Mit den Händen im Bauch

25.04.2018

Darum ging’s schon etwas im letzten Beitrag: um Routine. Im Laufe der Zeit – ja, ich weiß, meine Zeit als Chirurgin dauert noch keine Jahrzehnte – gewöhnt man sich an Vieles. Vor wenigen Wochen habe ich mit der Pflege während dem Mittagessen darüber geplaudert. Woran haben wir uns in der Viszeralchirurgie gewöhnt?

An Stuhlgang und Erbrochenes haben wir uns gewöhnt. Urin? Pah, das ist doch nur Wasser. Man gewöhnt sich an den Anblick und an den Geruch von Stuhlgang, der einem schon um 7 Uhr morgens um die Nase weht. Stuhlgang im Bett, aus dem Anus, aus dem Stoma, Stuhlgang aus dem Mund. Ja, das passiert wenn aus irgendeinem Grund die Passage von Mund Richtung Rektum nicht mehr funktioniert, dann erbrechen die besagten Patienten Stuhlgang.

Alles irgendwann ein alter Hut, zwar ein Grund zur Sorge, aber nicht zur Aufregung. Frau R. erbricht frisches Blut und der Blutdruck sinkt? Als Frischling steigt der eigene Puls direkt auf 150, heute ist das Routine: Kopf tief, mehrere großlumige Zugänge, Volumen in Form von beispielsweise Ringer, im Labor Konserven bestellen, Testblut abnehmen, gastroskopieren. Ein cooler Hund ohne jegliche Emotionen bin ich dabei zwar auch nicht, aber die Tachykardie hält sich in Grenzen.

Wenn einem jemand unter den Händen wegstirbt ...

Woran ich mich nicht oder noch nicht gewöhnen kann, ist der Moment, wenn einem ein Mensch unter den Händen wegstirbt. Bevor jetzt lustig gemeinte Sprüche kommen: Ja, ich operiere gerne und ich finde, auch ganz gut. Es gibt jedoch Traumapatienten, die schlicht und einfach beschissene Karten haben.

In der Traumachirurgie geht es nicht nur um Unfälle, bei denen Knochen brechen, sondern es gibt auch viszeralchirurgische Traumata. Also spitze/stumpfe Bauchverletzungen, Pfählungsverletzungen, Schussverletzungen (selten bei uns), Überrolltraumata und so weiter. Ein geplatzter Darm ist dabei das kleinste Problem. Einen Darm kann man resezieren, nähen, ein Stoma ausleiten oder wenn es sich um eine echte Damage-control-Operation handelt, stapelt man den Darm einfach ab und nach der Stabilisation auf der Intensivstation erfolgt dann nach ein bis zwei Tagen der second look.

Zur Situation: Der Heli wird angekündigt

Genug gelabert: Es kommt der berühmt-berüchtigte Anruf: „In 10 Minuten landet der Heli!“. Frau lässt alles liegen und stehen, geht in den Schockraum, lässt sich die oft nur spärlichen Infos geben (X-jährige Frau, Autounfall, Hochgeschwindigkeitstrauma, intubiert, semistabil). Man wird ruhig, der Ablauf ist klar und geordnet, die Hierarchien im Schockraum sind klar, jeder hat seine Aufgabe. Wenn der verunfallte Mensch Glück (oder was auch immer) hat, ist er so stabil, dass er es in die Röhre schafft.

Manchmal läuft es so ab, dass der Hubschrauber landet, die Person intubiert vom Landeplatz Richtung Schockraum geschoben wird, man aber schon auf dem Weg den Ernst der Lage erkennt. Es gibt keine Zeit für den Schockraum und schon gar nicht für eine Traumaspirale. Trotz der zahlreichen Infusionsbeutel, die vom Notarztteam in den Kreislauf gedrückt werden, hört man den Blutdruck sinken. Ein Blick auf den Monitor ist eigentlich gar nicht mehr notwendig, denn der Alarm trötet unüberhörbar die tiefe Systole in den Raum.

Keine Zeit für den Schockraum

Der Bauch der Patientin weist Prellmarken auf, ist gebläht, hart und die Hautfarbe der Frau wechselt von blass zu fucking-scheiße-blass. Vergiss den Schockraum, ab in den Lift und in den Operationssaal. Während wir im Lift stehen und sich die Notärztin um die brenzlige Situation kümmert, habe ich einige Sekunden Zeit, um die OP-Schwester zu informieren. Die Arme hat eine Minute, um die Instrumente vorzubereiten, also um das Bauchsieb in den Saal zu holen. Der Springer läuft, um einen Sauger zu holen.

Die ansonsten so penibel eingehaltene Sterilität ist unwichtig, die Patientin muss schnellstens in den Saal, mein Oberarzt und ich schlüpfen in die Mäntel, streifen uns nicht wie üblich zwei, sondern nur ein Paar Handschuhe über. Skalpell, Bauch auf. Kein Waschen, kein Abdecken. Ich muss aufpassen, nicht verletzt zu werden, denn während man mit einem scharfen Messer durch die Schichten gleitet, drückt die Anästhesie hektisch auf dem Herz herum.

Und eigentlich ist allen längst klar: Wir können nichts tun

Es fühlt sich an, als würden Sekunden vergehen, während man sich in einem See aus Blut und Stuhlgang zur Problemquelle vorarbeitet: ein zerfetzer Truncus coeliacus und ein Leberhilus, der aussieht als ob man einen Böller darin hochgehen lassen hätte.

Lange Rede, kurzer Sinn: Nach 10 Minuten ist allen Beteiligten klar, dass es vorbei ist. Der Monitor wird ausgeschaltet, der Alarm erlischt und es kehrt diese Ruhe ein, an die ich mich noch immer nicht gewöhnt habe. Mit den Händen im oder auf dem Bauch steht man fassungslos vor der jungen Frau und hofft, dass die Türe aufgeht, ein Clown hereinkommt und „Verstehen Sie Spaß?“ oder „Versteckte Kamera!“ schreit.

Bildquelle: Julie Asenova, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 27.04.2018.

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Medizin, Chirurgie
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Gast
Herr Mühlbauer, danke für Ihre Geschichte und danke dass Sie sie mit uns geteilt haben. Meinen Respekt haben Sie!
#9 am 28.04.2018 von Gast (Pharmazeutisch-technischer Assistent (PTA))
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@ Herr Kollege Mühlbauer, Du brauchst Dich Deiner Tränen nicht zu schämen, ich hatte auch schon wässrige Augen, besonders bei Kindern und nach dem dritten Burn out mußte ich gehen.... Menschen, die alles geben, brennen aus, das ist eben so. Manche lächeln überheblich darüber, es sind dumme und gefühllose Menschen, doch auch denen helfen wir. Zweifle nicht an Dir, Du hast alles gegeben !!!
#8 am 28.04.2018 von Herr Rudolf Goeb (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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Ganz ganz toll geschrieben Chapo Wenn der Tag kommt, an dem es einem nichts mehr ausmacht wenn man ein Leben gerade verloren hat, denke ich soll man den Fallschirm ziehen und gehen. Im Rettungsdienst sind mir in 25 Jahren bestimmt mehrere Dutzend Patienten sprichwörtlich unter meinen Händen gestorben. Der erste war der schlimmste, ein junger Mann rückwärts vom 3.Stock gefallen. Wir kommen an, der Pat ist noch voll ansprechbar und machen alles in schnellstmöglicher Zeit überhaupt zu schaffen ist, er hatte Todesangst, aber ich sagte zu ihm beruhigend, hab keine Angst ich bin bei dir wir kriegen das hin. 10 sec. später verstarb er in meinen Armen. Um Gottes willen ich hatte ihm doch versprochen dass er keine Angst haben muss, dass ich mich gut um ihn kümmere und dann das. Ich stand auf und heulte wie ein Schloßhund. Schaut gut aus im Rettungsdienstgewand wenn der Rettungsassistent heulend rumsteht. Nun in den vielen Jahren habe ich zwar gelernt, mit der augenblicklichen Situation besser umzugehen, aber trotzdem tut es mir um JEDE einezelne Seele der man nicht mehr helfen kann furchtbar leid. Der bittere Nachgeschmack dabei ist dass ich nach 25 Jahren trotz aller Erfahrung ein Burnout bekam, von dem ich mich bis heute nicht mehr erholt habe. Trotzdem jeder ist es wert dass andere um ihn kämpfen mit vollstem Einsatz, ob die die helfen hinterher kaputt gehen darf im Moment des Einsatzes keine Rolle spielen im Gegenteil hätte ich nicht mit allem um das Leben des einzelnen Menschen gekämpft, würde ich mich zeitlebens nicht mehr im Spiegel ansehen können.
#7 am 28.04.2018 von Christian Mühlbauer (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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Auch ich möchte Ihnen für Ihre Haltung und Ihre Arbeit meinen Respekt zollen!
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Respekt, ich könnte das nicht immer beruflich machen (natürlich mal bei Notfall schon), mir hängt das alles ewig im Kopf in Form von Bildern herum (war früher i. d. Pflege tätig).
#5 am 27.04.2018 von Alexander Schütz (Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technischer Assistent)
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Gast
Danke "Menschenhandwerkerin" - schön, daß es sie gibt!!! Sie machen ALLES, aber ALLES richtig - auch, daß Sie sich nicht dran gewöhnen!!! Bitte machen Sie so weiter!!! (Kannte einen Arzt (allgemein - und GsD "aD") ,der hat bei Carzinom im Endstadium (wie bei zu vielen anderen Patienten auch) einfach immer Tramadol (R) und Diclofenac (inn) verordnet )-: <> halt das andere extrem!!! Schön, daß die hoffentlich überwiegende Mehrheit so ist, wie Sie (und ich hoffentlich auch wäre!!!) Danke!
#4 am 27.04.2018 von Gast (Selbstst. Apotheker)
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Ja, schon viel zu oft mit erlebt :-( ich träume heute noch von solchen Szenarien, bin 7 Jahre schon aus dem Berufsleben. Wir können nur schwer akzeptieren, daß es auch Gegebenheiten gibt, die einfach nicht zu beherrschen sind, versuchen es aber immer wieder diesen Kampf zu gewinnen. So soll es auch bleiben, es gibt keine Mühen, die man nicht auf sich nimmt. Ich habe schon Chirurgen erlebt, die einfach weiter operiert haben, obwochl der Patient schon fünf Minuten tot war, den Anästhesisten, der weiter beatmet hat.... habe weiter Plasma und Blut in den Leichnam hinein gepumpt .... Es ist wie eine Hemmschwelle zu sagen , Ende der Aktion. Man macht einfach weiter .... Dann das große Schweigen .... Das verändert uns auch, wir bekommen dadurch auch einen größeren Respekt vom Leben ..... und auch etwas Demut ....
#3 am 27.04.2018 (editiert) von Herr Rudolf Goeb (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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Bleiben Sie bitte so, wie Sie sind!
#2 am 27.04.2018 von Herr Guenther Schneider (Mitarbeiter Industrie)
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Respekt vor Ihrer Arbeit! Es ist manchmal gut, sich nicht an alles zu gewöhnen.
#1 am 27.04.2018 von Silke Becker (Hebamme)
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