Zuckerperlen gegen Heuschnupfen

09.05.2018

Der junge Mann leidet. Die Augen jucken, die Nase läuft, rot sind die Hautstellen periorbital und nasolabial. Der Heuschnupfen hat zugeschlagen, es ist die dritte Saison in Folge. Damit erfüllt der Patient alle Kriterien der chronischen Erkrankung. Die letzten zwei Jahre habe sie sich wohl so durchgerettet, jetzt soll der Arzt Abhilfe schaffen.

Ich untersuche ihn, mache mir ein Bild, finde keine Lungenbeteiligung, Asthma im dritten Jahr wäre richtig sch… . Die Mutter berichtet von der familiären Belastung mit Allergien (es ist immer der Vater, immer der Vater).

Ich hole aus, berate zu begleitenden Maßnahmen wie Fenstergeschlossenhalten in der Nacht, Auswaschen der Haare, Kleidung in die Wäsche und dergleichen und spreche über die Akuttherapie. Augentropfen, Nasentropfen, wahlweise -spray. Zunächst ein einfaches Antiallergikum, man muss sich auch steigern können. Ich verweise auf die Regelmäßigkeit und Konsequenz der Behandlung, auf das vorbeugende Prinzip: Nicht warten, bis die Allergie explodiert, sondern morgens gleich Prophylaxe betreiben, wenn die Wetter-App Sonnenschein verkündet.

Rezepte, Pollenflugkalender, Hyposensibilisierung

Rezepte werden verteilt, ein Pollenflugkalender. Ich bitte darum, sich nach der Saison wieder zusammenzusetzen, um eine mögliche Hyposensibilisierung zu besprechen – und sich ja zu melden, wenn der „Etagenwechsel“ einsetzt, mehr Husten, Atemnot, Kurzatmigkeit, wenn die Lunge beteiligt ist.

Soweit, so gut.

Merke: Die Behandlung ist erst beendet, wenn der Patient die Praxis verlässt. In der Arztpraxis kommt die entscheidende Frage stets beim Verabschieden, wenn die Klinke schon in der Hand liegt, die berühmte Columbo-Frage: „One more thing. Eine Frage noch.“

It's not over till it's over

Und so auch hier: Wir verabschieden uns schon, Hände wurden bereits geschüttelt, da bleibt die Mutter in der Tür stehen. „Eine letzte Frage noch, Herr kinderdok. Ich dachte“, sagt die Mama, „wir versuchen es doch erst einmal mit … Globuli. Ist das okay?“

Keine Ahnung, ob meine Stimmung heute nicht die passende war, ob meine Empathie beim Patienten davor aufgebraucht wurde oder ob mir der Junge einfach nur leid tat, jedenfalls:

„Denken Sie wirklich, dass Sie Ihren Sohn in diesem Jahr mit Zucker behandeln möchten? Wenn Sie ihn jetzt ansehen, wenn Sie sehen, wie die Nase läuft, die Augen jucken? Sie haben erzählt, dass Sie ihn letzte Woche zweimal aus der Schule abholen mussten und beim Fussballturnier am Wochenende habe er auch das Spiel abgebrochen. Ganz ehrlich: Das Hinauszögern einer Behandlung, die jede Leitlinie empfiehlt und in jedem seriösen Lehrbuch nachzulesen ist, wäre ein Kunstfehler und eine unnötige Gesundheitsgefährdung. Nein, Frau Hansen, ich denke, Globuli sind nicht okay!“

 

Bildquelle: Helmut Südema, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 15.05.2018.

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Medizin, Pädiatrie
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Homöopathie ist ein gemeingefährlicher Unfug, der unter Strafandrohung verboten werden sollte. Jeder, der das verordnet und/oder verkauft, sollte sich strafrechtlich zumindest wegen unterlassener Hilfeleistung (evt. fahrlässige bzw. vorsätzliche Körperverletzung) verantworten müssen. Meine verstorbene Ehefrau hatte darauf vertraut, dass sich die Versprechen auf Heilung ohne Nebenwirkungen erfüllen und ist nach monatelangen Qualen an den Folgen eines (quasi nicht behandelten) Mamma-Ca zugrunde gegangen. Bis zu ihrem Tod in Alter von 56 Jahren habe ich sie gepflegt. In den letzten drei Monate war sie bettlägrig. Sie konnte sich kaum noch selbst bewegen und brauchte bei allem Unterstützung. Wir waren über 40 Jahre ein Paar. Sie hatte mir das Versprechen abgenommen, ihre Entscheidung zu respektieren und nicht gegen ihre Heilpraktiker vorzugehen. Mein Zorn auf alle diese Quacksalber und die Homöpathie ist aber auch nach über einem Jahr noch nicht verraucht.
#14 am 15.05.2018 von Claus Ruckes (Nichtmedizinische Berufe)
  53
Zum Thema "nicht vorhandener Studien", die die Überlegenheit der Homöopathie gegenüber Placeboeffekten belegen, bitte ich die Interessierten einen Blick auf die Website der "Wissenschaftliche Gesellschaft für Homöopathie" - wisshom zu werfen. Insbesondere auf den dort veröffentlichten Forschungsreader (unter "Publikationen" zu finden). Ich zitiere "Eine zusammenfassende Betrachtung klinischer Forschungsdaten belegt hinreichend einen therapeutischen Nutzen der homöopathischen Behandlung. Die Ergebnisse zahlreicher placebokontrollierter Studien sowie Experimente aus der Grundlagenforschung sprechen darüber hinaus für eine spezifische Wirkung potenzierter Arzneimittel."
#13 am 15.05.2018 von Karfried Kessler (Heilpraktiker)
  70
@Frauke Banz Ob eine Behandlung wirkt, weiß man doch erst, wenn man eine wissenschaftliche Studie an einer entsprechend großen Zahl von Patienten durchgeführt hat. Wenn dabei herauskommt, dass die Wirkung nicht über den Placeboeffekt hinausgeht, ist die Wirkung nicht bewiesen. Und das haben eine Unzahl von Studien bei der Homöopathie gezeigt. Wo es keine Wirkung gibt, gibt es auch keine "feinstofflichen" Effekte und keine Wirkungen, die sozusagen außerwissenschaftlich begründbar beschrieben werden können.
#12 am 15.05.2018 von Dipl.-Ing. Siegfried Hauswirth (Medizinphysiker)
  34
... und noch etwas: „Feinstofflichkeit“ ist der allergrösste Blödsinn. Wie wird denn das Wasser vor diesen Verdünnungsreihen von der enthaltenen“ Feinstofflichkeit“ gereinigt?! Da wäre ja dann alles enthalten mit dem das einzelne Atom (oder was auch immer)jemals in Kontakt war- vom Dinosaurierhinterteil bis zum Geranienkasten.
#11 am 15.05.2018 von Eva Julia Fischer (Zahnärztin)
  46
@9: Ganz genau: Wissenschaft beinhaltet Fortschritt. Deshalb gibt es z.B.neue Erkenntnisse durch Grundlagenforschung und es ändern sich Leitlinien, diätetische Empfehlungen, diagnostische Methoden, chirurgisches Vorgehen und vieles mehr. Und nahezu JEDER würde sich dagegen wehren wie anno 1900 behandelt zu werden. Ganz anders in der Homöopathie: Dort gilt das Dogma- es wird nicht hinterfragt, ob die Methode mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen der heutigen Zeit in Einklang zu bringen ist(ist sie nicht!)und den Ungläubigen wird dann hoffnungsfroh verkündet, dass man es irgendwann sicher beweisen können wird. Dieses Vorgehen hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Das ist dann der Unterschied zwischen Wissen und Glauben. Wenn Sie und ich uns Adrenalin spritzten, würden wir die gleichen körperlichen Reaktionen haben- ganz unabhängig davon, ob wir daran glauben oder nicht. Essen wir gemeinsam ein Pfund Globuli, sind Sie vielleicht glücklich und ich nur satt.
#10 am 15.05.2018 von Eva Julia Fischer (Zahnärztin)
  43
Wir alle versuchen Leiden zu lindern, dass wäre doch mal ein versöhnlicher Blickwinkel. Mein abschließender Beitrag hier fällt nun etwas philosophisch aus: Wir leben in einer Zeit, in der die Wissenschaft angebetet wird wie ein Gott. Und mit der selben Vehemenz wie die Religionen untereinander, wird dieser Wissenschafts-Gott auch verteidigt und andere werden ins Unrecht gestellt. Was bei dem Glauben an die Wissenschaft übersehen wird, ist, dass sie immer nur soweit forschen kann, wie der Geist der Menschen reicht. Darüber hinaus kann sie weder forschen noch sehen. Ich denke, darüber hat sich auch Einstein die Haare gerauft. Zumindest sah seine Frisur so aus. :-) Doch wie die Geschichte der Menschheit zeigt, der Geist der Menschen entwickelt sich und wächst und bewegt sich und Weltbilder wandeln sich. Darauf kann man getrost vertrauen. Und in diesem ganz wohlwollenden Sinne verabschiede ich mich aus dieser Diskussion.
#9 am 15.05.2018 von Frauke Banz (Heilpraktiker)
  68
Solange es Ärzte gibt, die damit „behandeln“ und Apotheken,die das verkaufen(und bewerben)sollte man sich nicht über den Wunsch des Patienten nach einer „sanften, nebenwirkungswirkungsfreien“ Alternative wundern. DAS müsste sich als erstes ändern. Wenn Globuli neben Raffinadezucker im Supermarkt erhältlich wären, wäre sehr schnell ein Teil des Zaubers verflogen. Es ist ein aussichtsloses Unterfangen Menschen in Glaubenfragen mit rationalen Argumenten überzeugen zu wollen und jeder, der von Homöopathie überzeugt ist kennt irgendwelche Wundergeschichten und hat eine für ihn selber plausible Begründung oder Theorie. Dagegen hilft nur die harte Realität durch eigenes Erleben überteuerter Zuckerkugeln im Drogeriemarkt.
#8 am 15.05.2018 von Eva Julia Fischer (Zahnärztin)
  60
Gast
@#1 Homöopathie=Zucker und nichts anders!!!!
#7 am 15.05.2018 (editiert) von Gast (Nichtmedizinische Berufe)
  65
Ich glaube, daß #2 einen graviereden Fehler macht, Naturheilkunde mit Homöopathie gleichzusetzen. Das eine ist Phytotherapie und sinnvoll, das andere ist Zauber, der nur einem nutzt: dem Hersteller bzw. dem Verordner. Globuli sind ein riesen Betrug am Patienten. Zucker so teuer zu verkaufen, ist geradezu Wucher.
#6 am 15.05.2018 von Dr. med. Martin Lorenz (Arzt)
  52
@Frauke Banz mit allem nötigen Respekt. Einerseits muss man jedem Menschen Dankbar sein, der wie Sie, anderen Menschen hilft. Jedoch halte ich es für hochgradig gefährlich ein Heilsversprechen zu geben, auf nicht evidenzbasierter Medizin. Es gibt keinerlei Hinweise, dass Homöopathie über Globuli unter kontrollierten Bedingungen eine signifikant höhere Wirkung als ein Placebo hat. Um ihr Beispiel auf zurückzugreifen: Wenn Sie Satelliten, Raumschiffe etc. haben und dann doch feststellen, dass die Erde eine Scheibe ist, was dann? Ist es dann eine Verschwörung? Ich versuche Ihren Standpunkt zu verstehen - als Physiker sogar eine Erklärung zu finden. Aber das Konzept der Feinstofflichkeit lässt sich selbst mit viel Phantasie und gutem Willen nicht in das physikalische Weltbild integrieren egal ob Relativitätstheorie, Quantenphsyik, String. ...selbst längst widerlegte Ansätze wie Äther helfen hier nicht.
#5 am 14.05.2018 von Alexander Warth (Student)
  52
Ein Kollege meinte einmal in einem Vetty-Forum: "Gelumpe kennt nur Gelumpe." Wenn Sie gute Behandlung anbieten für Kinder und Eltern, die der Schulmedizin vertrauen, dann ist es das einzig richtige, auch konsequent zu seinen Ansichten zu stehen. Hätten Sie der Dame nur nach dem Mund geredet, hätte sie Sie wohlmöglich als vermeintlicher Globuliversteher an Gaubengenossen weiterempfohlen, die dann das gleiche Spiel mit Ihnen spielen würden. Sowas zerrt nur unnötig an den Nerven. Ich sage bei sowas immer: Sie können gerne Globuli anwenden, soweit Sie das für sinnvoll halten, da habe ich nichts gegen einzuwenden, solange Sie gleichzeitig meine therapeutischen Vorgaben beachten. Bloß fachlich beraten kann ich Sie in Sachen Globuli nicht, darum halte ich mich aus sowas raus ...:)
#4 am 14.05.2018 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  20
Man ist verwundert, daß nicht schon mehr Nicht-Mediziner hier einen Shitstorm, ob der "bösen" Worte des Schulmediziners zum Thema Globuli auslösen. Als adjuvante Therapie wäre gegen teuren Zucker vermutlich nichts einzuwenden.. ;-)
#3 am 14.05.2018 von Peter Bräuer (Student der Humanmedizin)
  107
Man sollte doch in einem Heilberuf davon ausgehen, dass es in erster Linie um die Gesundung des Patienten geht. Schulmedizin ist unverzichtbar und könnte idealer Weise Hand in Hand mit der Naturheilkunde zum Wohle des Patienten wirken. Und es macht keinen Sinn, Patienten die Intelligenz und Entscheidungsfreiheit abzusprechen, selbst wählen zu können, welche Methode gerade zielführend und angemessen ist. Insofern waren das natürlich gute Tipps zur Allergiebehandlung UND Homöopathie könnte unterstützend wirken!
#2 am 14.05.2018 von Frauke Banz (Heilpraktiker)
  122
Mit Verlaub: anzunehmen Homöopathie wäre lediglich ein "Zuckerkügelchen", entspricht in etwa der wissenschaftlichen Haltung der Herren, die lange Zeit vehement behaupteten, die Erde sei eine Scheibe. Nur weil die Forschung Feinstofflichkeit noch nicht versteht, heißt das nicht, dass sie nicht existiert. Etwas geistesoffener könnte man sagen: " Man versteht es noch nicht ganz, aber es wirkt." Und das platte Placebo-Argument, das immer so ein Totschlag- Argument sein soll, von wegen der Glaube und die Zuwendung allein heilen schon... fällt schon bei kleinster neutral "wissenschaftlicher" Betrachtung in sich zusammen. Homöopathie wirkt auch bei Pflanzen, Tieren und Säuglingen, die in keinster Weise Glaubensfragen unterliegen. Unzählige Heilerfolge der Homöopathie - gerade übrigens bei Allergien - sprechen Bände davon. Natürlich werden diese Studien weder unterstützt, noch für ein breites Publikum veröffentlicht. Nun, die Erde ist dennoch keine Scheibe!
#1 am 14.05.2018 von Frauke Banz (Heilpraktiker)
  173
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