Impfen: Der Elternflüsterer

02.06.2018

In meinem Alter wird man altersweise. Gerade, wenn es um das Thema Impfen geht. Und von Impfdiskussionen gibt es viele. Ich bin nicht mehr so streng und abweisend wie noch vor Jahren. Dennoch gibt es Grenzen.

Ich bin überzeugter Impfmediziner. Das sollte aus zahlreichen Artikeln hier im Blog bereits deutlich geworden sein. Meine Grundeinstellung ist es, dass Impfungen zur modernen Medizin dazugehören, sich damit ausreichende geschulte Experten in der Ständigen Impfkommission einbringen und sehr genau entscheiden, wann welche Impfung zur Empfehlung wird und wann eine Empfehlung geändert oder gestrichen wird. Ein wenig Vertrauen gehört dazu.

Viel hängt das mit der eigenen Einstellung zur Medizin zusammen: Ich möchte einem Schutzbefohlenen möglichst alle Krankheiten ersparen. Wie ginge das besser als mit einer Impfung? Klar, kann die Medizin heute viel lindern, sogar heilen, was sie vor Jahrzehnten nicht konnte, aber jede Studie zeigt: Prävention zählt in allen Bereichen, so auch in der Infektionsverhinderung. Meine Kinder sind „durchgeimpft“, wie es so schön heißt. Das beinhaltet auch die HPV-Impfung für die Große und die FSME-Impfung für die lokalen Risiken.

U3: Die erste Gelegenheit, Impfungen näher zu bringen

Bei der U3 versuche allen Eltern, meine Einstellung näherzubringen. Der Zeitpunkt ist ausreichend früh. Die erste Impfung beginnt mit sechs bzw. acht Wochen (die Rota-Impfung, dann der Rest, also Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Kinderlähmung, Hämophilus influenzae, Hepatitis B und extra die Pneumokokken). Die Eltern haben noch viel Zeit zu überlegen. Meist sind sie schon informiert, leider oft fehlinformiert. In klärenden Gesprächen bei der U3 oder bei einem Extratermin zur Impfberatung geht es um weitere Aufklärung, die heutzutage meist eher der Widerlegung von Mythen und falschen Behauptung dient. Fake-News-Prophylaxe.

Ein beliebtes Gegenargument der Eltern: die frühe Impfung. So klein, so empfindlich, Neuronenentwicklung, Verträglichkeit, all dies wird angeführt. Und ich verstehe die Eltern: Das empfindliche sensible unversehrte Neugeborene möchte niemand mit Nadel gestochen sehen, es ist der Eingriff in die Unversehrtheit.

Rota, Keuchhusten, Windpocken

Die Rota-Impfung sollte mit 6 Wochen begonnen werden und allerspätestens in der 24. Lebenswoche beendet sein, sonst entwickelt der Organismus zu wenig Antikörper und das Nebenwirkungs-Spektrum vergrößert sich, vor allem das Risiko für das Auftreten einer Darmverstülpung nimmt zu. Entscheiden sich Eltern also für eine spätere Impfung, fällt diese meist komplett flach. Das muss ich kommunizieren.

Die U5, also die Untersuchung mit einem halben Jahr, ist eine magische Marke. Jetzt scheint erstmal alles stabiler zu sein. Jetzt ist eine Impfung okay. Also dann. Dann impfe ich eben erst mit sechs Monaten. Die Risiken einiger Erkrankungen werden klar benannt, beispielsweise von einer Keuchhusteninfektion: Sie kann letal verlaufen, zumindest aber wandern eigentlich alle Säuglinge ins Krankenhaus, da sie plötzliche Atemstillstände durchlaufen können. Von der späteren Bronchialempfindlichkeit ganz zu schweigen. Noch mehr kann ich erzählen zur besseren Antikörperbildung, der besseren Verträglichkeit bei früher Impfung, sicher auch dem hoffentlich schnelleren Vergessen.

„Wir wollen lieber nicht alles impfen“

Eltern möchten oft nicht alles impfen. Welches sind hier die üblichen Verdächtigen?

Über all diese Impfungen kann ich vortrefflich aufklären und diskutieren und mache das auch. Ich bringe Ankedoten ein, um die Studienlage zu unterfüttern. Ich erzähle von den hohen Krankenhauszahlen der durchfallerigen Säuglingen vor nicht mal zehn Jahren und dem deutliche Rückgang dieser Zahlen, erzähle von den chronischen Verläufen bei Hepatitis B und den hautgeplagten Einjährigen, die nun doch den Juckreiz der Windpocken ertragen müssen. Ein „Ätsch“ liegt mir zwar fern, aber nicht selten haben Eltern die Verweigerung der Varizellenimpfung im Nachhinein bereut, als sie sahen, was die Infektion mit der Haut anrichtet.

Die Entscheidung nicht aus der Hand geben

Eltern möchten das Gefühl haben, selbst zu entscheiden. Paternalismus ist ein Trugschluss der heutigen Zeit, dennoch gibt es Eltern, die sich eine lenkende Beratung durch den Kinderarzt wünschen. Was wird empfohlen, warum und warum nicht, welche Risiken und welchen Benefit gibt es. Ich kann den Eltern nur die Empfehlungen darlegen, entscheiden müssen sie dann schon selbst.

Fragen, die aus Verunsicherung aufkommen lauten folgendermaßen: Ob ich meine eigenen Kinder impfe (ja) und wie andere Eltern das sehen (über 95 Prozent der Eltern impfen ihre Kinder). Diese Eltern haben sich meist von der gefühlten, aber falschen Wahrheit beeinflussen lassen, dass mehr und mehr Eltern Impfungen kritisch gegenüber stehen. Impfquoten bestätigen das aber keineswegs. Impfgegner haben einfach die größere Klappe und sind vor allem in den sozialen Medien viel besser vernetzt.

Diese Eltern-Gruppen gibt es

So kann ich im Moment folgende Eltern-Gruppen unterscheiden:

Ich impfe, wen ich gesund sehen möchte

Die Gruppen existieren nicht in gleichmäßigen Größen. Die letzten beiden Gruppen erscheinen häufig erst gar nicht beim Arzt oder haben sich informiert, dass in meiner Praxis mit ihrer Einstellung kein Land zu gewinnen ist. Die ersten zwei Gruppen machen die oben genannten 95 Prozent der Eltern aus. Um die beiden mittleren Gruppen müssen wir uns als Ärzte aber besonders kümmern, denn diese können wir eventuell mit guten Argumenten erreichen.

„Wir impfen nur die Kinder, die wir behalten wollen“, so oder ähnlich geistert ein Meme durch die sozialen Medien. Dr. House hat diese Aussage auf seine Weise unterstrichen, in dem er die Kindersärgeindustrie mit der der Impfgegner verbandelt sah. Bleiben wir in diesem Bild, so impfen Mediziner die Kinder, die sie gesund sehen wollen. Welchen anderen Nutzen hätte es sonst?

 

Dazu auch: „Wer alle Impfungen verweigert, den schmeiße ich raus“

Ursprünglich hier

Bildquelle: Ruth Hartnup, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 04.06.2018.

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Medizin, Pädiatrie
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Gast
Leider ist das RKI aus Erfahrung nur das Sprachrohr der Pharmalobby. Wir finden den Kommentar der Ärztin sehr erstaunlich, da die Wahrheit mal gesagt. wird und geschrieben wird . Ich möchte nur an die Worte von Hr. Verheugen vor der Pharmaindutrie bei seinem Auftritt erinnern. " Mit mir brauchen sie keine Angst vor Umsatzeinbußen haben." Ob die Mittel helfen oder nicht. SCHADE, dass es der Pharmalobby und den meisten Ärzten nur um Gewinn geht und nicht um den Mensch. Solange die Doktorväter an den Unis Ihr Unwesen treiben dürfen.
#10 am 10.06.2018 von Gast (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Gast
Bei all den interessanten Argumenten für das Impfen fehlen mir doch die Zahlen des RKI. In den letzten Jahren sind statt der vielen Rotavirusinfektionen nun eher Noroviren das Problem. Also denke ich, wann kommt endlich ein Impfstoff gegen Noroviren. Die Bakterien und Viren sind i.d.R. schneller als die Industrie. Rein biologisch betrachtet. Auch werden Replacement und Mutationen beobachtet.
#9 am 09.06.2018 von Gast (Ärztin)
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Kranke Schwester
Hmmm - wieso fällt mir bei den Impfdiskussionen immer wieder der "Darwin Award" ein... Und jetzt: Her' mit den Schlägen und Daumen runter! Zeigen Sie, was Sie können! :-D
#8 am 06.06.2018 von Kranke Schwester (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Zustimmung #5, es geht auch darum, andere zu schützen, sprich die Gesellschaft, in der wir leben. Darum sollte man übrigens auch Jungs gegen HPV impfen, damit die ihre Freundinnen nicht anstecken und nicht nur die Mädels (gell, Herr kinderdok;) Der angesprochene Meme ist übrigens folgender: "Herr Doktor, muß ich meine Kinder impfen lassen?" Antwort: "Nein, nur die, die Sie behalten wollen." M.E. hat das jemand aus der Tiermedizin abgeguckt, wo sowas tatsächlich sinnvoll ist, während solcherart selektives Vorgehen übertragen auf Kinder in westlichen Kulturen unmittelbar schockieren sollte.
#7 am 06.06.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
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Kranke Schwester
@ Moderation/Administration: Kann man die Übernahme von Absätzen in die veröffentlichten Beiträge vielleicht irgendwie einrichten? Absätze gehen nämlich zwischen Vorschau und Veröffentlichung immer "verloren", was das Lesen von längeren Texten echt erschwert.
#6 am 05.06.2018 von Kranke Schwester (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
  0
Kranke Schwester
Wenn fehlende Impfungen sich nur auf den Betreffenden auswirken: Nur zu! Bei Impfungen, die andere Menschen gefährden, bin ich da nicht so tolerant. Es gibt Menschen, die nicht geimpft werden können bzw. dürfen. Oder nur unter strengsten Bedingungen. Ich halte es für meine Pflicht, meine Mitmenschen zu schützen - auch, wenn mir meine eigene Gesundheit vielleicht eine Impfung nicht "wert" ist.
#5 am 05.06.2018 von Kranke Schwester (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
  2
Hallo Herr Kuerschner - jaaaa. Ich habe lange in den Tropen gelebt - und da kann man mit Impfungen nicht spaßen , da sind sie lebenswichtig. Nicht die Impfung ist der "erste-Welt- Luxus" , sondern das Unterlassen. Daher auch die Kopplung eines vollständigen Impfbuches an den Schul- und Kindergartenbesuch. Man weiss einfach, wie schlimm eine Erkrankung werden kann . Daher ist gottseidank kein Kind, das ich kenne, an einer Krankheit gestorben, gegen die man impfen kann.
#4 am 05.06.2018 (editiert) von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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@#1+2: und dazu kommt: wenn wir hier niedrigere Impfquoten hätten, würden wir bei der Kindersterblichkeit bald wieder mittelalterliche oder "afrikanische" Zustände haben. Ein Kollege von mir ist von der Abstammung her Tunesier. Seine Oma hatte noch 13 Geschwister, von denen nur zwei überlebt haben. Seine Eltern haben vier Kinder, und er selbst nur zwei. Ich habe mal in der Firma eine kleine Umfrage gemacht: niemand hier kennt einen Fall von Kindersterblichkeit. Das dürfte so seine Gründe haben...
#3 am 05.06.2018 von Wolf Kuerschner (Mitarbeiter Industrie)
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Arzt
@#1 also ich lese in ihrem zitierten Artikel aus JAMA etwas anderes. Die ungeimpften Kinder waren seltener bei ambulanten Arztbesuchen, jedoch häufiger stationär! Zitat:" In a matched cohort analysis, undervaccinated children had lower outpatient visit rates compared with children who were age-appropriately vaccinated (incidence rate ratio [IRR], 0.89; 95% CI, 0.89- 0.90). In contrast, undervaccinated children had increased inpatient admission rates compared with age-appropriately vaccinated children (IRR, 1.21; 95% CI, 1.18-1.23). " Das deckt sich ja mit dem Artikel. Einige Impfverweigerer versuchen ambulante Termine zu vermeiden, schließlich könnte es ums impfen gehen. Und kommen dann erst stationär, wenn es eigentlich zu spät ist.
#2 am 05.06.2018 von Arzt (Student der Humanmedizin)
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Es gibt in der Weltwirtschaft nur noch wenige Produktlinien, die klare Zuwächse an Umsatz und Gewinn aufweisen. Neben dem IT-Bereich ist dies vor allem das Gesundheitswesen, und hier speziell das Impfwesen mit mehr als 10% Zuwachs/Jahr. Wer Impfungen in Frage stellt oder sie verweigert, gilt als antisozial. Dies ist verständlich, wenn es sich um tatsächliche Epi- oder Pandemien handelt, die eingegrenzt werden müssen. Unverständlich ist es, wenn Neugeborene, die über mehrere Monate ein unausgereiftes und kaum reagibles Immunsystem haben, im ersten Lebensjahr 32 Impfstoffe appliziert bekommen. Allergien und Autoaggressionen sind die Folge. JAMA Pediatrics (2013); 320.000 Kinder wurden ausgewertet (Alter von 2-24 Mon.). Frage: geimpfte versus nicht-geimpfte Kinder. Ergebnis: nicht-geimpfte Kinder wurden signifikant seltener stationär oder notfall-mässig behandelt als geimpfte Kinder. Human & Experimental Toxicology (2011); Ergebnis: zwischen der Anzahl der Impfungen und der Kindersterblichkeit in den Industrieländern besteht eine direkte statistische Korrelation. www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3170075/ http://archpedi.jamanetwork.com/article.aspx?articleID=1558057#qundefined www.impfinfo.de/index.php?option=com_content&view=article&id=76:impfungen-und-kindersterblichkeitin-derq3-weltq&catid=18:auswirkungen&Itemid=324
#1 am 04.06.2018 von Dr. med. Manfred Doepp (Arzt)
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