So machen wir die Patienten krank

09.05.2018

Bing. Bing. Bing. Bing. Bing. Ein tiefer, fast schon kehliger Ton. Nicht der hektische viel höhere atemlose Notfallalarm. Das kleine Läuten des Alarms ist bis in die letzten Zimmer zu hören. Zumindest für die geübten Ohren. Irgendwas passt nicht: Knick in der Leitung, merkwürdiger Blutdruckwert. Der Alarm ist harmlos, aber bingt ununterbrochen.

Man wird ja mit den Jahren immer geräuschempfindlicher, vor allem, wenn keine offensichtliche Not da ist. Bei zig Monitoren, die in der Notaufnahme stehen, piepst und alarmt es immer irgendwo und allenthalben. Dazu kommt das Schrillen des Telefons, das aus unerfindlichen Gründen nicht leiser gestellt werden kann. Alle reden mit- und durcheinander, schwerhörige Patienten werden laut angesprochen und, und, und …

Bing. Bing. Bing. „Stört dich der Alarm nicht?“, frage ich den jungen Kollegen scheinheilig?

„Aber nein!“, antwortet er artig.

Ich möchte ihn ein bisschen hauen und dazu rufen: „Aber deinen Patienten vielleicht, du Pappnase!“

Mach ich aber nicht. Ich bin meistens ein netter Mensch und da haut man seine Kollegen nicht. Vor allem die nicht, die neu sind und diesen „Ohrenüberhang“ noch nicht haben. Ich drücke den Alarm weg. Der jugendliche Kollege wird ein Referat über Nocebo hören.

Der Patient wird durch den Alarm unruhig

So schön es auch ist, dass der Alarm den Kollegen nicht stört, weil er das Geräusch kennt und einschätzen kann: Der Patient kennt es nicht. Er hört ein permanentes „Bing. Bing. Bing“. Im besten Falle hat der Patient einschlägige Krankenhaus-Serien schon mal geschaut. Im schlimmsten denkt er: „Oh mein Gott. Alarm! Ich bin tatsächlich unfassbar krank. Ach, du liebe Zeit. Die ganze Zeit der Alarm wird ein schlechtes Zeichen sein. Ich fühle mich kränker/schwächer/ blümeranter als je zuvor.“

Der Nocebo-Effekt ist das negative Gegenstück zum Placebo-Effekt, das dürfte bekannt sein. Noch einmal kurz zusammen gefasst: Die Begriffe kommen aus dem Lateinischen. Placebo steht für „Ich werde gefallen“. Dieser Effekt tritt ein, wenn ein Mittel ohne Wirkstoff, also ein Scheinmedikament, Schmerzen lindert.

Beim Nocebo-Effekt ist es genau andersherum. Der Begriff bedeutet „Ich werde schaden“. Beim Nocebo-Effekt handelt es sich um negative Reaktionen des Körpers auf beispielsweise eine medizinische Behandlung – diese kann etwa durch negative Einstellungen, Angst oder frühere negative Erfahrungen hervorgerufen werden.

Nocebo kann viel Schaden anrichten

Da, wo mit Hilfe der Placebo-Effekte Schmerzen gelindert werden können, verschlimmert der Nocebo-Effekt die Beschwerden. Es treten sämtliche Nebenwirkungen eines Medikaments auf und überhaupt passiert allerlei Merkwürdiges. Seele und Geist interagieren mit dem Körper aufs Vortrefflichste. Das, was ich erwarte, tritt ein. Woran ich glaube, passiert.

Prinzipiell geht es bei dem Nocebo-Effekt um eine Reaktion auf ein medizinisches Präparat. Die Pharmafirmen sind aufgrund immer strengerer Sicherheitsbestimmungen verpflichtet, jede Nebenwirkung, die jemals irgendwo aufgetreten ist, im Beipackzettel aufzulisten – und sei sie noch so selten. Wer einmal aufmerksam den Beipackzettel eines gewöhnlichen Schmerzmittels liest, wird vor Angst erstarren. Was man davon alles bekommen kann …

Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit, von einem Blitz erschlagen zu werden, größer als das Risiko durch besagtest Mittel plötzlich Pusteln zu bekommen. Die Hauptaufgabe eines Beipackzettels ist nicht die allumfassende Information des Patienten. Pharmakonzernen geht es in erster Linie darum, mögliche Schadensersatzansprüche zu vermeiden.

Unsere Worte sollten mit Bedacht gewählt sein

Doch Medikamente sind nur das eine. Im Krankenhaus erleben wir oft, wie dieser Nocebo-Effekt losgeht. Wir erleben jeden Tag, dass die Ankündigung einer Behandlung oder Verkündung einer Diagnose unterschiedliche Effekte auf die Patienten haben kann. Das liegt oft auch an unsere Sprache. Oder an nicht ausgeschaltete Monitoren. An Geräuschen aus dem Nebenzimmer. An Geplauder auf dem Flur, bei dem es eigentlich um jemand anderen geht, von dem der Patient aber annimmt, es gehe um ihn. Das Gehörte dichtet er deshalb entsprechend auf sich und seine Beschwerden um.

Das medizinische Personal verwendet häufig eine Sprache, die dem Laien nicht vertraut ist. Der amerikanische Kardiologe und Friedensnobelpreisträger Bernhard Lown hat einmal den schönen Satz geprägt: „Ich kenne nur wenige Heilmittel, die mächtiger sind, als ein sorgsam gewähltes Wort.“

Jedes Wort auf der Goldwage

In Zeiten von Krankheit und Unsicherheit legen Patienten jedes Wort auf die Goldwaage. Nun kann man unter Stress nicht jedes Wort gewienert und geschrubbt sorgsam auf diese Goldwaage lege. Aber man sollte sich bewusst werden, wenigstens ab und zu, was man mit einer unbedachten Ausdrucksweise alles anrichten kann. Mit all diesen täglich sorglos vor sich hingeblubberten Sätze. Hier eine kleine Auswahl:

Wer so spricht, muss sich nicht wundern, dass sensible Zeitgenossen vor Angst schlottern. Wer allerdings erlebt hat, wie Worte auf Patienten wirken können, wird sich bemühen, eine Sprache zu finden, die passend ist. Und glaubt mir: Ich habe es selbst erlebt und mich häufig geschämt – leider meist erst hinterher. Aber das ist der Vorteil: Wer es einmal verkackt hat, wird es beim Nächsten schon viel besser machen.

 

Bildquelle: Otis Historical Archives National Museum of Health and Medicine, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 16.05.2018.

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Kranke Schwester
Das Phänomen kennt man übrigens in der Psychologie auch unter "selbsterfüllender Prophezeihung". Self-fulling-prophecy oder so wird's geschrieben. Insgesamt: Prima Artikel!
#9 am 02.06.2018 von Kranke Schwester (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Kranke Schwester
Bei höreingeschränkten Menschen ist übrigens die Frequenz der Sprache wichtig, in der gesprochen wird - NICHT die Lautstärke! Möglichst deutlich und mit tiefer Stimme sprechen und BITTE NICHT ins Ohr kreischen!
#8 am 02.06.2018 von Kranke Schwester (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Kranke Schwester
Für Patienten ist ein Krankenhausaufenthalt oft eine Ausnahmesituation. Angst ist da oft sehr stark vorhanden. Vor allem, wenn der Pat. med. Laie ist und womöglich das erste Mal irgendwo stationär ist. Sachliche Informationen sind da Gold wert! Die beruhigen mehr als pseudo-lustige Sprüche.
#7 am 02.06.2018 von Kranke Schwester (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Kranke Schwester
Worte und Humor können heilen (Eckart v. Hirschhausen). Worte (Humor) können aber auch verletzen und Ironie versteht nicht jeder. Demnach plädiere ich für den sparsamen Einsatz von Ironie und Sarkasmus. Verbales Feingefühl - auch wenn's manchmal im Arbeitsalltag wirklich schwer fällt. Und natürlich heißt der Btm-Schlüssel auch bei uns "Gifti" und das rutscht mir auch manchmal leider selbst raus. Die anderen Sätze hat man noch nie von mir gehört und so wird das auch bleiben. Worte wirken!
#6 am 02.06.2018 von Kranke Schwester (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Natürlich kann Humor die Situation entspannen. Nur muss dann eben zweifelsfrei feststehen, dass der Humor als solcher auch von den Betroffenen in der jeweiligen Situation erkannt wird. Davon ist in aller Regel nicht auszugehen. Auch sind vermeintlich wohlgemeinte und aufmunternde Sprüche nicht angebracht: "Wenn ich mir einen Tumor aussuchen könnte, dann ihren." "Sie werden irgendwann in hohem Alter an etwas anderem sterben, aber nicht daran" (der Betroffene starb zweieinhalb Jahre später mit Mitte 40, genau "daran")
#5 am 18.05.2018 von Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast (Biologe)
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@ Frau Förster: Vom Scheibtisch aus betrachtet mag das lustig sein, in der Situation hat der Patient mglw. viele Sorgen und Ängste, da kann sowas rücksichtslos und gefühllos rüberkommen. Humor kann im passenden Moment durchaus auflockernd sein, im unpassenden Moment hingegen zerstören Witzeleien das Vertrauenverhältnis. Solche eher derben "Scherze" erfordern eine robuste Natur des Patienten und eine stabile Vertrauensbasis zum Spaßvogel, sonst geht das voll nach hinten los.
#4 am 17.05.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
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E ist wahrscheinlich wirklich schwierig, den richtigen Ton für den richtigen Patienten zu finden. Einschläfern, Scheibchen schneiden, Giftschlüssel - ich fände das eher lustig und situationsauflockernd.
#3 am 17.05.2018 von Helen Förster (Medizinjournalistin)
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Andersrum ist es allerdings kein bißchen besser, mit inteligenten erwachsenen Patienten durchgehend in einer Art dümmlichen Kindergartensprache zu reden, um sie "nicht zu verunsichern" oder, um "besser verständlich" zu sein. So rede ich zumindest nur mit schwer Geisteskranken; entsprechend entwürdigend empfinde ich eine deratige, oftmals schwer bis gar nicht korrigierbare Ansprache durch Humankollegen. Eine gute Gesprächsführung paßt sich der Vorbildung und den Aufnahmekapazitäten des Gegenüber an. Wer das nicht kann, sollte sich dringend entsprechend weiterbilden.
#2 am 16.05.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
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Danke für diesen Artikel. Der Nocebo- Effekt wird leider zu selten bedacht. Letzter Ratschlag ( mein Hausarzt): "Wenn es Ihnen schlechter geht, fahren Sie in die Notaufnahme...." Dreimal dürfen Sie raten, wie ich die nächste Nacht überstanden habe. Und immer gedacht: "Was IST schlechter gehen? Luftnot? Höheres Fieber....ups könnte ich ja gleich messen....." Bei allen Apparaten, die piepen , auch dazu sagen, dass es da öfter Fehlalarm gibt. Besonders wenn die Messklammer vom Finger rutscht ..... noch dazu: Eigentlich bin ich gar nicht überängstlich. Wenn ich krank bin, aber in einer psychischen Ausnahmesituation. Irgendwo zwischen Kleinkind und hypervigilant ....Danke für Ihr Verständnis.
#1 am 16.05.2018 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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