Schwindel mit anderen Augen sehen

16.05.2018

Herr Wittmann war schon überall. Viele Ärzte haben diverse Untersuchungen vorgenommen, keiner kann ihm helfen. Seit einem halben Jahr leidet er unter Schwindelattacken. Er ist Mitte 60, aber eigentlich sehr fit, nimmt keine Medikamente und treibt Sport.

„Beschreiben Sie doch bitte Ihren Schwindel. Wann tritt er auf, wie fühlt sich das an und wie lange dauert er? Gibt es einen Auslöser?“, frage ich ihn.

„Also“, beginnt er. Das wird dauern, denke ich sofort.

„Seit sechs Monaten habe ich Schwindel. Wenn ich vor einer Treppe stehe und nach unten auf meine Füße sehe, habe ich das Gefühl, nach vorne zu fallen.", schildert Herr Wittmann seine Beschwerden. „Ich halte mich dann an der Wand fest und nach wenigen Sekunden geht es wieder.“

Viele Arztbesuche, wenig Erkenntnis

Dann kommt die lange Auflistung der bisherigen Arztbesuche jeweiliger Diagnostikverfahren:

„Habe ich etwas vergessen?“, schließt er seine Aufzählung ab.

Wieder ein Arzt, der nicht helfen kann

Alle Untersuchungen blieben bisher ohne Ergebnis. Bevor ich Herrn Wittmann zu einer aufwendigen Elektronystagmographie einbestelle, mache ich noch kurz orientierende Untersuchen mit der Frenzelbrille, Romberg und Unterberger: unauffällig. Im Behandlungsraum mache ich einen Lagerungstests: nichts.

Herr Wittman scheint nicht überrascht, dass ich ihm bisher auch nicht helfen kann. Wieder nur ein Arzt, der nicht weiter weiß. Er nimmt den Termin zur Wiedervorstellung entgegen, setzt seine Brille auf und wirft seine Jacke über.

Moment! Die Brille!

„Herr Wittmann, wie lange haben Sie diese Brille schon?“, frage ich ihn noch.

„Och, ich habe schon seit Jahrzehnten eine Brille.“

„Und genau diese?“

„Seit einem halben Jahr. Warum?“

Mit der Brille auf der Nase bewegt er seinen Kopf ganz anders. Das fällt auf, als er seinen Autoschlüssel aufhebt und die Tasche vom Boden aufnimmt. Kleiner Ausfallschritt nach vorne.

Diagnostik im Treppenhaus

„Kommen Sie mal bitte mit ins Treppenhaus, Herr Wittmann.“

„Wieso?“

Wir gehen am Wartzimmer vorbei nach draußen und ich kann die entsetzen Gesichter der Patienten auf meiner Haut spüren. Der Arzt verläßt die Praxis. Dann stehen wir vor der Treppe in den nächsten Stock. Ich sage ihm, dass er mal auf seine Füße sehen und dann die Treppen betreten soll und stehe zur Sicherheit neben ihm. Er wirkt verwirrt und muss tatsächlich auch jetzt einen Ausfallschritt machen. Ich halte ihn.

Verunsichert bleibt er unten stehen.

„So, jetzt geben Sie mir mal Ihre Gleitsichtbrille und versuchen es noch einmal.“

Als er sicher die ersten Stufen erklommen hat, dreht er sich um und wir freuen uns, dass wir mit etwas gesundem Menschverstand der Ursache auf die Spur gekommen sind und die Lösung des Problems einfach und preiswert ist.

 

Bildquelle: Florian Plag, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 17.05.2018.

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Medizin, HNO
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Manchmal kann die Lösung so einfach sein. Meine erste Brille war eine Gleitsichtbrille, nachdem ich die Korrektur meiner Fehlsichtigkeit so lange herausgezögert hatte, bis es nicht mehr ging. Solange ich im OP vor dem Narkosemonitor saß, war es kein Problem. Erst als ich über den Flur lief hatte ich das Gefühl, dass mir der Fußboden entgegen kam. Nach 3 bis 4 Wochen hatte ich mich an die Gleitsichtbrille gewöhnt.
#1 am 18.05.2018 von Ulrich Sallen (Arzt)
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