Halsschmerzen? Bestimmt Scharlach!

12.04.2018

Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Wie oft habe ich schon im Kindergarten und in der Grundschule unzähligen Menschen erklärt, was Scharlach ist. Jetzt geht er wieder um und selbst die hausärztlichen Kollegen sind offensichtlich überfordert, ob zeitlich oder fachlich lasse ich mal höflich offen.

Frau Grote stand mit Halsschmerzen vor der Anmeldung. Es ging ihr sichtlich schlecht und sie legte eine Überweisung ihres Hausarztes auf den Tresen. Dort stand mit heutigem Datum: V.a. Scharlach. Natürlich waren jetzt am späten Vormittag bereits alle Notfalltermine vergeben.

Dass ihr dieser Umstand erklärt wurde – auch mit dem Hinweis darauf, dass sie doch heute schon in einer Arztpraxis zur Behandlung gewesen sei – motivierte sie scheinbar nur noch mehr, auf eine rasche Vorstellung zu bestehen. Ihr Hausarzt hätte sie immerhin hierher überwiesen.

Meine Mitarbeiterin stellte mir kurz den Fall vor. Kurz wurden Blicke getauscht, dann gaben wir nach. Sie sollte sich mit etwas Wartezeit ins Wartezimmer setzen.

Frau Grote meint, sie hätte Scharlach

„Hallo Frau Grote, wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte ich sie.

„Ich habe Scharlach!“, kam die knappe Antwort zurück.

Natürlich ist es enorm hilfreich, wenn der Patient gleich seine Diagnose mitbringt. Das spart mir viel Zeit und Hirnaktivität.

„Und welches Medikament soll ich Ihnen rezeptieren?“, habe ich natürlich nicht gefragt, sondern: „Bitte von vorne. Welche Beschwerden haben Sie denn?“

„Ich habe seit drei Tagen so ein dolles Kratzen im Hals“, beschrieb die Patientin ihr Leiden.

„Haben Sie noch Weiteres bemerkt?“, wollte ich ergänzend wissen.

Die Summe mehrerer Symptomen führt zur Diagnose Scharlach:

Verantwortlich für die Erkrankung ist eine Infektion mit ß-hämolysierenden Streptokokken der Gruppe A. Sie ist hochansteckend, kann mehrfach im Leben auftreten, vor allem Kinder aber auch Erwachsene befallen. In Einzelfällen können Komplikationen auftreten, weshalb die Therapie der Wahl die Behandlung mit einem Antibiotikum über 10 Tage ist. Sinnvolles Abwägen von Risiko und Nutzen.

Die Behandlung ist einfach. Penicillin V ist nahezu immer wirksam, weil es bisher keine Resistenzen der Scharlacherreger gibt. Da viele Untergruppen der Erreger und Toxine existieren, kann man sich immer wieder anstecken.

Halsschmerzen – nicht immer ist es Scharlach

Frau Grote hatte bis auf Halsschmerzen keine der beschriebenen Symptome. Noch nicht mal einen geröteten Rachen. Auch niemand in ihrer Umgebung hatte Scharlach. Sie bestand trotzdem auf den Schnelltest, den sie als Erwachsene übrigens selbst bezahlen musste. Er war negativ. Beim Hinausgehen fragte ich Frau Grote noch, was denn der überweisende Hausarzt untersucht hätte.

„Och, den habe ich gar nicht gesehen. Die Arzthelferin hatte mir gesagt, ich müsse sofort zum Facharzt. Scharlach geht um, sagte sie. Ich solle das mal richtig abklären lassen.“

Dann hatte sie ihr eine Überweisung ausgestellt. Angemerkt sei an dieser Stelle, dass der Hausarzt für das Erstellen dieser Überweisung ohne Patientenkontakt ca. 3–4 mal so viel bei der KV abrechnen kann wie ich mit der kompletten Behandlung. Fraglich bleibt auch, warum er dieses Krankheitsbild nicht hausärztlich beherrschen sollte?

Bildquelle: Alexander Lyubavin, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 13.04.2018.

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Medizin, HNO
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Gast
Ob Facharzt oder Hausarzt sollte doch eigentlich egal sein. In beiden Bereichen übersieht mal wer was oder dramatisiert. Ich finde es nur Schade, wie unkollegial man sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe schiebt, satt eines Griffs zum Telefon um den Kollegen über den Zustand des Patienten zu informieren. Aus nichts lernt man besser, als aus konstruktivem Feedback und am Ende ist es für das Wohl der Patienten besser.
#15 am 18.04.2018 von Gast (Studentin der Humanmedizin)
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Gast
Entschuldigung, viel schlimmer finde ich, dass die Kassenpatientin beinahe von keinem Arzt angeschaut worden wäre, hätte sie nicht hartnäckig darauf bestanden! Ja es war kein Scharlach und trotzdem ging es ihr schlecht. Man sollte immer vorsichtig sein und besser 2x hinschauen bevor man etwas übersieht. Manche haben ein sehr geringes Schmerzempfinden, und nur weil er ohne zu schreien vor mir steht kann er trotzdem etwas schlimmes haben. Die Routine macht blind. In meinem Bekanntenkreis sind 2 Menschen deshalb verstorben. 2x aus Routine und Unachtsamkeit eine falsche Diagnose! Mein Opa lag im Koma wegen einer unerkannten Pneumonie mit Sepsis, und fälschlich diagnostizierter Influenza. Ich kann nur jeden ermahnen, der mit MENSCHEN arbeitet: Nicht darauf schauen was abgerechnet werden kann! Patienten nicht einfach abwimmeln oder nicht ernst nehmen!
#14 am 16.04.2018 (editiert) von Gast
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Hallo-ich lese eigentlich nur immer Ihre sehr, sehr lesenswerte Kommentare.Ich freue mich immer über die kompetenden Fragen u Antworten.Ich jedenfalls bin sehr froh,daß es euch als Ärzte ,egal welcher Sparte, gibt...Diese Flut an kranken Menschen würde sonst ungefillter...in unserer Apotheke stehen.Wir bemühen uns....hoffentlich,leider manchmal vergeblich...zu helfen.Gegen das große Internet kommt aber,leider,keiner an.Ich freue mich jedenfalls sehr,daß es diese Kompetenz bei uns gibt.Macht bitte weiter so.
#13 am 15.04.2018 von Karin Wedlich (Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA))
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Schlimmer als die BLÖD-Zeitung – den Eindruck gewinnt man zumindest, wenn man sich als Hausarzt diesen Artikel auf der Zunge zergehen lässt. Was ist das Ziel? Eine Fachgruppe zu diffarmieren? Uns wieder mal zu beweisen, wie blöd wir sind?Seien sie doch froh, dass da so ein paar mäßig gebildete für Sie das Krankengut schon mal vorselktieren und Sie sich Ihrem Spezialgebiet widmen können, während andere die Gärtnerarbeit machen. Warum überhaupt eine Überweisung ausgestellt worden ist, bleibt ein Rätsel. War es vielleicht der dringende Wunsch der Patientin oder gar der Über-Mutter, die dem hausärztlichen Urteil nicht getraut hat? Ich habe freiwillig noch nie eine Überweisung wegen einer Scharlach-Erkrankung ausgestellt. In der Regel wird mit Penicillin V behandelt. Das Vollbild der Erkrankung sieht man heutzutage selten. In der Regel ist es eine Kindergarten-Diagnose. Meistens hängt schon ein entsprechender Aushang an der Tür. Und dann hat jeder mit ein wenig Kratzen im Hals bereits Scharlach. Und wehe, sie bestätigen die Diagnose nicht, oder haben für einen asymptomatischen Patienten keinen Schnelltest parat… Dem Facharzt-Kollegen, der hier rumproletet, dass ein HA für die Ausstellung eines Überweisungsscheines angeblich 3-4 mal so viel abrechnet, wie ein Facharzt für die gesamte Behandlung, sei mitgeteilt, dass jeder Behandlungsfall eine Pauschale auslöst. Das ist im Einzelfall vielleicht wirklich nur eine Überweisung oder ein Rezept, aber in der Regel die Betreuung des Patienten für das gesamte Quartal mit einer fast beliebigen Zahl an Konsultationen incl. Hausbesuche. In der Regel erbringen wir gut 30 Prozent der Leistungen umsonst, wobei der aktuelle EBM nicht nur in dieser Hinsicht höchst intransparent ist. Er bildet nicht einmal mehr die Zahl der Arzt-Patienten-Kontakte korrekt ab. Und das Verhältnis zwischen budgetierten und außerbudgetären Leistungen schwankt zwischen den Fachgruppen erheblich, bietet aber offenbar viel Raum für Spekulationen und Vorurteile!
#12 am 14.04.2018 von Michael Otto (Arzt)
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Gast
Meine bislang einzige Scharlachinfektion wurde von der behandelnden Kinderärztin von Sohnemann behandelt. Nachdem sie ihn damit diagnostiziert hatte, hat sie mich angesehen und meinen ebenso desolat kranken Zustand mit O-Ton " Sie sehen aber auch scheisse aus" kommentiert, bevor sie mich untersucht hat. Ich war ihr sehr dankbar, dass ich krank mit krankem Kind nicht noch zum Hausarzt musste. Meine erste AU vom Kinderarzt..
#11 am 13.04.2018 von Gast (Mitarbeiterin Industrie)
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Immer wenn ich in der NFA das Wort Scharlach höre (vom HA, Patient, Kita...) ,suche und vermisse ich das Exanthem oder mind. das Enanthem, was ja definitionsgemäß mit dabei sein sollte. Da wird die Angina dem Scharlach gleichgestellt, analog wäre Asthma ohne Lungenfunktionstestung.
#10 am 13.04.2018 von Dr. med. Andreas Schneider (Arzt)
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Korrektur: ... überhaupt nichts abrechnen. ...
#9 am 13.04.2018 von Dr. med. Angelica Wegener (Ärztin)
  0
Zum einen glaube ich nicht, daß die Helferin die Überweisung ausgestellt hat - ist verboten. Zum anderen kann der Hausarzt o h n e Patientenkontakt überhaupt nichts ausstellen, es sei denn, er hat eine Anweisung gegeben, dann gibt es ca. 1,70 Euro für die Übermittlung des Rates durch die Helferin. Zum anderen rede ich mir den Mund fusselig bei der viel zu häufig gestellten Diagnose "Scharlach" durch Kinderärzte, die die Eltern verunsichern, hysterische Erzieher, die die Eltern verrückt machen. Viele Schnelltests sind falsch positiv, viele Kinder bekommen zu oft Antibiotika, obwohl Abwarten angezeigt wäre. Wenn Kinder von Schule oder Kita zu mir in die Praxis geschickt werden, damit ich sie auf "Scharlach" untersuche, mache ich sehr selten einen Rachenabstrich, weil die Klinik fast immer eindeutig ist - und zwar fast immer negativ. Eher mache ich für den nächsten Tag noch einen Kontrolltermin, bevor ich zum Antibiotikum greife.
#8 am 13.04.2018 von Dr. med. Angelica Wegener (Ärztin)
  3
Gast
Gemach mit Unterstellungen! Vielleicht wollte die MFA des Hausarztes auch nur ihren Feierabend retten, statt die Patientin in der eigenen Sprechstunde "hinten anzuhängen"? Und der Kollege hat in Hektik zwischen Tür und Angel die Überweisung unterschrieben..... So soll es natürlich nicht laufen. Das würde ich unbedingt telefonisch klären! Mancher freut sich über`s "Augensöffnen".
#7 am 13.04.2018 von Gast (Ärztin)
  0
Da wird Mal wieder hübsch verallgemeinert und gleich eine ganze Arztgruppe unter Generalverdacht gestellt (“hausärztlichen Kollegen sind offensichtlich überfordert") Es wird sicher für die meisten meiner hausärztlichen Kollegen keine Schwierigkeit sein eine wirkliche Scharlacherkrankung von einer viralen Pharyngitis oder einer banalen Streptokokken Erkrankung abgrenzen zu können. Wir müssen ganz andere Fragestellungen in unserem hausärztlichen Alltag bewältigen. Bitte Mal nicht so abwertend! Im Regelfall ist es ja auch wohl gemerkt so, dass wir Hausärzte permanent von den Fachärzten die Patienten am selben Tag zugewiesen bekommen, da der Facharzt am heutigen Tag keinen Termin anbieten kann. Die meisten Fachärzte glauben aber wohl, dass der Hausarzt däumchendrehend nur darauf wartet bis der Facharzt die Patienten zum Erstkontakt zu uns schickt.
#6 am 13.04.2018 von Dr. med. Christoph Stirner (Arzt)
  3
Gast
Anzumerken bleibt auch dass Hausärzte 100% ihrer Behandlungsfälle im Quartal erstattet bekommen und HNO-Ärzte im Schnitt 22-25% im Quartal für lau arbeiten!!!!
#5 am 13.04.2018 (editiert) von Gast (Arzt)
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Wenn man sich schon aufregt über Patienten und Kollegen, dann sollte es fachlich korrekt sein: Ein Streptokokkennachweis ist nicht Scharlach, auch wenn diese aus der Gruppe A sind. Die Streptokokken müssen mit Bakteriophagen befallen sein, die das Toxin produzieren. Daher ist der Streptokokkennachweis (Schnelltest) nicht für Scharlach beweisend, sondern ein zusätzlicher Hinweis. Halsschmerzen ohne Ausschlag sollten daher nicht diese Diagnose bekommen.
#4 am 13.04.2018 von Dr Roland Jacob (Arzt)
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Ari; auch Facharzt
"Angemerkt sei an dieser Stelle, dass der Hausarzt für das Erstellen dieser Überweisung ohne Patientenkontakt ca. 3–4 mal so viel bei der KV abrechnen kann wie ich mit der kompletten Behandlung." ...ziemlich absurde Verhältnisse...was für ein krankes Gesundheitssystem!
#3 am 13.04.2018 (editiert) von Ari; auch Facharzt (Gast)
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Schwarze Schafe gibt es überall. Ich habe das Problem der sofortigen Antibiosbehandlung bei Halskratzen ect. im Bereitschaftsdienst. Wenn ich nicht sofort das Antibiotikum verschreibe wird am nächsten Tag noch einmal angerufen oder noch besser ich muss mir diverse böse Kommentare über den HA anhören bei dem man ja schon gestern war. Bisher habe ich noch keinen meiner Patienten an den Facharzt überwiesen.
#2 am 13.04.2018 von Dr.med Mera Kuse (Ärztin)
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Fraglich bleibt auch, warum er dieses Krankheitsbild nicht hausärztlich beherrschen sollte? Was für eine naive Frage!!! Mann, Geld regiert die Welt. Ein niedergelassener Arzt ist an erster Stelle ein Unternehmer. das habe ich als Klinikarzt auch erst mal begreifen müssen, nachdem der betretende Kollege mir das Wort zum Sonntag gesagt hatte.
#1 am 13.04.2018 von Privatdoz. Dr. med. Joachim Bordt (Arzt)
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