Karl kann gipsen. Und sonst nichts.

14.05.2018

Ich habe Notaufnahmedienst mit Notfallpfleger Karl. Er macht den Job schon eine halbe Ewigkeit und wechselt die Kliniken wie andere ihre Unterhosen. Als Arbeitskraft von der Zeitarbeitsfirma bleibt er höchstens sechs Monate an einem Ort.

Das ist lukrativ. Er verdient um einiges mehr als die fest angestellten Pfleger, bekommt Wohnung und Auto gestellt und es ist ihm egal, ob er seine Familie sieht. Er ist geschieden, die Kinder sind längst erwachsen und die Katze kann überall hin mit. Dass die Klinik ihn hauptsächlich für Nacht- und Wochenenddienste einträgt, begrüßt er sehr. Mehr Geld, weniger Alltagskram, weniger Kollegen, die ihm in seine Arbeit reden.

Er ist flink, effizient und kann super gipsen. Natürlich weiß er alles besser. Die Schulterreposition wäre mit seiner Methode viel schneller gegangen, die Platzwunde hätte er mit Steristips versorgt und nicht mit einer Naht und außerdem sei es völlig unnötig, den der Urinstatus der Patientin zu bestimmen. Den Patienten mit dem Rückenschmerz hätte er ohne Schmerzmittel nach Hause geschickt und den Eltern des kleinen schreienden Jungen mal ordentlich den Marsch geblasen.

Karls Umgang mit den Patienten ist schrecklich

Grundsätzlich arbeite ich mit erfahrenen Pflegern sehr gerne zusammen. Man erfährt viel über alternative Methoden, kann dazu lernen und die Anekdoten von früher sind meist amüsant. Karl jedoch terrorisiert meine Ohren. Mein Versuch auf Durchzug zu stellen, geht mächtig in die Hose. Er interpretiert mein Schweigen als stumme Zustimmung. Ich versuche, mich an meine gute Kinderstube zu erinnern und Respekt zu zollen, der Erfahrung und des Alters wegen. 

Irgendwann verliere ich jedoch die Geduld. Er schreit den Dementen im Flur an, er solle endlich seine Klappe halten und versucht, ihm die Arme an das Bettgitter zu binden. Ich komme in das Behandlungszimmer, als er einer stark adipösen Frau erklärt, dass es für sie lediglich Schmerzmittel in Form von Suppositorien gäbe. Denn man könne nicht von ihm erwarten, bei ihr eine Vene zu finden. Er warnt einen vermeintlich homosexuellen Patienten davor, ihn zu begrapschen, während er ihm einen Unterschenkelgips anlegt.

Pflege ohne Herz und Verstand

Meine Schilderungen sind leider geschönt und in schreibbare Worte gefasst. Die tatsächliche Art und Weise der Kommunikation erinnert an einen Gefängniswärter aus einem Horrorfilm. Ich schreite ein, unterbinde, verweise ihn des Raumes. Ich versuche mehrere Male, ihn zu mäßigen und an soziale Verhaltensnormen zu erinnern. Es misslingt gänzlich.

Als er einer depressiven, alkoholisierten, gestürzten Frau rät, das nächste Mal einfach noch ein bisschen mehr zu trinken oder wenigstens die Treppe direkt ins Bahnsteiggleis hinunter zu stürzen, bleiben mir die Worte im Hals stecken. Ich erkundige mich bei Kollegen und Pflegedienstleitung. Mehrfache Beschwerden von Patienten, Kollegen und ärztlichem Personal seien eingegangen. Man habe bereits zwei Verwarnungen ausgesprochen. Aber der Pflegedienstmangel sei nun mal ernst zu nehmen.

Wir brauchen Pflege. Ja. Aber eine, die gut ausgebildet ist und mit Herz und Verstand arbeitet. Eine, die aufbaut und keine, die zerstört.

 

Bildquelle: Rev Stan, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 15.05.2018.

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Kranke Schwester
Laien und "Gäste" können gegen authentische Berichte aus dem Alltag von Angestellten eines Krankenhauses nur ätzen, sonst nichts. Langsam wird die Kommentarfunktion hier echt zur Farce...
#17 am 06.06.2018 von Kranke Schwester (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Kranke Schwester
dass sie sich ein Stück weit am Riemen reißen können. Pat. anschreien (leider selbst oft genug erlebt) ist ein absolutes NoGo - auch (oder: vor allem), wenn der Patient dement ist. Erstens regt das den Patienten in der Regel erst recht auf und zweitens wird er auch die geschrienen Worte nicht besser verstehen (kognitiv) als die gesprochenen Worte. Patienten zu erziehen und zu missionieren (Sie dürfen nicht mehr rauchen, trinken, kiffen, naschen, etc.) sehe ich auch nicht als meine Aufgabe an - ich bin kein Pfarrer. Beraten ja, gerne. Aber nicht missionieren - das ist albern - vor allem, wenn der Patient seit 50 Jahren raucht oder trinkt. Der lacht mich nur aus, wenn ich ihm erzähle, dass das ungesund ist. Hat er auch Recht. Trotzdem MUSS ich ihn ernst nehmen. Und das mache ich persönlich auch! Es ist und bleibt ein Mensch!
#16 am 02.06.2018 von Kranke Schwester (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
  0
Kranke Schwester
Solche "Kollegen" braucht niemand. Und wenn Ihr Bericht sogar noch geschönt ist, bin ich auch der Meinung, dass eine erneute Beschwerde von Ihnen ausgesprochen werden sollte. Nachts und am Wochenende kommen erfahrungsgemäß auch die meisten Pat., die vielleicht einfach "nur" einsam und/oder psychisch labil sind neben den "üblichen" Notfällen natürlich. Die werden sich bedanken, womöglich nach einem Suizidversuch auf so einen "Pfleger" zu treffen. Ein Krankenhaus hat auch einen Ruf zu verlieren. Und gerade in der Notaufnahme landen die meisten Patienten zuerst. Spricht sich das rum, dass dort so ein "Pfleger" arbeitet, leidet der Ruf der gesamten Klinik und Pat. werden sich im Zweifelsfall lieber woanders gipsen bzw. sonstwie behandeln lassen. Persönliche Befindlichkeiten sind meiner Meinung nach keine Entschuldigung, sich auf der Arbeit wie die Axt im Wald zu benehmen. Natürlich hat jeder mal einen schlechten Tag. Aber von erwachsenen, professionell Pflegenden erwarte ich auch,
#15 am 02.06.2018 von Kranke Schwester (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Gast
Unfallchirurginundmutter kann/muss gegen andere ätzen. Und sonst nichts.
#14 am 27.05.2018 von Gast (Nichtmedizinische Berufe)
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Für mich klingt das auch nach einem viel zu abgestumpften, zu selsbtsicheren, vorverurteilenden und überarbeitetem Menschen, der so keinesfalls mehr in seinem Beruf vertretbar ist. #1: " Das Bahngleis - da sollte er sich davor in Acht nehmen, nicht die Patientin. Der Mann braucht Hilfe." Das mag sogar sehr gut sein. Ändert aber nichts an der Tatsache, dass es sehr gut möglich ist, mit einer solchen Aussage suizidale Handlungen bei den betreffenden Personen hervorzurufen. Denn wer "ganz unten" ist und dann selbst von Ärzten und Helfern keine Hilfe bekommt oder abgestoßen wird, sieht schnell keinen anderen Weg. Denn das ist oftmals die einzige oder auch letzte Anlaufstelle, da MUSS Verlass drauf sein.
#13 am 22.05.2018 von J. Kögler (Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA))
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Da geht es ja zu wie in der forensischen Psychiatrie:Aber auch hier wurden die Gesetze moderater.Faschistische Methoden sollten obsolet geworden sein,-nur:Extremfälle bleiben leider.
#12 am 22.05.2018 von Thomas Günther (Nichtmedizinische Berufe)
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Herr Bräuer, Kommentar 10 : "Würden diese Damen und Herren in der freien Wirtschaft - jenseits eines Krankenhauses - arbeiten, hätten sie wohl eine extrem kurze Halbwertszeit." eine Klinik , das IST heutzutage die freie Wirtschaft - vielleicht liegt da ja die crux. ....
#11 am 17.05.2018 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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Man kann sich den Vorredner nur anschließen. Dieser "Pfleger" gehört gekündigt. So "weit hergeholt" ist diese Schilderung leider nicht. In der der heutigen Zeit, die vom chronischen Sparen gezeichnet ist, mangelt es immer mehr an Menschlichkeit. Derartige "Kollegen" werden in den Krankenhäusern oft toleriert und akzeptiert. Würden diese Damen und Herren in der freien Wirtschaft - jenseits eines Krankenhauses - arbeiten, hätten sie wohl eine extrem kurze Halbwertszeit.
#10 am 16.05.2018 von Peter Bräuer (Student der Humanmedizin)
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Gast
Kann dem Ganzen nicht so Recht Glauben schenken. Soll sich das wirklich so zugetragen haben? Habe auch schon viel verschiedene Kliniken, Abteilungen, Stationen und Notfallambulanzen und dementsprechend viele Pflegekräfte kennen gelernt, aber so etwas ist mir noch nicht untergekommen. Wenn, dann habe ich so ein Verhalten höchstens bei ärztlichen Kollegen erlebt, aber nicht bei der Pflege.
#9 am 16.05.2018 (editiert) von Gast
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Schwester Latka, Kommentar 4: Hilfe und Entlassung ist kein Widerspruch: Gerade ist dieser Mann als Pfleger nicht tragbar. Ich sehe ihn in der Selbst- aber auch durchaus in der Patientengefährdung. Die Hilfe ist eine psychologische/ psychiatrische Behandlung mit Krankschreibung , auf jeden Fall Suspendierung vom Dienst, so meinte ich das , keinen Kuschelkurs.
#8 am 16.05.2018 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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...ich hoffe doch sehr, dass es zur Anzeige gekommen ist. Selbst beim lesen erschüttert es einen. Persönliche Krankheit/ Psychisches Defizit hin oder her, Kriegsveteranen gibt es leider genug. PS. Mitwisser sind meiner Meinung hier in der Pflicht. LG Fach/Doz. Nfm.
#7 am 16.05.2018 von Uwe Fred (Rettungssanitäter)
  5
Solche „Kollegen“ gibt es leider immer und überall. Ob ein solche Kollege Hilfe oder nen Satz heisse Ohren braucht, da kann man unterschiedlicher Meinung sein. Pflegenotstand ist in einem solchen Fall, meiner Meinung nach, ne billige Ausrede für Rückratsreihe Pflegedirektionen. Die Zeitarbeitsfirma will Geld verdienen, wenn die Pflegedirektion diesem Menschen Hausverbot erteilt wird die Zeitarbeit jemand anders schicken. Wenn das genügend Häuser machen wird er von seinem Chef auf den Pott gesetzt, lernt was oder kann Dosen sammeln gehen.
#6 am 15.05.2018 von Georg Gründel (Gesundheits- und Krankenpfleger)
  4
@ St. Kaufhold. Warum nicht (verbal) dem Pat helfen? Stimmt, erstmal herrscht Sprachlosigkeit. Aber dann? Gewalt in der Pflege fängt lange vor unerlaubter Fixierung an. Einschreiten kostet Überwindung. Ja. Ist aber nötig für die PatientInnen. Und letztendlich auch für die gesamte Berufsgruppe. Für das Haus. Die Leasingfirma. Auch wenn der eigene Puls dabei rasant ansteigt.
#5 am 15.05.2018 von Krankenschwester Hildur Bohland (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
  2
...nein, er braucht keine Hilfe, sondern Entlassung, denn es gibt nicht nur kranke ausgebrannte Kollegen, es gibt sie nun mal leider auch in der Pflege, echte A... (das verbotene Wort)!! Gottseidank selten!!!!
#4 am 15.05.2018 von Schwester Annette Latka (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Gott sei Dank werden das nur Einzelfälle sein.. hoffe ich... Ich bin seit 38 Jahren Krankenpfleger..zwischenzeitlich Pflegedienstleiter, Pflegesachverständiger und Gutachter, die letzten Jahre bis zur Rente bin ich in einem Pflegedienst in der ausserklinischen Heimbeatmung tätig. Im Normalfall ist der Notstand anders gelagert: keine Zeit..zu viele Patienten, Stress,... In der Beatmungspflege kann ich mein Pflegerherz noch ausleben..mit Herz und Verstand liebevoll arbeiten..bin nun auch 12 Std in einem Einsatz bei einem Patienten.. 15 Tage im Monat..mindestens.. Herzlichkeit muss nicht mit den Berufsjahren verloren gehen..im Gegenteil: wir 'Alten' haben oft ein zu gutes Herz..der Pflegeethos wird einem im Normalfall durch Vorschriften und den verschiedenen raffsüchtigen..ach ne, profitorientierten Pflegeeinrichtungsinhabern mangels Zeit verwehrt... Nur mal für unseren Berufszweig gesprochen..liebe Grüße in die Runde!
#3 am 15.05.2018 von Sachverständiger Dirk-Sönke Springborn (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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Haben wir alles schon gehört...und Gesehen. Kein Einzelfall sondern immer mehr die Regel. Der Burnout ist eben nicht nur der feind der Ärzte. heute gilt eben: Lieber miese Pflege als keine Pflege. Selbst als Kollege kann immer öfter nur Kopfschüttelnd zusehen und sich schämen.
#2 am 15.05.2018 (editiert) von Stefan Kaufhold (Altenpfleger)
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Bin ganz erschüttert. Ist das die Tendenz, jedem eine pflegerische Laufbahn vorzuschlagen, der bei drei nicht auf dem Baum ist? Aber halt.....dieser Pfleger ist ja nicht neu, der hat das früher gelernt. Halte ihn für ausgebrannt, zynisch, eventuell sogar depressiv und suizidal. Das Bahngleis - da sollte er sich davor in Acht nehmen, nicht die Patientin. Der Mann braucht Hilfe.
#1 am 15.05.2018 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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