Isotretinoin: Fahrlässiges Vordatieren

28.03.2018

Immer wieder wollen Kunden in der Apotheke vordatierte Rezepte einlösen. Für Ärzte und Patienten mag das Vordatieren bequem sein. Bei bestimmten Medikamenten wie dem Akne-Mittel Isotretinoin ist das aber ein hochriskantes Unterfangen und bringt Apotheker in die Bredouille.

Die Auszubildende drückt mir zwei Rezepte in die Hand, die sie von einer Patientin bekommen hat. Die Rezepte sind identisch. Ein Mittel gegen Akne: Isotretinoin Tabletten 10 mg 30 Stück.

Einziger Unterschied: Auf dem einen Rezept steht ein Datum von Anfang März und auf dem anderen eines von gestern.

Kundin mit einer leeren Hand

Ich nehme mir eine Packung aus der Schublade. Die Patientin empfängt mich schon zerknirscht mit den Worten: „Das sind aber zwei Packungen!“

„Ja, aber für dieses Medikament besteht eine Limitation. Ich darf das bis maximal sieben Tage nach Ausstellung des Rezeptes abgeben. Es ist bei diesen Tabletten ja auch ganz wichtig, dass Sie nicht schwanger sind oder werden, wenn Sie die nehmen. Deshalb braucht es regelmäßige Kontrollen beim verordnenden Arzt – der stellt dann auch ein neues Rezept aus.“

So lautet es in der Packungsbeilage:

Verschreibungs- und Abgabeeinschränkungen
Verschreibungen für Isotretinoin müssen für Frauen im gebärfähigen Alter auf einen Behandlungszeitraum von 30 Tagen limitiert sein, und eine Fortsetzung der Therapie erfordert eine erneute Verschreibung. Idealerweise sollten der Schwangerschaftstest, die Ausstellung des Rezeptes und die Abgabe von Isotretinoin am selben Tag erfolgen. Die Abgabe von Isotretinoin muss innerhalb von maximal 7 Tagen nach der Ausstellung des Rezeptes erfolgen.

Die Patientin argumentiert: „Ja, ich war halt in den Ferien. Ich habe die Rezepte per Post bekommen und bin erst jetzt dazu gekommen, die einzulösen. Dann nehme ich das alte Rezept halt wieder mit und verlange ein neues vom Arzt.“

Springender Punkt: Wurde kontrolliert?

Sie hat die beiden Rezepte ja offenbar gleichzeitig per Post bekommen. Der Arzt hat also mindestens ein Rezept vordatiert … Und ich bin nicht ganz sicher, ob er die Kontrolluntersuchungen auch immer macht – oder einfach auf telefonische Anfrage das Rezept ausstellt. Die Fachinfo dazu ist nicht ganz so eindeutig (siehe unten).

Zum Thema Kontrolluntersuchungen steht folgendes in der Fachinformation:

Kontrolluntersuchungen müssen in Intervallen von 28 Tagen festgesetzt werden. Unter Berücksichtigung der sexuellen Aktivität der Patientin und der Menstruationsanamnese (abnormale Menstruationen, Ausfall von Perioden, Amenorrhö) in der näheren Vergangenheit, muss festgestellt werden, ob regelmässige monatliche Schwangerschaftstests unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden müssen. Wo es notwendig erscheint, muss bei dem Untersuchungstermin zur Verschreibung oder in den 3 Tagen vor dem Besuch beim verschreibenden Arzt ein Schwangerschaftstest durchgeführt werden.

Mir drängt sich die Frage auf: Hätte ich auch das Isotretinoin auf das neuere Rezept nicht abgeben dürfen, da es ja aufgrund der Vordatierung seit der effektiven Ausstellung länger her ist?

Hmmm. Gerade beim Isotretinoin (das ist Roaccutan, Curakne, Tretinac und andere Generika) bin ich unsicher, ob den meisten Ärzten die Einschränkungen der Verschreibung hier bewusst sind – und das ist ein Medikament, wo immer wieder Probleme auftreten.

Bildquelle: webandi, pixabay

Artikel letztmalig aktualisiert am 10.04.2018.

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Pharmazie
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Kranke Schwester
Vor Einnahme des Medikaments muss die Patientin mit ihrer Unterschrift bestätigen, dass sie die Verhütung konsequent anwendet und den Grund dafür auch verstanden hat. Aber eine Garantie gegen eine Schwangerschaft ist das natürlich nicht. Gegen Dummheit ist bekanntermaßen kein Kraut gewachsen.
#5 am 02.06.2018 von Kranke Schwester (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Kranke Schwester
Den negativen Schwangerschaftstest alle 4 Wochen habe ich natürlich "mit Bravour" bestanden. Gegen Dummheit und Ignoranz helfen aber leider auch gesetzliche Vorgaben bedingt. Vielleicht hatte ich auch einfach Glück, eine sehr umsichtige Dermatologin damals gehabt zu haben, die mich hinreichend auf die Teratogenen Eigenschaften des Medikamentes hingewiesen hat - abgesehen davon steht's normalerweise auch nochmal fett auf den Packungen drauf.
#4 am 02.06.2018 von Kranke Schwester (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Kranke Schwester
Ich bin der Meinung, dass mit dem Isotretinoin etwas übertrieben wird. Es wird immer wieder der Vergleich mit dem Contergan-Skandal herangezogen. Im Gegensatz zu Contergan WEIß man aber von der teratogenen Wirkung von Isotretinoin. Meines Wissens nach erfuhr man das bei Contergan erst NACH dem gehäuften Vorkommen von Missbildungen bei Kindern. Dass vom Gesetzgeber auch bei partnerlosen (und auch enthaltsam lebenden) Patientinnen die Einnahme der Pille verlangt wird, finde ich ungünstig. Klar beugt man sich als aknegeplagte Patientin den Vorgaben der Gesetzgeber. Aber man kann's auch übertreiben. Ob ich unter den o. g. Umständen die Pille wirklich jeden Tag zuverlässig einwerfe, wird nämlich nicht kontrolliert. Ja, ich habe sie brav genommen. Bevor hier Spekulationen kursieren. Man kann auch mit Isotretinoin schwanger werden, wenn man's als Pat. unbedingt drauf anlegt. Da hilft auch der Nachweis vom Gynäkologen nicht, dass die Pille verschrieben wurde.
#3 am 02.06.2018 von Kranke Schwester (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Nicht nur die Ärzte, sondern vorallem die Patientin muss wissen warum sie keinesfalls schwanger werden darf, während sie dies Medikament nimmt. Ein paar gruselige Fotos dürften reichen um ihr den Ernst des Verbotes klar zu machen
#2 am 10.04.2018 von Nicole Josan (Heilpraktikerin)
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Vielen Dank das Sie hier auf die starken teratogenen Wirkungen von Retinoiden hinweisen. Mir ist leider immer wieder aufgefallen das einige Kollegen nur sehr unzureichend über diesen Umstand aufgeklärt sind und leichtfertig mit diesen Präparaten umgehen.
#1 am 10.04.2018 von dr. med. Robert Willimsky (Arzt)
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