber mach' mich nicht nass!" Alltag. Nachts um 4 besonders "schön".
#7 am 05.06.2018 von Kranke Schwester (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
  6
Unfallchirurg
Man sollte gelassen auf eine solche Patientenunsicherheit reagieren. Zur Selbstabsicherung, nach ausführlicher Aufklärung der OP-Indikation, eine eventuelle Ablehnung durch den Patienten gegen Unterschrift und bei hinzugezogenem Zeugen dokumentieren. Den Patienten aber stationär aufnehmen und optimal für eine OP vorbereiten. Am nächsten Vormittag, nach erneuter Untersuchung (!), dem Patienten durch Kollegen (oder Chef) erneut die Dringlichkeit einer operativen Therapie begründen.
#6 am 05.06.2018 von Unfallchirurg (Arzt)
  2
Kranke Schwester
"Und die Notfälle sind nachts etwas spezieller als tagsüber. Das kommt mir zumindest so vor." Genau so ist es auch! Nachts zu arbeiten, ist eine spannende Herausforderung! Vor allem in der Notaufnahme. Erfahrungsgemäß kommen da die "interessantesten Menschentypen". Oft psychisch Labile, Menschen, die nicht schlafen können (aus welchem Grund auch immer), Einsame und ab und an auch wirklich ein Notfall aus medizinischer Sicht. ;-) Mein persönliches "Highlight" war nachts um 3 die 17-jährige mit der kompletten 5-köpfigen Familie (und Freund) im Schlepptau. Sie hatte einmal erbrochen. Stationär aufgenommen mit V. a. Norovirus und Umschiebeaktion, um ein Iso-Zimmer zu schaffen. Prima! Die Pat. ist nach der Visite wieder nach Hause. Vomex-Infusion wirkt halt! Die Aktion vergess' ich nie!
#5 am 05.06.2018 (editiert) von Kranke Schwester (Gast)
  2
@#2: Absolut richtig! Mal davon abgesehen, es gibt auch viele andere Berufe, nicht medizinischer Natur, in denen nachts unter Streß und vollster Aufmerksamkeit gearbeitet werden muß. Niemand zwingt einen dazu, Arzt zu werden. Sollte ich jemals in eine derartige Situation kommen, hoffe ich, auf einen aufgeschlosseneren Kollegen zu treffen. Mensch Leute, was für uns Routine ist, ist für die meisten Menschen der absolute Horror! Es ist auch nichts Schlimmes, wenn ein Patient mal einen Artikel kennt, den unsereins noch nicht gelesen hat. Wir haben die Weißheit nicht mit dem Löffel gefressen. Ich denke, uns wird im Alltag nicht nur eine Publikation oder ein Update entgehen.
#4 am 05.06.2018 (editiert) von Peter Bräuer (Student der Humanmedizin)
  39
@Andres Schweigstill. Der Kommentar ist reinste Blasphemie!!
#3 am 05.06.2018 von Robert Richardt (Zahntechniker)
  30
Ich frage auch nach, wenn ich einen medizinischen Artikel gelesen habe, beispielsweise nach dem Einsatz der neuentwickelten Spritze bei Migräne, aber ich hoffe doch , der Arzt ist so drin in der Materie, dass er meinen Artikel nicht braucht. ( es sei denn, er bittet mich um eine Kopie - das ist mir tatsächlich schon passiert). In dem beschriebenen Fall glaube ich allerdings, da steckt eine große Angst dahinter vor der OP - und der Patient würde sich auch kopfüber am Dachsparren aufhängen, könnte er diese vermeiden. Was auch wohlmeinende Docs manchmal nicht auf dem Radar haben: Für sie Routine, für den Patienten ein Katastrophenfall.
#2 am 05.06.2018 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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In solchen Fällen ist die Sasche doch ganz einfach: - einen weiteren Zeugen hinzuziehen, in dessen Gegenwart dem Patienten noch einmal eindringlich die Gefahren einer unterlassenen Behandlung erzählt werden; den entsprechenden Entlassungsschrieb unterzeichnen lassen - ggf. die gewünschten Antibiotika verschreiben - ein paar Tage später die Sterbeanzeigen der lokalen Tageszeitung überfliegen - falls er den Durchbruch des Appendix doch noch überleben sollte, ggf. die Krankenkasse über die vermeidbar gewesenen Mehrkosten informieren, damit sie den Patienten vielleicht in Regress nehmen kann
#1 am 05.06.2018 von Andreas Schweigstill (Mitarbeiter Industrie)
  56
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