Ich wünsche mir mehr Mittelfinger

19.03.2018

Woran es Ärzten in Kliniken definitiv nicht mangelt: 36-Stunden-Schichten. Schlafmangel. Opt-Out-Verträge als Grundvorausetzung für eine Anstellung. Woran es den meisten von ihnen leider sehr wohl mangelt, ist Mut. Warum lassen wir uns so viel gefallen?

Die Krankenhäuser sind überlastet. Überall herrscht Ärztemangel. Ärzte mit geeigneter Qualifikation zu finden, ist rar. Man wird an allen Ecken und Enden gebraucht. 

Die Arbeitsbedingungen sind schlecht. In noch weiten Teilen in Deutschland gibt es 24-Stunden- oder gar 36-Stunden-Schichten, Opt-Out-Verträge und keinen Freizeitausgleich. Überstunden gibt es nicht, viele Ärzte werden automatisch ausgestempelt und arbeiten unbezahlt weiter um die Patienten zu versorgen. Briefe müssen geschrieben, Entlassungen vorbereitet, Erythrozytenkonzentrate angehängt und Angehörigengespräche geführt werden. 

Sie tolerieren Schlafmangel, arbeiten krank, schimpfen über kranke Kollegen, lassen ihre Familie im Stich oder haben keine. Sie verzichten auf Freizeit, Geld und Gesundheit. 

Sie lassen es zu, von ihren Chefs beschimpft zu werden. Sie neigen den Kopf, wenn ihnen versprochene Tätigkeiten verwehrt werden. Sie akzeptieren cholerische Chefs, die sie vor anderen Mitarbeitern bloß stellen. 

Warum wehren sich die Ärzte nicht? In einer Generation, für die Freizeit und Familie scheinbar einen so hohen Stellenwert haben soll? Zu einer Zeit, in der sie ohne Probleme Forderungen stellen könnten? In der sie überall einen Job finden könnten? 

Werden solche Sachbehalte in den Kliniken besprochen, sieht man einstimmiges Kopfnicken. Kommt es zu Gesprächen mit Ober- und Chefärzten oder gar der Verwaltung, ist da nur noch gebücktes Kopfschütteln. 

Ich wünschte mir für unsere Generation mehr Mittelfinger. Für den Anfang würden mir auch ein gerader Rücken und zwei feste Beine auf dem Boden schon genügen.

 

Bildquelle: Thought Catalog, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 21.03.2018.

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Medizin, Chirurgie
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Klasse Beitrag. Die Strukturen und Umgangsformen in Kliniken werden so lange bestehen bleiben, wie es immer noch genug Ärzte gibt, die sich das gefallen lassen, statt zu gehen.
#13 am 23.03.2018 von Christopher Dedner (Arzt)
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Gast
Ist das vor allem ein Problem in den operativen Fächern? In meinem konservativen Fach (zugegeben, ein Orchideenfach, aber der unmittelbaren Patientenversorgung zugehörig) hatte ich eigentlich immer das große Glück, daß Arbeitszeiten und der Umgang untereinander stimmten - insofern sicher nicht repräsentativ. Zum Thema angepaßte Ärzte: Eine Bekannte vor mir hat an der FU Berlin mit dem Studium Mitte der 1960er angefangen. Die Mediziner waren so ziemlich die einzigen, die in dieser wilden Zeit unverdrossen die Vorlesungen besucht haben...
#12 am 22.03.2018 von Gast (Arzt)
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Guter Artikel! Gute Kommentare! Es ist leider schwierig, Zusammenhalt herzustellen. FÜR bessere Bedingungen im Krankenhaus. Ärztliches und auch pflegerisches Personal sind oft am Limit, Sanktionen seitens der Leitungen/Vorgesetzten kommen in beiden Bereichen vor. Allerdings gibt es auch positive Reaktionen beim Aufzeigen von Bedarfen und bei Gefährdungsanzeigen. Schade, dass dies erwähnenswert ist. Ärzte tun sich nicht zusammen... Pflege tut sich nicht zusammen (?)... Ein Traum, würden wir alle an einem Strang ziehen, am gleichen Ende. Es könnte zu einer win-win-Situation führen. Das Gesundheitssystem befindet sich in einer Schockspirale. Schade
#11 am 22.03.2018 von Hildur Bohland (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Gast
Viele werden wohl denken, die Zeit als kleiner „Assi“ wird auch vorüber gehen, immer das Ziel vor Augen, Ober-und Chefarzt zu werden. Wäre dann wünschenswert, ein angenehmer und wohlwollender Chef zu sein
#10 am 22.03.2018 von Gast (Arzt)
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Arzt vom Land
ad 5: Und genau so kenne ich die Situation auch: Ob Studium in den 70ern, Facharztausbildung in den 80ern oder Tätigkeit heute. In der Gruppe sind sich alle einig, wir müssen was tun und uns wehren. Und wenn man dann den Finger hebt, sind alle auf einmal verschwunden und man steht allein vor dem cholerischen Chef. Resumé nach rd. 40 Berufsjahren: Ich rede für mich, sonst für keinen anderen. Mediziner einst und heute haben keine Solidarität untereinander. P.S. Die meisten unserer Patienten würden einen Aufstand der Ärzte sogar gut finden. Es ist die Politik, die uns immer weis macht, es ginge gegen die Patienten.
#9 am 22.03.2018 von Arzt vom Land (Arzt)
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Medizinstudent
Den Kampf gegen so etwas muss man geschlossen mit den "niedrigeren" gestellten Kollegen auf Station antreten. Leider fürchte auch ich, dass zu viele junge Ärzte Ärger vermeiden wollen. Dabei wäre es gerade sinnvoll, wenn alle geschlossen auftreten. Einen kann man kündigen, rausekeln oder wie auch immer loswerden. Alle auf einmal? Da sind die Chefs zum Verhandeln gezwungen. Allerdings erlebe ich unsere Generation als angepasst und konfliktscheu, gerade unter den Ärzten/Ärztinnen und bereits Medizinstudenten/-studentinnen.
#8 am 22.03.2018 von Medizinstudent (Studentin der Humanmedizin)
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Meretseger
# 6 Eben, der Patient leidet unter diesen Hierarchien zwar anders, aber eben auch, wenn z.B. drei Ärzte eine OP empfehlen und der Chef dann unverrichteter Dinge alle wieder nach Hause schickt.
#7 am 22.03.2018 (editiert) von Meretseger (Gast)
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Gast
# 5 Grauenvoll ! Ich denke, flache Hierarchien sind sinnvoll, auch gut für die Patienten . Fand ich als Patientin sehr angenehm in einem Anthroposophischen Krankenhaus, von den Pflegekräften bis zum Chefarzt waren die Alle super freundlich ,und es herrschte ein sehr angenehmes Klima
#6 am 22.03.2018 von Gast (Arzt)
  2
Facharzt
Es bringt ja nichts positives. Meinen Mittelfinger habe ich gezeigt. Resultat: 4 mal Klinikwechsel. Im Lebenslauf sieht es aber so aus, als läge der Fehler bei mir. Abschluss der Facharztweiterbildung erst in der 4. Klinik. Danach ein letztes mal den Mittelfinger gezeigt und Abstand von den Psychos genommen. Für die Einschaltung des Betriebsrates wurde ich mit OP-Verbot belohnt. Für die Einschaltung der Ärztekammer wurde ich mit der Empfehlung belohnt, meine Facharztweiterbildung im anderen Bundesland fortzusetzen, da die Chefärzte untereinander vernetzt seien. Das stimmt nicht, dass man überall Job finden kann. Wie oft möchte man denn mit der ganzen Familie umziehen? Diese Ansammlung der "pathologischen Charaktere in den hohen Positionen" kennen sich untereinander. Und jeder Arzt kämpft hier für sich alleine, falls überhaupt jemand diesen Kampf aufnimmt. Da ist niemand, der einem hilft. Und die breite Masse unter den Ärzten ist opportunistisch genug zu schweigen.
#5 am 21.03.2018 von Facharzt (Student)
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Anonym
Von einem Arzt erwartet man Verantwortungsgefühl – auch gegenüber sich selbst. Aus Erfahrung und vielen Gesprächen weiß ich, dass gerade jüngere Ärzte Einkommensverluste fürchten. Das scheint mir der Konflikt zu sein.
#4 am 21.03.2018 von Anonym (Psychologe)
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Gast
Weil Ärzte in Deutschland traditionell nicht zu den Widerständlern gehören. Erinnern wir uns ans 3. Reich, aber auch die sog. Psychiatrie in der "DDR". In beiden Systemen haben Ärzte sogar zu Mißständen und Verbrechen geschwiegen. Die heutige Situation ist mit den beiden Diktaturen nicht vergleichbar, es ist uns um vieles leichter. Das System ist massiv unterfinanziert, Politik und Krankenkassen gaukeln der Öffentlichkeit vor, es gäbe noch eine flächendeckende Versorgung aller Patienten und wir wären noch 1.Welt...und Ärzte kommen in Äußerungen von Politik, Medien und Kassenfunktionären ohnehin nur als raffgierige Kurpfuscher vor. Tatsächlich hat man sich ein akademisches Proletariat geschaffen, das man nun nach Gutdünken auszubeuten trachtet.
#3 am 21.03.2018 von Gast (Arzt)
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Kapitalismusgegner
Warum wehren sich die Ärzte nicht? Weil sie im Grunde den Mittelfinger ihren Patienten zeigen würden - und nicht dem ausbeuterischen system.
#2 am 21.03.2018 von Kapitalismusgegner (Nichtmedizinische Berufe)
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Gast
Genau diesen Mittelfinger zeigen viele hochkompetente Kollegen und fliehen paar Jahre nach abgeschlossener Facharztweiterbildung in die Niederlassung weit fern von der Klinik... Und dann drehen sie den Terror schön um und überlegen sich zweimal wo sie ihre Patienten hinschicken. Wer seinem cholerischen Chef im operativen Fach zu viele Kontras gibt, sieht den OP nach einiger Zeit auch nur von Kilometerentfernung. Das war leider schon immer so... Meiner Meinung nach ist die o.g. Konstellation auch einer der Gründe weswegen so viele pathologische Charaktere in hohen Positionen in Kliniken übrig bleiben... Viele andere fliehen nach und nach.
#1 am 21.03.2018 von Gast (Ärztin)
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