Buchrezension: Ruhm & Wahnsinn|Schattauer

22.04.2018

Ein Mädchen steht am Totenbett der Mutter und lacht lauthals. Später wird sie ein Buch schreiben, dass mit James Joyce „Ulysses“ und Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ verglichen werden wird.

Ein junger Mann schlägt einem Lehrer einer Mädchengrundschule den Hut vom Kopfe und ruft: „[W]eiß er nicht, daß es seine Schuldigkeit ist vor einem Stipendiaten den Hut abzunehmen?“ Später in seinem Leben wird er 36 Jahre im Turm des Anwesens eines Schreinermeisters wohnen und Gedichte schreiben.
Aber nicht nur Genie und Wahnsinn liegen dicht beieinander, sondern auch Normalität und Wahnsinn. Als überholt gelten inzwischen starre Kategorien seelischer Leiden. Vielmehr geht es um Dimensionalität, als um die Frage der Ausprägung der Störung, des Leidensdrucks und der Fähigkeit zur Alltagsbewältigung. Diese modernere Haltung zur „psychiatrischen Normalverteilungskurve“, auf der wir uns alle irgendwo wiederfinden dürften, ist wohl eine der bedeutendsten Errungenschaften der modernen Medizin. Das dies bei weitem nicht selbstverständlich ist, zeigt der Blick in ferne Länder. Vielerorts werden psychische Störungen auch heute noch als göttliche Strafe oder als Konsequenz aus unmoralischem Verhalten in früheren Leben angesehen. Die Betroffenen werden entsprechend gemieden und gesellschaftlich isoliert. Teilweise werden sie eingesperrt oder gewalttätig angegangen. Das ist tragisch. Ungemein tragisch sogar. Ein nächstes großes Menschheitsziel könnte es also sein, auch in diesen Ländern für einen humaneren Umgang mit den Betroffenen zu sorgen. Vergessen werden sollte dabei allerdings nicht, dass auch in den wohlhabenden Industrienationen weiterhin Stigmata auf psychiatrisch Erkrankten lasten. Sie sind oftmals versteckter, als in anderen Kulturen. Hintergründiger, aber dennoch immer dann offensichtlich, wenn sie scheinbar das Gemeinwohl betreffen.

Wer erinnert sich nicht an die Diskussionen über Depressionen und Suizidalität, als der Gemanwings-Flug 9525 an den Provenzalischen Alpen zerschellte. Welches medizinische Fachpersonal kennt nicht das komische Gefühl im Bauch, wenn man feststellt, dass sich die Mutter des Kindes, das man aktuell in Behandlung hat, eigenartig verhält. Sei sie nun teilnahmslos, fahrig oder impulsiv. Man fragt sich unweigerlich: Sollte diese Frau ein Kind großziehen.
Wir finden unseren Umgang mit psychischen Störungen heute also nicht mehr in einem religiösen Glaubenssystem, sondern vielmehr in einer Ideologie wieder. Der Begriff ist zwar etwas verbrämt, er beschreibt unser aufklärerisches Denken aber recht genau. Unsere Ideen von der Verwirklichung des Einzelnen innerhalb einer Gemeinschaft der Vielen geht direkt auf die großen Staatsdenker und Moralphilosophen zurück. Thomas Hobbes etwa ging davon aus, dass der Normalzustand des Menschen, der seines „eigenen Richters“, also egoistisch und nicht mitfühlend sei. Er plädierte von daher in seinem Hauptwerk „Leviathan“ für einen absoluten Herrscher, der den „Krieg aller gegen alle“ (bellum omnium contra omnes) durch seine Macht und seine Befugnisse verhindern müsse. Der Gedanke ist im Kern sehr nobel, der er beschäftigt sich mit einer Idee, wie der Mensch vor anderen Menschen geschützt werden könnte. Er ist allerdings ebenfalls Teil eines Glaubenssystem, denn Ethik ist nicht durch exakte Messwerte definierbar.
Und trotzdem sind wir heute etwas weiter. Denn dort, wo wir messen können, tun wir das auch. Wir wissen, dass der Mensch nicht per se böse oder gut ist, dass er zu Konflikt und Kooperation fähig ist und dass durch ein geregeltes Zusammenleben und den flächendeckenden Zugang zu Ressourcen das Wohl des Einzelnen und das Wohl der Gemeinschaft beeinflusst werden können. Dennoch gibt es auch heute noch Überlegungen, die im Geiste des Leviathan weitergedacht werden. Sie finden in einem Dreiklang aus Ideologie, Menschenbild und politischer Kalkulation statt. Jeder aufmerksame Leser der aktuellen Debatten um psychisch Kranke und dem Umgang mit ihnen wird wissen, worauf ich anspiele.
Wenn mich solche Dinge beschäftigen schaue ich gerne in die Vergangenheit und versuche Bezugspunkte zu finden. Dem Schattauer Verlag sei Dank, erhielt ich im letzten Jahr ein Rezensionsexemplar des Buches „Ruhm und Wahnsinn“. Geschrieben von Thomas Köhler, ist es ein wunderbares Kompendium bekannter Persönlichkeiten mit einer retrospektiven Betrachtung ihrer vermuteten psychischen Störungen. Eben jenes lachende Mädchen lässt sich dort finden und auch der Lebensweg des Dichters im Turm wird beschrieben.

Das Buch besteht aus drei Abschnitten:

Jeder Abschnitt enthält zunächst eine Einführung in das Thema, was dem nicht-fachkundigen Leser einen soliden Grundüberblick verschafft. Auch einige vertiefende Informationen für psychiatrisch wenig erfahrene Fachpersonen (z.B. einige Mediziner, Krankenpfleger oder Notfallsanitäter) lassen sich finden. Dann am Ende des Abschnittes sind einige Personenvorstellungen mit ihren Lebenswegen und Leidensgeschichten vorgestellt. Es lassen sich unter ihnen einige fantastische Gestalten der Weltgeschichte finden, so zum Beispiel Guy de Maupassant, Margret Thatcher Ludwig Beethoven oder Friedrich Nietzsche. Ausgespart hat der Autor allerdings explizit Figuren der heutigen Politik- und Kulturszene, so dass es sich tatsächlich um eine reine retrospektive, und damit nicht immer verlässliche, Analyse handeln dürfte.

Die etwas weniger als 200 Seiten lassen sich leicht innerhalb eines Tages lesen. Will man aber noch etwas Hintergrundrecherche betreiben, sollte man sich vielleicht ein regnerisches Wochenende für das Buch reservieren. Daneben kann es, wie bereits gesagt, auch als kleines Lehrbuch verstanden werden, mit dem man zum Beispiel die Grundzüge bestimmter Krankheiten erfassen und such anhand von Beispielen merken kann. Ich zumindest habe nun fest vor, es in einigen meiner nächsten Unterrichte einzusetzen.
Ich muss allerdings zugeben: Ich hatte fast vergessen, dass ich das Buch habe. Normalerweise ist sowas nicht meine Art, aber das Semester hat mehr von mir gefordert, als ich angenommen hatte. Umso schöner finde ich es, dass es mir während einer solchen Debatte eines zeigt: Der Wahnsinn war immer Teil von uns und er betraf nicht nur die Ausgestoßenen und Gefährlichen, sondern auch zahlreiche große Denker und Persönlichkeiten. Beim Lesen wird schnell klar, dass viele von ihnen mehr als einmal die helfende Hand moderner Medizin gebraucht hätten. Vielleicht hätten sie der Menschheit dann auch noch weitere gute Dienste geleistet.

 

Zum Buch
Ruhm & Wahnsinn, 1. Auflage
Autoren: Thomas Köhler
Herausgeber: Wulf Bertram
Schattauer Verlag
19,99 Euro

Bildquelle: geralt

Artikel letztmalig aktualisiert am 23.04.2018.

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