Polytrauma: Vom Unfall bis zur Reha

19.03.2018

Ihr fahrt auf der Autobahn, vor euch leicht zäh fließender Verkehr. Der Verkehr wird dichter, die ersten machen ihr Warnblinklicht an. Du versuchst, wie ihr das vom Narkosedoc gelernt habt, bei dem sich bildendem Stau sofort auf die linke oder mittlere Spur zu wechseln. Denn du weißt, dass die mit Abstand schlimmsten Unfälle fast immer auf der LKW-Spur ganz rechts passieren.

So auch hier, plötzlich gibt es direkt hinter euch einen heftigen Knall, eine Wolke aus Staub und Dreck legt sich über die Fahrbahn, Autoteile fliegen durch die Luft, danach Stille.

Es sind die ersten Zehntelsekunden des Unfalls, die darüber entscheiden, ob die entstehende Verletzung mit dem Leben vereinbar ist oder nicht. Der Abriss einer Hauptschlagader, eine geplatzte Herzhöhle – und das Leben ist vorbei, eine Rettung unmöglich.

Die ersten Sekunden nach dem Unfall

Instinktiv bist du an die Seite gefahren und stehst jetzt hinter dem Unfall. Du wählst die 112 und dein Handy wird automatisch mit der für diesen Ort zuständige Leitstelle verbunden (genial, oder?). Der Leitstellendisponent wird dich alles Wichtige fragen. Was ist passiert? Von wo rufen Sie an? Wieviele Verletzte gibt es? Außerdem wird es für diesen speziellen Notfall spezielle Fragen geben. Ist die Fahrbahn noch frei oder stehen die Autos quer? Konnten sich die beteiligten Personen selber aus dem Fahrzeug befreien?

Nun wird dem Meldebild entsprechend ein Hilfskonvoi alarmiert. Der besteht in so einem Fall meistens aus der Polizei, die alles rund um Aufnahme des Unfalls regelt, von der Absperrung bis zur Reinigung und Freigabe der Autobahn; aus der Feuerwehr, die die Unfallstelle gegen entstehendes Feuer absichert, eingeklemmte Personen befreien kann und noch viel mehr); und aus dem Rettungsdienst, meist mit RTW und Notarzt, bei entsprechendem Szenario wird häufig auch parallel ein Rettungshubschrauber mit alarmiert.

Der Patient selber hat zwar schwere Verletzungen, die vielleicht nicht stundenlang, aber doch so lange zu überleben sind, bis professionelle Hilfe eintrifft. Der Körper schüttet körpereigene Schmerzmittel und kreislaufstabilisierende Moleküle aus, um diesen Zustand zu überleben.

Die kritischen 60 Minuten: „The Golden hour of Shock

Die Autobahn wird im Anschluss dann durch die meist zuerst eintreffende Polizei abgesperrt, sodass der Hubschrauber dahinter landen kann. Gemeinsam wird die Unfallstelle abgesichert und versucht, die Patienten schnellstmöglich und dem Verletzungsmuster enstprechend schonend zu retten. So schnell wie möglich, so sorgfältig wie nötig. Ein Patient mit drohender Querschnittsverletzung und ohne sonstige Probleme muss so schonend wie möglich gerettet werden. Ein stark blutender Patient wird zur Not egal wie und so schnell wie irgend möglich aus dem Fahrzeug gerettet (Crash-Rettung).

Das alles findet immer in sehr enger Absprache zwischen dem Notarzt, dem Rettungsdienst, dem Einsatzleiter der Feuerwehr und auch der Polizei statt. Sobald ungefähr klar ist, was für Probleme der Patient hat wird zum Beispiel der Rettungsassistent des Rettungshubschraubers versuchen, ein Bett für den Patienten zu organisieren. Dann klingelt in einer großen Klinik, die auf die Versorgung von Schwerverletzten spezialisiert ist (meist eine Uniklinik oder eine sogenannte BG-Klinik) das rote Telefon. Die Klinik bekommt eine ungefähre Info darüber, was sie wann erwartet.

Erstversorgung am Unfallort, dann Abtransport

Nachdem der Patient gerettet ist, wird eine Erstversorgung entweder noch auf der Straße oder im bereitstehenden RTW gemacht. Nach Stabilisierung, Ergänzung intensivmedizinischer Maßnahmen (Narkoseeinleitung, Thoraxdrainagen o.ä.) erfolgt der Transport in den Rettungshubschrauber. Der Rettungsassistent sichert den startenden Hubschrauber ab, der Notarzt kümmert sich weiter um den Patienten. Das aufnehmende Krankenhaus wird jetzt nochmal informiert: „Der Christoph 1 hier, wir landen um 17:20 Uhr mit einem Polytrauma bei euch, SHT, instabiles Thorax- und Beckentrauma, intubiert, beatmet“.

In der Klinik wird nun das Schockraum-Team alarmiert. Bei uns läuft das so, dass man an einem kleinen Rädchen die Uhrzeit einstellt und daneben einen roten Buzzer drückt. Dann bekommen alle Kräfte, die für den Schockraum zuständigen sind, einen Alarm auf ihr Telefon, der zum Beispiel „Schockraum 17:20 Uhr“ anzeigt. Man kann auch einfach so den Buzzer drücken, dann wird es ein „Schockraum SOFORT!“. Das gibt den besonderen Extra-Kick.

Vom Heli in den Schockraum: Das Team steht bereit

Vom Unfall bis zur Übergabe in der Klinik sollte nicht mehr als eine Stunde vergehen. Alles, was darüber hinaus geht, ist mit einem deutlich erhöhten Mortalitätsrisiko verbunden.

Das Team wird also mit dem Patienten landen, warten bis die Turbinen etwas abgekühlt und schließlich ausgeschaltet sind, das dauert ungefähr zwei Minuten. Im Anschluss wird der Patienten ausgeladen und in den Schockraum gebracht. Hier steht ein Team bereit, dies besteht meist aus:

Im Standby stehen außerdem:

Facharzt Neurochirurgie: Macht vor der Bildgebung eine erste Basisuntersuchung, insbesondere wenn der Patient noch wach ist

Facharzt HNO/Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie/Urologie und andere – je nach angemeldetem Verletzungsmuster

Die gemeinsame Arbeit funktioniert wie ein Uhrwerk

Dieses Team kümmert sich nur und ausschließlich um einen einzigen Patienten. Es ist die maximale Versorgungsstufe, die wir bieten können, es gibt keine weitere Eskalation. Dabei kommen jegliche Technik und alle medizinischen Maßnahmen zum Einsatz, die überhaupt nur verfügbar sind, um dieses eine Menschenleben zu retten. Das sieht chaotisch aus, läuft aber wie ein Uhrwerk nach einem Muster, das wir immer und immer wieder trainieren.

Deshalb ist es auch nicht förderlich, wenn im Schockraum Praktikanten und Famulanten herumstehen, die sich das mal ansehen wollen. Da sie es aber ja doch irgendwie lernen müssen, bekommen Bystander bei uns hellblaue Umhänge angezogen, weil die Wände auch hellblau sind und sie so am wenigsten auffallen. Sie müssen in einem auf dem Boden markierten Bereich stehenbleiben, aus diesem dürfen sie nicht heraustreten, bis der Patient den Schockraum wieder verlassen hat.

Der Boden sieht sowieso wie in einer Turnhalle aus. Alles ist farbig eingezeichnet und hat einen festen Standplatz. Der Parkplatz für die Trage des Rettungsdienstes, der Parkplatz für unsere Trauma-Liege, die man direkt ins CT schieben kann, sogar unsere Beatmungskiste hat einen eigenen Parkplatz (und weil der Parkplatz für die Anästhesie blau ist, hat irgendwann mal jemand eine Parkuhr drangehängt.

So geht es weiter ...

Abhängig vom Krankheitsbild des Patienten gibt es ein abgestuftes weiteres Vorgehen:

Die nächsten 24 Stunden  

Von der Akutphase auf der Autobahn, in der Sekundenbruchteile über Leben und Tod entscheiden, dehnen sich die kritischen Zeitabstände immer weiter aus. Die ersten 24 Stunden werden zeigen, ob der Körper es schafft mit den teils massiven Verletzungen umzugehen. Es stehen dramatische Veränderungen an, die den Kreislauf, die Blutgerinnung und Entzündungsmechanismen betreffen, die auch ganz ohne Bakterien erhebliche Probleme verursachen können. Mit moderner Intensivmedizin kann der mit Abstand größte Teil der Patienten, die es bis hier geschafft haben, auch langfristig gerettet werden.

Die Beatmungstherapie, die Stabilisierung der Blutgerinnung, ein geregeltes Temperaturmanagement, die Vermeidung von weiteren Komplikationen wie Lungenentzündungen und Thrombosen und viele weitere Dinge müssen in einem komplexen Zusammenspiel von Ärzten, Pflegekräften, Spezialisten und den Angehörigen gemeistert werden.

Die nächsten Wochen

Der Patient wird manchmal schon nach wenigen Stunden, manchmal erst nach mehreren Tagen von der Beatmungsmaschine entwöhnt und kann aus dem künstlichen Koma erwachen. Abhängig von der erlittenen Schädigung kann dies auch mehrere Tage dauern.

Jetzt stehen Physiotherapie, ggf. auch Logopädie, Ergotherapie und andere ergänzende Therapieangebote im Vordergrund. Außerdem muss weiterhin kontinuierlich darauf geachtet werden, dass zum Beispiel die Magenschleimhaut keinen Schaden durch die Schmerzmittel nimmt und dass die Bettlägerigkeit nicht zur Ausbildung von Thrombosen führt. Hauptziel ist es jetzt, für den Patienten eine Anschlussheilbehandlung (früher auch Reha genannt) zu finden, um schnellstmöglich eine Wiedererlangung der Selbständigkeit des Patienten zu gewährleisten.

Und für alle, die sich das durchgelesen haben, gibt es an dieser Stelle noch ein sehr empfehlenswertes Video. Das Team vom SWR wollte eine Reportage über die Arbeit mit einem Rettungshubschrauber drehen und war somit zufällig mit dabei, als Marcelo in der Schule aus dem Fenster fiel. Das Team entschied sich dafür, nicht nur den Unfall und die Erstversorgung – die schön zeigt, was da alles schief gehen kann – zu zeigen, sondern Marcelo auch die nächsten Tage, Wochen und Monate  zu begleiten. Sehenswert, in jeder Hinsicht.

 

Bildquelle: youngthousands, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 26.03.2018.

63 Wertungen (4.89 ø)
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Toll zusammengefasst und beschrieben. Tiefen Respekt für die tägliche Arbeit und noch dazu einen klaren Blick auf das Geschehen.
#4 vor 46 Tagen von Dr Martin Winkler (Arzt)
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Ein für mich sehr wertvoller Beitrag! Ich habe es bisher vermieden mich um das „Nachher“ unserer Patienten zu kümmern. Vermutlich aus Gründen meiner persönlichen Seelenhygiene. Verglichen mit der Zeit, die dieser junge Mensch mit den Folgen seines Unglücks verbringen muss zählt unser Tun daran nur einen Wimpernschlag. Danke für den Hinweis, dass dieser Wimpernschlag einen entscheidenden Einfluss auf das weitere Leben unserer Patienten haben kann! Das verliert man vielleicht durch die alltäglichen rettungsdienstlichen Banalitäten hier und da aus dem Auge.
#3 am 10.04.2018 von Olaf Pohlmann (Rettungsassistent)
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Wie immer schön geschrieben.
#2 am 07.04.2018 (editiert) von Alexander Schütz (Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technischer Assistent)
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Ein großartiger Beitrag und Film, danke.
#1 am 24.03.2018 von Sylvia Robinson (Ärztin)
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