Cannabis auf Rezept: Auch nach einem Jahr muss noch viel Aufklärung erfolgen

19.03.2018

Seit einem Jahr können schwer kranke Patienten in Deutschland sich Cannabis auf Rezept verschreiben lassen. Eingesetzt wird es unter anderem bei Rheuma, chronischen Schmerzen und dem grünen Star. Einerseits steigt die Nachfrage, weshalb es bald auch in Deutschland angebaut werden soll. Andererseits ist noch immer viel Aufklärung erforderlich, weil viele Ärzte sich noch schwer damit tun, ein Rezept auszustellen.

Ein Jahr nach der Freigabe: Die Nachfrage nach medizinischem Cannabis steigt

Vor einem Jahr wurde Cannabis auf Rezept in Deutschland freigegeben. Mittlerweile wird medizinischer Cannabis von Ärzten auch häufiger verschrieben als am Anfang: Im letzten Jahr gaben Apotheken etwa 44.000 Einheiten Cannabis-Blüten auf die Kosten der Krankenkassen an Patienten aus. Das berichtete der Apothekenbranchenverband. Bis zum letzten März war medizinischer Cannabis hingegen noch eine Nische gewesen, nur rund Tausend Kranke hatten es auf Rezept mit einer Ausnahmegenehmigung erhalten.

Andreas Kiefer, der Präsident der Bundesapothekenkammer, teilt mit, dass die Nachfrage im letzten Jahr von Quartal zu Quartal zugenommen habe. Das treffe sowohl auf die Rezepte als auch auf die Abgabeeinheiten zu. Schon im zweiten Quartal 2017 konnten Apotheken 4615 Rezepte mit ungefähr 10.000 Einheiten verbuchen. Im letzten Quartal des Jahres seien es sogar schon über 12.500 Rezepte mit etwa 18.800 Einheiten gewesen. Kiefer betont, dass Patienten mit der Dosierung und der Anwendung nicht länger allein gelassen werden. Zudem sei medizinischer Cannabis seit der Freigabe nicht nur leichter zugänglich, sondern auch billiger. Aus Datenschutzgründen wurde aber nicht ermittelt, wie viele Patienten tatsächlich Cannabisblüten erhielten.

Für welche Krankheiten kann medizinischer Cannabis zum Einsatz kommen?

Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für Cannabis-Arzneimittel insbesondere bei schwerkranken Menschen, denen nachweisbar nicht auf anderem Wege geholfen werden kann. Die wichtigsten Bestandteile von medizinischem Cannabis sind Cannabidiol (CBD) und Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC). Sie gelten als krampflösend, entzündungshemmend, schmerzlindernd und appetitanregend. Bisher kann medizinischer Cannabis daher unter anderen bei folgenden Krankheiten verschrieben werden:

Der medizinische Nutzen ist aber noch nicht bei allen Erkrankungen wirklich belegt. Da es viele positive Beobachtungen gibt, wird die Wirkung von Cannabis weiter erforscht.

Medizinischer Cannabis – Viele Anträge werden von den Krankenkassen abgelehnt

Die Krankenkassen erhalten massenhaft Anträge auf Kostenübernahme für Behandlungen mit Cannabis. Seit der Freigabe am 10. März 2017 waren es allein bei den großen Krankenversicherungen AOK-Bundesverband, Barmer und Techniker insgesamt über 15.700 Anträge. Nach eigenen Angaben lehnten die Krankenkassen etwa ein Drittel aller Anträge zunächst ab. Grund dafür seien unvollständige oder fehlerhafte Angaben. Allerdings betont der Spitzenverband GKV, dass die gesetzlichen Krankenkassen grundsätzlich bei allen zugelassenen rezeptpflichtigen Arzneimitteln die Kosten übernehmen. Eine Cannabis-Therapie kostet im Monat durchschnittlich 540 Euro.

Erste Ernte in Deutschland für 2019 geplant

Der bayerische Arzneihersteller Bionorica profitiert von dem Cannabis-Boom. Der Umsatz seines Cannabis-Mittels Dronabinol konnte sich im Jahr 2017 mehr als verdoppeln. Die Zahl der Patienten verdreifachte sich sogar fast, wobei die Tendenz steigend ist. Deshalb baut Bionorica seine Produktion aus.

Angebaut wird medizinischer Cannabis im Moment insbesondere in den Niederlanden und in Kanada. Von dort aus wird er nach Deutschland importiert. Allerdings will der Bund auch in Deutschland den Anbau sichern. Deshalb schreibt eine Cannabis-Agentur unter dem Dach vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) schon jetzt Aufträge an Firmen aus. Es werden Lizenzen für 6600 Kilogramm medizinisches Cannabis verteilt, welches über vier Jahre hinweg angebaut werden soll.

Auf diese Ausschreibung sollen sich über Hundert Unternehmen beworben haben. Für 2019 ist bereits die erste Ernte geplant. Die Marge für die Firmen ist dabei enorm: Den Herstellungskosten von wenigen Euro pro Gramm steht der Apothekenpreis von über 20 Euro gegenüber.

Nicht einmal Tausend Ärzte stellten ein Rezept für Cannabis aus

Dementsprechend ist Deutschland für Anbieter ein sehr attraktiver Markt. Nicht ohne Grund eröffnete die kanadische Firma Nuuvera bereits ein Büro in Hamburg und baut im nahe gelegenen Bad Bramstedt einen Tresor für die Cannabis-Lagerung, der über eine Alarmanlage mit Polizeiverbindung sowie Erschütterungs- und Bewegungsmelder verfügt. Nuuvera vertreibt medizinischen Cannabis als Kapseln und Öl, weil es für Ärzte und Patienten leichter zu dosieren ist als Blüten.

Dennoch bleiben viele Ärzte dem medizinischen Cannabis gegenüber skeptisch. Nicht einmal Tausend Mediziner stellten Rezepte aus. Josef Mischo von der Bundesärztekammer kritisiert, dass noch zu wenig darüber bekannt sei, ob und wie die Medikamente auf Cannabis-Basis genau wirken. Es müsse erst mit Studien im Detail geprüft werden, ob Cannabis wirklich eine Alternative zu anderen Therapien sei – gerade, weil sich viele Schwerkranke große Hoffnungen machen.

Zusammenfassung

Seit medizinscher Cannabis in Deutschand freigegeben wurde, steigt die Nachfrage rapide. Deshalb ist nun auch in Deutschland der Cannabis-Anbau unter staatlicher Aufsicht geplant. Allerdings tun sich viele Ärzte noch schwer damit, ihren Patienten ein Rezept auszustellen.

Artikel letztmalig aktualisiert am 19.03.2018.

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Aus: Brandt
Gesundheitspolitik
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